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Lokales Hanna kommt! Wie ein Mann die Geburt seiner Tochter erlebte
Dresden Lokales Hanna kommt! Wie ein Mann die Geburt seiner Tochter erlebte
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11:21 07.03.2018
Die besondere Beziehung zwischen einem neugeborenen Baby (hier ein Themenfoto) und der Mutter lässt sich entweder durch Hormon-Ausschüttungen bei und nach der Geburt oder gar nicht erklären. Aber wie nimmt der Vater das Kind wahr? Ändert sich etwas an dieser Beziehung, wenn er bei der Entbindung dabei war? Der Versuch einer Annäherung. Quelle: Foto: Arne Dedert/dpa
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Dresden

Im Frühsommer 2017 ist Ly* aus dem heißen Südvietnam ins kalte Deutschland gekommen. Deutsch hat sie inzwischen ein paar Worte gelernt, aber wir sprechen doch meist noch auf Englisch miteinander. Vor ein paar Wochen hat Ly ein Kind geboren. Einen Menschen. Unser Mädchen. Welch Wunder zum 108-milliardsten Mal (+/-) in der Menschheitsgeschichte! Frauen wissen darüber Bescheid. Männer nicht. Ein Bericht über Schwangerschaft und Geburt aus maskuliner Perspektive.

Tag X minus 230 Tage: Zwei Striche färben sich auf einem Teststreifen: Hurra, wir werden Eltern!

X -134: Na prima: Ly hat eine Schwangerschafts-Diabetes. Ab sofort muss sie sich dreimal täglich Blut für den Zuckertest rauspieksen.

X -132: Für unser Baby – und ein schönes Ultraschallbild – ist uns nichts zu teuer. Wir trotten zu den Super-Scannern in die Uniklinik. Die Ärztin druckt das Bild von einem Wesen aus, das ein werdender Mensch, aber genauso gut ein kleiner Außerirdischer sein könnte. Und sie wackelt verdächtig besorgt mit dem Kopf, als sie uns munter-optimistisch sagt, unser Baby sei „sehr zierlich“. Aber das mache „wirklich überhaupt nichts aus.“

X -129: Wir gehen zur Diät-Beratung. Mir schläft das Gesicht ein, als die Diabetes-Schwester herunterbetet, was zu süß ist, ergo bis zur Geburt tabu: fast alles, was ich Ly bisher an mitteleuropäischen Speisen schmackhaft machen konnte.

X -111: Um mit ihr Deutsch zu üben, lese ich Ly abends ein Kinderbuch vor: „Hanna schafft das“. Wir stellen fest, dass sich deutsche wie vietnamesische Zungen an den Namen gewöhnen können.

X -89: Wieder in der Uniklinik. Wieder ist die Rede von einem „sehr zierlichen Kind“. Nach einer Konsultation mit dem Zuckerarzt streichen wir den Diät-Plan drastisch zusammen. Ly darf wieder ihren Klebereis statt des ungeliebten Vollkorn-Reises in sich hineinstopfen. Sie entdeckt ihre Liebe zu Panna Cotta.

X -81: Wir heiraten.

X -30: Erneut in der Uniklinik zum Fein-Screening. Als Nerd bin ich baff erstaunt, auf welche Auflösung heutige Ultraschall-Scanner kommen. Und als Vater in spe überwältigt, was ich da erst auf dem Bildschirm, dann auf dem Ausdruck sehe: Aus der abstrakten Vorstellung „Wir bekommen ein Kind“ formt sich ein kleiner Mensch mit überraschend klar erkennbaren Gesichtszügen: Das Mädchen hat die Augen geschlossen, zieht eine Schnute, hat eine Stupsnase und hebt den Daumen.

X -11: Plötzlich ist keine Rede mehr von einem „zierlichen Baby“: Auf über drei Kilo schätzt der Ultraschall-Arzt nun die Hanna. Wenn sie innerhalb einer Woche nicht freiwillig den Uterus räumt, sollen wir am Tag X +1 morgens am Kreißsaal klingeln. Zur Einleitung der Geburt. Die restlichen Tage stöhnt, ächzt und wälzt sich Ly nur noch.

Tag X ist da, aber keine Hanna.

