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Haushalte in Wohngemeinschaften häufig armutsgefährdet

Bevölkerung Haushalte in Wohngemeinschaften häufig armutsgefährdet

In Wohngemeinschaften in Dresden leben nicht hauptsächlich Studenten. Die finanziellen Verhältnisse der Bewohner sind häufig kritischer als bei übrigen Dresdnern, genauso wie ihre Bewertungen für die Stadt.

Symbolbild

Quelle: Stadt Dresden

Dresden. Das hat selbst die Statistiker überrascht: Entgegen der landläufigen Erwartung sind die meisten Bewohner von Wohngemeinschaften in Dresden nicht Schüler und Studenten. Nach den neuesten Zahlen der kommunalen Statistikstelle sind die meisten Menschen, die in Wohngemeinschaften leben, Erwerbstätige in Voll- oder Teilzeit. Sie führen mit 39 Prozent die Liste an, wenn die WG-Bewohner nach dem Erwerbsstatus in ein Ranking einsortiert werden. Erst dahinter kommen mit 37 Prozent die Schüler und Studenten.

Die Statistiker der Stadt stützen sich in dieser Analyse auf die Zahlen aus der Kommunalen Bürgerumfrage (KBU) von 2016. An der Umfrage haben sich im vergangenen Jahr 4435 Dresdner beteiligt. Für die Auswertung der Statistiker standen 265 Fälle in Wohngemeinschaften zur Verfügung. Zwei Prozentpunkte Unterschied dürfen daher sicher nicht überbewertet werden, dass die Studenten und Schüler aber starke Konkurrenz im WG-Bereich haben, ist schon interessant. Dahinter rangieren mit sieben Prozent die Rentner an dritter Stelle. Arbeitslose und Auszubildende sind mit Anteilen von fünf beziehungsweise vier Prozent vertreten.

Von den Studenten leben die meisten in WG

Beim tieferen Einstieg in die Zahlen wird der Hintergrund für die überraschenden Erkenntnisse deutlich. So zeigt die Umfrage, dass von allen Studenten und Schülern insgesamt 42 Prozent in Wohngemeinschaften leben. Die Aussagen, die viele im Hinterkopf haben, dass die meisten Studenten in Wohngemeinschaften leben, ist also belastbar. Von den Erwerbstätigen in Voll- oder Teilzeit leben insgesamt nur fünf Prozent in Wohngemeinschaften. Der Grund dafür ist einfach: Die Gruppe der voll- oder teilzeitarbeitenden Menschen in der Stadt ist viel größer als die Gruppe der Studenten, die ganz grob bei einem Zehntel der Stadtbevölkerung veranschlagt werden kann. Von den Auszubildenden leben 18 Prozent in Wohngemeinschaften und von den Arbeitslosen sind es 12 Prozent. Bei den Rentnern liegt der Anteil bei lediglich zwei Prozent.

Die Grafik zeigt, welche Personengruppen in Wohngemeinschaften vertreten sind

Die Grafik zeigt, welche Personengruppen in Wohngemeinschaften vertreten sind.

Quelle: Stadt/Grafik: A. Eylert

Zu 90 Prozent leben Wohngemeinschaften zur Miete, vor allem beim Großvermieter Vonovia (16 Prozent) oder den Genossenschaften (16 Prozent). Die zehn Prozent, die nicht zu den Mietern gehören, leben in Eigentumswohnungen, eigenen Häusern oder Untermiete. Mit dem Leben in der Wohngemeinschaft können sich die Bewohner auch vergleichsweise teurere Gegenden leisten. So leben viele WG in Stadtteilen, deren durchschnittlicher Mietpreis über dem Niveau der „durchschnittlichen Dresdner Mietwohnung“ liegt. Dieser Mittelwert für die Miete liegt stadtweit bei 532 Euro beziehungsweise 8,21 Euro pro Quadratmeter. In der Inneren und der Äußeren Neustadt, die zu den bevorzugten Wohngegenden für WG gehören, liegt der Durchschnittsmietpreis nach den Angaben der Statistiker bei 618 Euro. Der Durchschnittpreis für WG-Wohnungen in diesen Stadtgebieten liegt bei 558 Euro (7,76 Euro pro Quadratmeter). Das macht deutlich, dass Wohngemeinschaften in für ihre Stadtteile relativ preiswerten und großen Wohnungen leben. Die Größe bewegt sich im Schnitt bei 77 Quadratmetern, bei den sonstigen Dresdner Wohnungen sind es 72.

43 Prozent der WG-Haushalte unter Armutsgrenze

Viel gravierender sind die Unterschiede b ei den Einkommensverhältnissen – und das mit umgekehrten Vorzeichen. Während das sogenannte Äquivalenzeinkommen, die Rechengröße macht die finanziellen Verhältnisse unterschiedlicher Haushaltsgrößen vergleichbar, stadtweit bei 1600 Euro pro Haushalt liegt, beträgt es bei den Wohngemeinschaften lediglich 1060 Euro. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) spricht von einem Armutsrisiko, wenn Menschen in Haushalten leben, die über weniger als 60 Prozent des Mittelwerts verfügen. In Dresden liegt diese Grenze derzeit bei 960 Euro. Von den Wohngemeinschaften, in denen nicht mit einander wirtschaftende Einzelpersonen als Einpersonenhaushalt betrachtet werden, liegen 43 Prozent unter dem Mittelwert – sie gelten damit als armutsgefährdet. Das ist ein deutlich größerer Anteil als in der gesamten Stadt, wo 12 Prozent der Haushalte als armutsgefährdet gelten.

Nach den Erkenntnissen der Statistiker hat sich die Einkommenssituation in den letzten Jahren leicht verbessert. Das Äquivalenzeinkommen ist von 883 Euro im Jahr 2014 um 174 Euro gestiegen und der Anteil der armutsgefährdeten Haushalte bei den Wohngemeinschaften lag bei der Befragung vor drei Jahren bei 48 Prozent. Trotz dieser Einkommenssituation bezeichnen mehr als die Hälfte (54 Prozent) der WG-Bewohner ihre wirtschaftliche Lage als „gut“ oder „sehr gut“. Das sind drei Punkte mehr als 2014 und nur 11 Punkte weniger als bei den Dresdner, die nicht in WG wohnen – WG-Bewohner sind also ganz klar bescheidener.

Unterschiede beim Kaufverhalten

Starke Unterschiede gibt es beim Kaufverhalten. WG-Bewohner nutzen stärker Second-Hand-Geschäfte als die übrigen Dresdner, sie gehen häufiger in Geschäften im Wohngebiet einkaufen und seltener in Einkaufszentren als die übrigen Dresdner. Deutlich häufiger werden von WG-Bewohnern Lieferdienste genutzt. 59 Prozent bestellen dort Essen, bei den übrigen Dresdnern sind es lediglich 38 Prozent. WG-Bewohner haben seltener Autos und nutzen häufiger Carsharing-Angebote und Fernbusse als die übrigen Einwohner der Stadt. Und: WG-Bewohner bewerten Dresden kritischer. Sie geben der Stadt schlechtere Noten als die übrigen Dresdner für die Attribute „weltoffen“ (WG-Note 3,2/Übrige Dresdner 2,6, „gastlich“ (2,6/2,2) und „modern“ (2,8/2,6).

Von Ingolf Pleil

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