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Lokales Handwerk baut an seiner Zukunft
Dresden Lokales Handwerk baut an seiner Zukunft
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07:18 23.11.2018
Jörg Dittrich, Präsident der Handwerkskammer Dresden, findet die derzeitigen Preise für Handwerkerleistungen gerecht und die längeren Wartezeiten „endlich marktüblich.“
Dresden

Volle Auftragsbücher, reelle Preise – dem Handwerk in und um Dresden geht’s gut. Am Sonnabend bekommen 320 junge Leute ihre Meisterbriefe. Wir haben mit Handwerkskammer-Präsident Jörg Dittrich über die nahe und ferne Zukunft gesprochen, über das Azubiticket, die Sorgen in der Lausitz und wie moderne Technik auch die Zukunft des Handwerks verändert.

Frage: Sagenhaft viele Branchen sind durch neue Möglichkeiten der Technik im Umbruch – Stichwort Digitalisierung, digitale Werkzeuge. Irrt sich, wer sagt, im Handwerk merkt man davon kaum etwas?

Aber gewaltig! Für die große Mehrheit unserer über 22.300 Mitgliedsbetriebe ist die eigene Homepage Realität, immer mehr wickeln nicht nur ihren Vertrieb, sondern zunehmend auch ihr Rechnungswesen digital ab. Hier hat sich sichtbar viel bewegt. Die Arbeit mit neuen Werkzeugen und Produkten ist dagegen weniger sichtbar.

Nehmen Sie nur den Sattler, der inzwischen einen Pferderücken irgendwo in der Welt einscannen lassen kann und den dazu passenden Sattel baut. Oder den Kunstgießer, der Gussformen mit dem 3-D-Drucker herstellt. Oder das weite Feld Bau und Ausbau: Hier werden heute Räume virtuell vorgeplant. BIM – Building Information Modeling – ist im Handwerk längst kein Fremdwort mehr. Allerdings müssen die Anwendungen mit VR-Brillen (VR-Virtuell Reality – Anm d Verf) auf der Baustelle Einzug halten, um die digitalen Pläne auch dort nutzen zu können..

Der Umbruch ist das eine, der viel beschworene Fachkräftemangel das andere. Gibt’s denn ausreichend Nachwuchs, der mit den vielen neuen Möglichkeiten umgehen kann?

Ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich einen Fachkräftemangel haben. Sachsen hat bundesweit nach wie vor die meisten Handwerker pro Kopf der Bevölkerung. Natürlich müssen wir uns intensiv um Nachwuchs bemühen, bilden zukunftsorientiert aus, kooperieren mit Unis und Hochschulen. Doch wir denken weiter: Durch den demographischen Wandel ändert sich die Kundenstruktur und durch Digitalisierung und neue Technologien das Produkt. Wie viele Fachkräfte werden wir in Zukunft in den einzelnen Berufen noch benötigen? Und: Ist es nicht endlich Zeit, dass die, die Hand anlegen und immer kompliziertere Technik managen, auch mehr Wertschätzung erhalten und besser bezahlt werden? Das, denke ich, wären wiederum Innovationstreiber für eine raschere Technologieentwicklung.

Mehr Geld? Sind die Preise nicht schon ordentlich geklettert?

Wir sagen eher: die Lage hat sich endlich normalisiert. Die Nachfrage hat die Preise auf ein marktübliches Niveau gehoben. Und wer über lange Wartezeiten schimpft: Auch ein Handwerker hat Anspruch darauf, vier bis sechs Wochen vorauszuplanen. Wir hoffen einfach, dass diese Entwicklung auch die Wertschätzung für eine berufliche Bildung wieder mehr in den Fokus rückt.

Sie glauben, Handwerkern mangelt es an Anerkennung?

Ja! An gesellschaftlicher wie auch politischer. Beispiele? Das Studium kostet nichts, eine Meisterausbildung muss – trotz Meister-Bafög - bezahlt werden. Ein Studententicket ist Standard, das im sächsischen Koalitionsvertrag vereinbarte Ausbildungsticket gibt es noch immer nicht. Es droht sogar, durch Martin Duligs Pläne für eine Landesverkehrsgesellschaft in die nächste Legislatur verschoben zu werden. Das geht so nicht! Da fordern wir eine Zwischenlösung! Und für geboten halten wir es auch, den Meisterbonus, der seit 2016 bei erfolgreichem Abschluss in Sachsen gezahlt wird, von 1000 auf 2000 Euro zu erhöhen. Nur mal zum Vergleich: Niedersachsen gibt seinen neuen Meistern 4000 Euro!

Derzeit laufen die Verhandlungen für den nächsten sächsischen Doppelhaushalt. Wie optimistisch sind Sie?

Wir tun, was wir können. Entscheiden müssen andere.

Flaut der Run auf die Meisterausbildung denn ab?

Nein, sein eigener Chef sein, Zukunft gestalten – das ist für junge Leute attraktiv. In diesem Jahr haben wir 320 Meisterabsolventen, 60 mehr als 2017. Von den 279 Männern und 41 Frauen leben oder arbeiten 260 in Sachsen, bekommen also bei der Meisterfeier am Sonnabend die 1000 Euro Bonus vom Freistaat.

Zum Kammergebiet gehört Ostsachsen, etliche auch der neuen Meister kommen von dort. Durch den vorzeitig geplanten Ausstieg aus der Braunkohle ist die Lausitz ja eine Art strukturelles Krisengebiet...

Gemeinsam mit der Handwerkskammer Cottbus vertreten wir dort rund 18 000 Handwerksbetriebe mit knapp 84 000 Beschäftigten und 4000 Lehrlingen. Aber wir sitzen nicht mit in der Kohlekommission! Klar ist, die Menschen brauchen eine Perspektive. Viele blicken mit Sorge in die Zukunft. Denn mit der Kohle entfällt eine jährliche Wertschöpfung von 1,4 Milliarden Euro! Das muss ersetzt werden! Die Gesellschaft will raus aus der Kohle, die Last sollen die Menschen in der Lausitz tragen. Diese Gleichung geht nicht auf.! Wir brauchen einen klaren Fahrplan für die Lausitz.Wir fordern bekanntlich eine Sonderwirtschaftszone mit Ansiedlungsförderung, weniger Planungshürden, ermäßigten Steuern. Wer schneller aus der Kohle raus will, muss auch die Planungsprozesse beschleunigen.

Neulich brachte jemand eine Nato-Behörde ins Spiel...

...warum nicht auch das? Das Kraftfahrtbundesamt ist auch nicht in Flensburg, weil es so zentral liegt. Eine Batteriefabrik oder ein Strukturfonds mit 30 Millionen Euro reichen eben nicht, um 1,4 Milliarden Euro Wertschöpfung zu ersetzen. Auch das Hick-Hack um den Ausbau des Nahverkehrs muss aufhören. Das könnte gleich mehrere Probleme lösen. Wer zum Beispiel bezahlbare Wohnungen vermisst, sollte zuerst den ländlichen Raum gut mit den Ballungszentren vernetzen.

Von Barbara Stock

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