Tag X +1:

7.30 Uhr: Meine Göttergattin videotelefoniert lautstark mit Vietnam. Ich habe keinen Nerv dafür.

10 Uhr: Nach einer halben Stunde Parkplatzsuche und zehn Minuten Anmarsch schlagen wir mit zwei knüppeldick gepackten Taschen in der Uni-Frauenklinik auf. Ich frage nach dem Familienzimmer, das ich auf der Internetseite gesehen habe, will dort einchecken. Denkste: Wir dürfen unsere Lumpenfuhre im Raum „Vorbereitung 2“ abladen. Für die nächsten Stunden ist das unser Heim.

Jetzt wird es ernst

10.30 Uhr: Bluttest, Belehrungen über Geburtsrisiken, Kaiserschnitt-Risiken, die Risiken einer wehenschmerzdämpfenden „Periduralanästhesie“ (PDA)… Ich übersetze, wir unterschreiben alles. Ich sehe es Ly an, dass ihr flau zumute ist: Jetzt wird es ernst.

11.50 Gebären ist extrem langweilig: Ly hängt seit nun fast schon anderthalb Stunden am CTG-Wehenschreiber. Die haben uns bestimmt vergessen.

12 Uhr: Im Nachbarraum ächzt und stöhnt eine Gebärende. Meiner Frau wird es mulmig.

12.10 Uhr: Als die CTG-Papierrolle aufgebraucht ist, drücke ich dann doch den roten Knopf. Eine blaubeschürzte Hebammenschülerin streckt den Kopf herein und schaltet den Schreiber aus. Wenig später kommt eine andere Hebammenschülerin und sagt: „Jetzt schreiben wir erst mal ein CTG.“ Ich protestiere, die junge Frau verschwindet, bespricht sich wohl mit der Chefhebamme. „Hat schon seine Richtigkeit“, flötet sie und verkabelt Ly erneut. „Diesmal nur 10 Minuten.“ Ich schaue ihr etwas misstrauisch nach.

12.30 Uhr: Endlich bekommt Ly ihre Geburtseinleitungs-Kügelchen. Eine Hebamme schickt uns spazieren. Ich jage Ly ein paar Treppen hoch und runter – nix passiert. In einer Vitrine bewundere ich ein DDR-Spitzenprodukt: einen klobigen CTG-Schreiber aus RFT-Produktion.

14 Uhr: Zurück in „Vorbereitung 2“ wird Ly wieder CTG-verkabelt. Plötzlich ist es nebenan ganz still, dann brüllt ein Baby. Meine Frau fragt, wie lange es bei der Nachbarin gedauert hat. „10 Stunden etwa“, sagt die Hebamme. Ly verdreht die Augen und murmelt: „Oi troi oi“. Das ist Vietnamesisch und bedeutet soviel wie: „Oh mein Gott“.

19.10 Uhr: Ly bekommt die nächste Dosis Einleitungsmedizin.

Aufregung à la Emergency Room

19.45 Uhr: Kaum geh ich mal kurz in die Teeküche, um Ly einen Löffel für ihr italienisches Dessert zu holen, platzt die Fruchtblase. „Vorbereitung 2“ ist plötzlich voller Weiß- und Blaukittel. Kurz darauf setzen endlich die Wehen ein. Aufregung! AUFREGUNG!

20.40 Uhr: Mein Handgelenk beginnt zu pochen. Seit einer Stunde krallt sich Ly mit einem Stahlgriff, den ich dieser zierlichen Frau niemals zugetraut hätte, bei jedem Wehenschub da hinein.

21 Uhr: „I wanna die“, haucht sie.

22.05: Ly bettelt jetzt regelrecht um eine schmerzlindernde PDA. Die Nacht-Hebamme alarmiert ein Team.

22.30: Die Anästhesisten stürzen ins Zimmer, ich komm mir vor wie in „Emergency Room“.

22.40 Uhr: Unsere unterschriebenen Belehrungen vom Vormittag sind aus der Akte verschwunden. Also alles von vorn. Als ich bei der Übersetzung bei der Passage mit der möglichen Querschnittslähmung ankomme, stocke ich. Der Doktor kann natürlich Englisch, spürt mein Zögern, drängt mich, auch das meiner Frau zu erklären. Sie reißt die Augen auf, zögert, stöhnt, zögert, schreit – und setzt ihre Signatur unter den Schriebs.

22.45: Nun geht alles schnell: Ich umarme meine unkontrolliert zitternde, halbnackte Frau ganz fest von vorn, während der Anästhesist am Rücken erst die lokale Betäubung ansetzt, dann die Kanüle in die Wirbelsäule bohrt. Habe ich einen Fehler gemacht, ihr zu diesem Eingriff zu raten? Immer wieder kneife ich Ly in die Füße, will mich vergewissern, dass sie ihre Beine noch spürt. Ab diesem Zeitpunkt ändert sich auch unser Personalschlüssel: Jetzt schauen oft Hebamme und Hebammenschülerin bei uns herein.

