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Heike Metz aus Dresden fuhr in der DDR vier Jahre zur See

Ein Leben für die See Heike Metz aus Dresden fuhr in der DDR vier Jahre zur See

„Sachsen hatte im Osten als eines der bevölkerungsstärksten Länder die größte Seefahrergemeinschaft, das merkt man bis heute“, erklärt Heike Metz. Die ehemalige Hochsee-Stewardess organisiert Ehemaligentreffen und hat auch so einige Geschichten auf Lager.

Mit dem Frachter MS Fliegerkosmonaut Siegmund Jähn verschlug es die junge Dresdnerin an weit entfernte Orte wie Mombasa.
 

Quelle: privat

Dresden.  März 1988: die Dresdnerin Heike Metz hat ein Problem. Eigentlich sollte ihr Schiff, die MS Schwerin, nur wenige Tage in Havanna bleiben. Doch Geschäfte und Verhandlungen der DDR-Reederei Deutfracht-Seereederei-Rostock (DSR) sorgen letztendlich für eine 46-tägige Liegezeit des Frachters in der kubanischen Hauptstadt. Dem Personal, also auch der 25-jährigen Stewardess, stehen nur wenige Peso Aufenthaltsgeld zur Verfügung. „Das war dann nach zwei Tagen alle und gekauft hatten wir eigentlich auch nichts“, erinnert sie sich.

Gemeinsam mit ihren Stewardess-Kolleginnen schlüpfte Heike Metz (1vr) auch ab und an in die Seemannsausrüstung auf den DDR-Schiffen

Gemeinsam mit ihren Stewardess-Kolleginnen schlüpfte Heike Metz (1.v.r.) auch ab und an in die Seemannsausrüstung auf den DDR-Schiffen.

Quelle: privat

Da auch in Kuba weder Ost- noch Westmark angenommen werden, muss sich die Crew also etwas einfallen lassen. So verkaufen die Seeleute zunächst ihre Seife an die Einheimischen, doch auch diese Vorräte gehen zur Neige. Alsoüberlegen sich die findigen Matrosen einen Plan: Gemeinsam mit ihren Kollegen entwickelt Heike Metz das „Spezial-Duschgel“ für die Einwohner Havannas. Die Zutaten: Fit, DDR-Weichspüler Wofalor und Wasser. Abgefüllt wird die Chemikalie in leere Schnapsflaschen – die aus hier unerwähnten Gründen zufälligerweise zuhauf auf dem Schiff zu finden sind. „Das hat wahnsinnig geschäumt und auch noch gut gerochen“, erinnert sich Metz. So konnte die Crew schließlich einige Stadtrundfahrten und abendliche Mojitos in der Hafenbar „La Bodeguita del Medio“ finanzieren.

Solche Geschichten sind es, die die mittlerweile 54-Jährige bis heute für das Leben auf See begeistern. Dabei ist Heike Metz nur vier Jahre zur über die Ozeane gefahren, von 1985 bis 1989. Doch bis heute engagiert sich die 54-Jährige im Vorstand des Vereins der ehemaligen DSR-Seeleute, organisiert Treffen, veröffentlicht Bücher.

Zunächst studierte die Dresdnerin Mathe und Physik, bevor es sie auf die hohe See verschlug. „Ich wollte einfach weg, und etwas von der Welt sehen.“ Dieser Wunsch sollte der damals 22-Jährigen auch in Erfüllung gehen. Insgesamt bereiste Metz als Stewardess der MS Fliegerkosmonaut Sigmund Jähn, MS Schwerin und MS Oranienburg sowie kurze Zeit als Empfangssekretärin des Kreuzfahrtschiffes MS Arkona 32 Länder in Afrika, Asien und Mittelamerika. „Für uns DDR-Bürger war das natürlich das Größte, einmal eine Coca Cola in Hongkong zu trinken, Elefanten in Afrika zu sehen oder entfernte Welten wie Indien zu entdecken.“

Essen aus der Dose soll schmecken und spart vor allem Zeit, denn auf dem Schiff muss es manchmal praktisch und schnell zugehen

Essen aus der Dose soll schmecken und spart vor allem Zeit, denn auf dem Schiff muss es manchmal praktisch und schnell zugehen.

