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Herbst in Dresden – Pegida im Spiegel ihrer Sprache

Pegida Herbst in Dresden – Pegida im Spiegel ihrer Sprache

Das Bild, das bei Pegida gezeichnet wird: Völlig unfähige, feige, verfettete und moralisch degenerierte Politiker überlassen das Land „Horden von männlichen Invasoren“, die „alle keine Frauen haben und sexuell geladen sind“ (Festerling, 7.9.15, Dresden).

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Dr. Anna-Maria Schielicke.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. In seinem Buch „Lingua Tertii Imperii“ schrieb der Dresdner Victor Klemperer „Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag. […] die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.“ (Klemperer, LTI, S. 20).
Bei Pegida muss man nun nicht lange nach dem Wesen suchen. Die Verächtlichmachung von Einzelpersonen, wie die „einfältig, dumme Grüne Katrin Göring-Eckardt, eine gescheiterte Existenz ohne Berufsabschluss“, oder „das dicke Kind aus Goslar“ (Sigmar Gabriel), das „haarscharf an der Sonderschule vorbeischrammte“, oder der „feige Pfaffe“ (Joachim Gauck) aus Rostock, der sich 1989 hinter seiner Kanzel versteckt habe und außerdem ein „debil grinsender Ehebrecher ist“ (Festerling, München, 14.9.2015), gehört da schon zum Grund-inventar. Auch die Flutvergleiche in Bezug auf Flüchtlinge sind spätestens seit den 1980er Jahren Standardvokabular (siehe Wengeler 1995) in diesen Kreisen, aber nicht nur.

Dadurch sind sie aber nicht weniger wirksam. Das Bild, das bei Pegida gezeichnet wird: Völlig unfähige, feige, verfettete und moralisch degenerierte Politiker überlassen das Land „Horden von männlichen Invasoren“, die „alle keine Frauen haben und sexuell geladen sind“ (Festerling, 7.9.15, DD). Gestützt wird dieses Untergangsszenario dann noch durch Bilder „zusammenbrechender Sozialsysteme“ und „gefälschter Arbeitslosenzahlen“ (Gastredner Horst, 14.9.15). Nicht nur die „Mega-Umvolkung“ (Festerling, 14.9.15, München) steht unmittelbar bevor, nein, gleich der totale Zusammenbruch. Da kann man als Pegidist nur zur Feststellung kommen: „Wir befinden uns bereits im Krieg“, zwar rollen noch keine Panzer durch unsere Straßen, aber sie rollen auf Schienen „an die Ostfront“ (Festerling, 7.9.15, DD).

Aber damit hört das Bedrohungsszenario nicht auf, nein, da sind ja auch noch diejenigen, die sich „gegen ihr eigenes Volk“ verschworen haben. All die Ehrenamtlichen zum Beispiel, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Sie machen sich nämlich „mitschuldig […] an der Abschaffung unserer Freiheit und unserer aufgeklärten Werte.“ (Festerling, 28.9.15, DD). Fehlen in der Feindaufzählung dürfen auch nicht die „Gutmenschen“. Diese sind wahlweise Insekten –  „[…] je doller man schlägt, desto aggressiver wird dieses Viehzeugpack“ (Gastredner Stefan aus Chemnitz, 7.9.15, DD) – oder „größenwahnsinnige Herrenmenschen“, die auch „wieder Konzentrationslager hier in Dresden“ errichten (Festerling, 7.9.15).

Und unten steht „das Volk mit dem eisernen Willen“ (Gastredner Stefan aus Chemnitz, 7.9.15, DD) und applaudiert und johlt. Und lacht auch mal wie über einen zotigen Stammtischwitz, wenn Flüchtlinge als „Surensöhne“ oder „Salatfister“ und Journalisten als „Presstituierte“ (Däbritz, 21.9.15, DD) bezeichnet werden. Es schreit „Arbeitslager!“ (Festerling, 21.9.15, DD), wenn von der Presse die Rede ist. Es schreit „Abschieben!“ (Bachmann, 14.9.15, DD), wenn von Politikern die Rede ist. Und immer öfter und immer lauter schreit es „Widerstand!“.