Tag X +2

Irgendwann nach Mitternacht: Nach wenigen Stunden Schlaf beginnt Ly zu reihern. Selbst als sie längst nichts mehr im Magen hat. Einmal war die Kotztüte nicht schnell genug zur Hand. Die Hebammenschülerin guckt etwas erbost, hilft mir aber ohne Zögern beim Aufwischen.

Rolltür zur Entbindung

7.10 Uhr: Die Frühschicht weckt uns aus dem Sekundenschlaf. Die Hebamme ordnet an: Gebären!

8 Uhr: Sie rollt eine Schiebetür beiseite und durch die bugsieren wir Ly und unsere Bagage in den Raum „Entbindung 2“. Zum Glück entspricht er gar nicht meinen Vorstellungen von einem Kreißsaal: Wir haben den Raum für uns, alles ist hell, bunt und nett. In die Badewanne für die Wassergeburt wird Ly aber bestimmt nicht steigen: Sie ist jetzt schon groggy.

9.20 Uhr: Meine Finger sind taub vom Massieren.

9.30 Uhr: Die PDA wird abgestellt. Die nächsten Stunden werden jammervoll.

10.40 Uhr: Ein weißes Ultraschall-Team schneit herein. Nach dem mobilen Scan gestikuliert die Ärztin: Alles roger!

11 Uhr: Wir drehen Ly wie einen Sack hin und her, hin und her, damit das Baby nach draußen flutscht. Aber Hanna kommt nicht.

11.45 Uhr: Die Hebamme bekommt Zweifel und ruft nach dem Oberarzt.

Der Schnitt der Cäsaren

12 Uhr: Der kräftige, sehr freundliche Mann guckt, fühlt, lauscht, nickt – und entscheidet: Das wird auf natürlichem Weg nix mehr. Kaiserschnitt! Wenn ich will, kann ich dabei sein. Ich will.

13 Uhr: Hosen runter, grüne OP-Klamotten an, Haube aufs kahle Haupt.

13.40 Uhr: Ly haben sie schon rausgefahren. Ich soll warten.

14.13 Uhr: Die Hebamme stellt mich vor die OP-Tür. „Sie werden gleich hereingeholt. Warten Sie hier!“

14.15 Uhr: Atavistische Schreie gebärender Frauen fluten den Gang. Ich warte.

14.18 Uhr: Ich warte, warte, warte.

14.20 Uhr: Verdächtig nahe höre ich einen Säugling. Mir schwant was.

14.25 Uhr: Die Hebamme steckt den Kopf durch die Nachbartür. „Tut mir leid, Ihrer Frau ging es nicht so gut, es gab Probleme bei der OP. Wir konnten Sie nicht hereinholen…“ Mir wird schlecht. Die Beine werden weich. Meine schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten. „Sie können Ihre Tochter jetzt sehen, wenn Sie wollen.“ JA, ICH WILL.

„Sie ist platt“

14.30 Uhr: Ich sehe ein hilflose Wesen auf einem Tisch zappeln. Ich fasse es an. Es ist echt. Ich komme mir vor wie ein schlechter Vater, aber mein Blick wandert durch das Türfenster herüber in den OP-Saal. Dort beugen sich drei, vier Vermummte über Ly und machen… was auch immer. „Wie geht es meiner Frau?“ „Sie ist platt“, ruft einer der Ärzte herüber. Aber ich soll mir keine Sorgen machen. Der Mann wirkt vertrauenswürdig, also versuche ich, seinem Rat zu folgen.

14.32 Uhr: U1-Untersuchung: 3,8 Kilo, 52 Zentimeter, 37 Zentrimeter Kopfumfang. Kein Wunder, dass das Baby nicht durchgepasst hat.

14.40 Uhr: Benommen umklammere ich mein Kind und stolpere zurück zur „Entbindung 2“. Ich bin müde, besorgt, verwirrt und fühle noch irgendwas anderes, das ich nicht klar benennen kann. Ich lasse mich in einen Stuhl sinken, hebe das zappelnde Bündel in meinen Händen hoch – und zwei schwarze, schwarze Augen schauen mich an. Hanna.

*Namen geändert

Von Eugen Klingelbemme*

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