Quelle: privat

Dabei war das Leben auf See für die junge Stewardess alles andere als leicht. Gearbeitet wurde von frühs bis spät abends. „Wir haben die Offiziere und Mannschaft bedient, eingedeckt und Küchenarbeit gemacht“, so die ehemalige Seefrau. Meist arbeiteten zwei bis drei Stewardessen – für die Offiziere gab es eine eigene Oberstewardess – gemeinsam mit 40 bis 50 männlichen Seeleuten. „Das war aber kein Problem, wir waren immer alle ein großes Team und haben uns respektiert.“

Zwar hatten die Stewardessen mit gerade mal 575 Ostmark einen geringen Lohn, doch für jeden Tag auf See gab es ein Handgeld von 3,50 DM(ab 1988 sogar 5,20 DM), was in den einzelnen Häfen ausgezahlt oder am Ende der Fahrt als „Basarscheine“ für Westwaren in Rostock oder Wismar ausgegeben wurde. Ihre längste Fahrt hatte Heike Metz vom 30. April 1987 bis zum 25. Mai 1988: 12 Monate und 26 Tage – ohne einen freien Tag. Dafür gab es von der DSR aber mehr als 100 Urlaubstage gut geschrieben.

Natürlich gab es auf den langen Fahrten auch die ein oder andere Liebschaft zwischen Stewardess und Seemann, wie Heike Metz heute verrät. „Ich wollte aber nie einen Seemann heiraten, um dann später alleine zuhause zu sitzen und auf die Kinder aufzupassen, während der Mann auf den Weltmeeren rumschippert“, so die 54-Jährige. Sie lebt heute mit ihren beiden Kindern in Coschütz, hatte es nach der Wende nicht einfach. Die Reederei wurde massiv zurückgebaut, Tausende verloren ihre Jobs. Nach verschiedenen Engagements in einem Hotel und einer Druckerei arbeitet die 54-Jährige heute nebenbei als Verkäufern.

1968 überfuhr Heike Metz erstmals den Äquator

1968 überfuhr Heike Metz erstmals den Äquator. Standesgemäß wurde sie dabei von ihren Kollegen getauft.

Quelle: privat

So hat die ehemalige Hochsee-Stewardess genug Zeit, um ihre ganze Energie in den Verein der ehemaligen DSR-Seeleute zu stecken, bei dem sie seit 2008 im Vorstand ist. Jedes Jahr organisierte der Verein mehrere Treffen, seit 2014 gibt es nur noch einen riesigen Sommertreff in Reinsberg zwischen Wilsdruff und Nossen.

„Sachsen hatte im Osten als eines der bevölkerungsstärksten Länder die größte Seefahrergemeinschaft, das merkt man bis heute“, erklärt Metz. So trafen sich beim 50. DSR-Seeleutetreffen im vergangenen Jahr mehr als 650 ehemalige Schiffer, um sich auszutauschen und an frühere Zeiten zu erinnern. Am Donnerstag versammeln sich die Seeleute erneut in Reinsberg, ein viertägiges Programm mit Ausfahrt zum Schloss Wackerbarth, Musikshows und einem großen Feuerwerk auf dem örtlichen Zeltplatz stehen auf dem Programm.

Durch die großen Treffen und die Öffentlichkeitsarbeit erhoffen sich die Seeleute das ein oder andere neue Vereinsmitglied. „Leider wissen immer noch viele Ehemalige nicht, dass es unseren Verein gibt. Dabei ist gerade hier die Chance groß, etwa Freunde oder Kollegen von früher wieder zu treffen“, erklärt Heike Metz. Denn gerade die Seefahrer schwelgen gerne in Erinnerungen über die Erlebnisse während ihrer besonderen Zeit auf See und teilen ihre Abenteuer sehr gern mit anderen, weiß die 54-Jährige.

Deshalb veröffentlicht der Verein auch einmal jährlich pünktlich zum Seeleutetreffen seine Bordgeschichten. Dort schreiben die ehemaligen Schiffer die lustigsten und spannendsten Erfahrungen aus ihren Tagebüchern von früher und heute nieder und bieten damit ein buntes Potpourri aus Abenteuern und bisher unveröffentlichten Bildern aus aller Welt. Heike Metz kümmert sich als Verantwortliche das ganze Jahr über um die Zusammenstellung und Veröffentlichung des Lesestoffs. „Ich bin quasi immer auf der Jagd nach neuen Geschichten“, so Metz. Die liebevoll gestalteten Bücher mit rund 50 Episoden gibt es für alle Fans der Seefahrt für rund elf Euro auf der Internetseite des DSR oder direkt beim Vereinstreff am Wochenende zu kaufen.

www.seeleute.de

Von Sebastian Burkhardt

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