Hieß es noch am Anfang, „Pegida ist gekommen, um zu bleiben“, heißt es jetzt weiter „[…] und ist geblieben, um zu siegen.“ (Bachmann, 7.9.15, DD). Am gleichen Tag noch sagt Bachmann nach einem kleinen Disput, welche Strophe des Deutschlandliedes gesungen werden dürfe – wobei seiner Ansicht nach „entweder alle drei oder nur die erste“ gesungen werden darf – „Wenn wir es irgendwann mal geschafft haben, die Verräter aus Berlin zu vertreiben, dann singen wir hier Strophen, so viel wir wollen.“ Währenddessen stimmt ein Mann im Publikum die erste Strophe an. Wenige Wochen später sieht Bachmann durch die Politik sogar den öffentlichen Frieden gefährdet: „Was momentan nämlich in Berlin abgeliefert wird, ist nicht mehr nur planlos, es ist mittlerweile friedensgefährdend und ist strafrechtlich gesehen geeignet, die öffentliche Ordnung und Sicherheit sowie den öffentlichen Frieden zu stören.“ (Bachmann, 28.9.15, DD). Und Jürgen Elsässers (meiner Ansicht nach justiziablen) „Aufruf an die deutschen Soldaten“ nachplappernd, richtet Festerling anschließend einen Appell an Polizei und Soldaten: „Schließt Euch uns an!“, denn „erst wenn Polizei und Bundeswehr niederlegen [ihre Arbeit, Anm. d. Verf.], dann wird Artikel 20, Absatz 4, das Recht auf Widerstand, konkret.“ (Festerling, 28.9.15, DD). In besagtem Artikel des Grundgesetzes steht: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Und die Menge johlt und jubelt und applaudiert.

Das ist „das Volk“ im Herbst 2015 in Dresden

Nun könnte man sagen, das sind alles nur Worte. „Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse. […] Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ (Klemperer, LTI, S. 26).

In diesem Sommer verging kaum ein Tag ohne Brandanschlag auf Asylbewerberheime und -wohnungen, Ausschreitungen bei Demonstrationen, Beleidigungen und Körperverletzungen zuhauf, Journalisten wurden angegriffen, Ehrenamtliche und ihre Familien direkt bedroht, Büros von Politikern verwüstet. Und in meinen Ohren hallt wieder und wieder „Arbeitslager!“, „Abschieben!“, „Widerstand!“. Glaubt wirklich noch jemand, das eine hätte mit dem anderen nichts zu tun?

Zum 19. Oktober, dem „Jahrestag der Bewegung“ (so möchte ich es mal bezeichnen), rufen die Unermüdlichen von Dresden für Alle, Dresden Nazifrei, Neujahrsputz und und und zum Gegenprotest auf. Zumindest SPD, Grüne und Linke schließen sich dem Aufruf an. Wer fehlt? Genau – die CDU. Wie war das noch mal mit dem „Aufstand aller in unserem Land“? (Regierungserklärung Tillich, 1.9.15). Aber sie arbeitet derweil vielleicht lieber daran, „die herrschende Deutungsdominanz der „Achtundsechziger“ in Medien, Wissenschaft und Schule und die damit verbundene Diskreditierung wertorientierter patriotischer Positionen […] zu überwinden.“ (Deutscher Patriotismus im vereinigten Europa, CDU-Sachsen) und richtet ihren Blick streng nach links, ob da nicht doch vielleicht noch ein Linksextremist aus dem Busche hüpft. Selbst Kurt Biedenkopf relativiert nach 15 Jahren sein Statement „Die Sachsen sind immun gegen Rechtsextremismus“ in „Die große Mehrheit ist immun“. Wenn der Erkenntnisfortschritt so rasant weitergeht, erlebe ich vielleicht noch das Eingeständnis, dass Sachsen ein heftiges Problem mit Rechtsextremismus hat.

Sämtliche Parteien von links bis rechts, von Landtag bis Stadtrat lassen sich gerade ohne Gegenwehr den gesamten Diskurs aus der Hand nehmen. Sie lassen die Straße sprechen, unkommentiert und ungestraft, und sie lassen die Straße handeln. Derweil müssen Bürger, die sich für Flüchtlinge engagieren oder sich im Netz kritisch äußern oder Hass-Kommentare zur Anzeige bringen, mindestens mit unappetitlichen Mails rechnen, wenn nicht gar mit expliziter Bedrohung. Victor Klemperer schrieb: „Die Republik gab Wort und Schrift geradezu selbstmörderisch frei; die Nationalsozialisten spotteten offen, sie nähmen nur die von der Verfassung gewährten Rechte für sich in Anspruch.“ (Victor Klemperer, LTI, S. 32). Ich hoffe nicht, dass das in Dresden vielleicht irgendwann auch für Artikel 20, Absatz 4 Grundgesetz gilt.

Klemperer, Victor (2007). LTI. Stuttgart: Philipp Reclam jun..
Wengeler, Martin (1995). Multikulturelle Gesellschaft oder Ausländer raus? Der sprachliche Umgang mit der Einwanderung seit 1945. In: Stötzel, Georg & Martin Wengeler (Hrsg.): Kontroverse Begriffe. Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland. New York, Berlin: Walter de Gruyter. S. 711-749.

Dr. Anna-Maria Schielicke

Unsere Gastautorin ist langjährige Betreuerin des DNN-Barometers. Ihr Beitrag erschien zuerst auf www.sehnsuchtsort.de

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