Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+
Große Plage mit dem kleinen Geld - Warum den 1- und 2-Cent-Münzen ein langsamer Tod droht

Große Plage mit dem kleinen Geld - Warum den 1- und 2-Cent-Münzen ein langsamer Tod droht

Beträge an der Supermarktkasse einfach ab- oder aufrunden? Was in Finnland und den Niederlanden seit Jahren üblich ist, ist im Land der Sparer und Pfennigfuchser schlicht unvorstellbar.

Zwar fühlen sich viele von den Klimperlingen genervt, weil sie Geldbörsen anschwellen lassen, zu Hause geheime Depots füllen, beim Bezahlen aufhalten. Doch was bei den europäischen Nachbarn die Haushalte um jährlich rund 30 Millionen Euro entlastet, gilt in Deutschland derzeit als nicht durchsetzbar.

Containerware

Die Bundesbank zumindest, die für die Versorgung auch mit Münzen zuständig ist, hat die Kosten im Blick. Mit dem Argument, den Steuerzahler zu entlasten, hat sie vor gut einem Jahr "das Münzgeschäft in der Breite quasi eingestellt", beschreibt der Bundesverband Deutscher Banken (BDB) die Zäsur bei der Geldversorgung. Die Bundesbank liefert seitdem Münzen nicht mehr in jeder beliebigen Menge und Stückelung, sondern nur noch in Norm-Containern aus. So ein Container wiegt durchschnittlich 600 Kilogramm. Ein kompletter Satz mit allen acht Münzen von 1 Cent bis zu 2 Euro bindet insgesamt 314 000 Euro Kapital und wiegt fünf Tonnen.

Teure Logistik

Solche Schwergewichte sind nicht nur für Kioskbesitzer unhandlich! Die benötigen ebenso wie größere Händler und Ketten, aber auch Kreditinstitute kleinere Margen an Hartgeld. Früher haben das Werttransportunternehmen und Einzelhändler auf kurzem Weg in den Filialen der Bundesbank abgeholt und abgegeben. Selbst wenn die Containerlösung noch ausstünde, wäre das inzwischen so nicht mehr möglich. Denn Deutschlands zentrale Bank dünnt bis 2015 ihr Filialnetz gewaltig aus und schrumpft es auf zunächst 35.

Rollen-Tausch

Als Containerlieferant hat die Bundesbank nun nur noch zu 30 Prozent mit der Verteilung von Hartgeld zu tun und ist damit eher ein Großhändler. Heißt: Die Stückelung der Münzen ging in die Hände von Privatunternehmen, die in der Regel mit Großbanken zusammenarbeiten. Denn Transport und Verwaltung der Riesencontainer sind teuer und erfordern zudem ein Mindestmaß an sicheren Lagerflächen.

Im Umlauf sind Schätzungen zufolge 110 000 Tonnen Münzen. Die müssen transportiert, gelagert, sortiert, gerollt und in Umlauf gehalten werden. Bei der Ostsächsischen Sparkasse Dresden (OSD) sieht man das gelassen. "Wir decken unseren Bedarf an Münzen weitgehend aus eigenen Beständen und lassen sie von Dienstleistern sortieren und rollen" erklärt eine Sprecherin. Bisher habe man die "Entgelte für die Kunden stabil halten können". Geschäftskunden erhielten gerolltes Münzgeld kostenlos am Schalter bzw an drei speziellen Automaten im Dresdner Stadtgebiet. Für Privatkunden dagegen ist nur die erste Rolle Münzgeld kostenfrei. Für jede weitere - egal, welche Münzen sie enthalten - berechnet die Bank einen Euro! Allerdings können Kunden ihr Geld wenigstens kostenlos zurückgeben. Dafür hat die OSD insgesamt 39 Münzzählgeräte aufgestellt, in denen man das Hartgeld zählen lassen kann. Die Summe wird dann dem jeweiligen Konto gutgeschrieben. Viel Aufwand für nominell wenig Wert. "Hartgeldlogistik ist nicht zum Nulltarif zu haben", erklärt die Sprecherin auf die Frage nach Sinn oder Unsinn von 1- und 2-Cent-Münzen. Im europäischen Vergleich seien die Deutschen nun mal eher "bargeldverliebt".

Nur etwas deutlicher wird der Bankenverband: Zur Abschaffung der kleinen Münzen habe man "keine eigene Position, da die Münzen ja gesetzliches Zahlungsmittel sind". Allerdings würde der Verband "Änderungen unterstützen, da die Bargeldhaltung natürlich auch für Banken ein Kostenthema" sei.

Kostenlawine

Für die einen ist es ein Kostenthema, für die anderen eine Kostenlawine. Waren vor der Umstellung auf Container drei Euro für eine kleine Losgröße an Münzen fällig, sind es heute bei der Bundesbank 25 Euro. Ulrich Binnebößel vom Verband der Einzelhändler (HDE) zufolge haben sich die Kosten für Händler pro Münzrolle im Schnitt von sieben bis acht auf 10 bis 11 Cent erhöht. Was sich so lapidar liest, kann freilich für Handelsketten im großen Maßstab richtig teuer sein, so der HDE.

Nicht selten ist es vorgekommen, dass Kreditinstitute für die übliche Sortierung in Rollen Gebühren erhoben, die den Wert des Geldes überstiegen. Eine Rolle mit 1-Cent-Münzen zum Beispiel hat einen Wert von 50 Cent. Von der Sparkasse Duisburg wurde bekannt, dass sie für die Ausgabe einer solchen Rolle 30 Cent berechnete, für die Rücknahme 50 Cent. Hätte diese Preisgestaltung Schule gemacht, wären die kleinen Münzen sicher schon Geschichte!

Allerdings ist die vom HDE vor Jahresfrist heraufbeschworene Preiserhöhungswelle ebenso ausgeblieben wie größere Pannen bei der Hartgeld-Versorgung. Dass der Handel mit der neuen Lage trotzdem nicht glücklich ist, kann nicht verwundern. Doch er forciert die Abschaffung der kleinen Münzen vorerst nicht. "Für uns ist nur eine gesetzliche Regelung denkbar", erklärt HDE-Sprecher Binnebößel. Und: "Die sollte europaweit gelten". Ob das niederländische Modell des Auf- und Abrundens dann ein vorstellbarer Weg sein könnte, darüber befinde sich der Handel gerade erst in der Meinungsbildung.

Europäer in Berlin

Auf den Gesetzgeber verweist auch die Bundesbank. Sie sei in dieser Frage "neutral", für Änderungen sei das Bundesfinanzministerium zuständig. Dort jedoch gibt man sich ganz und gar europäisch. "Die acht Münzen sind in allen Euro-Teilnehmerländern gesetzliches Zahlungsmittel. Eine Änderung der Stückelung kann daher ... nur auf europäischer Ebene entschieden werden". Mit Blick auf Finnland und Holland habe die EU-Kommission im Übrigen den Mitgliedsländern empfohlen "keine neuen Rundungsregeln anzunehmen", da dies in Einzelfällen zu einem Aufschlag bei der Barzahlung führen könne. Zudem erfreuten sich auch die kleinsten Münzen einer regen Nachfrage.

Auslaufmodell Bargeld

Also viel Lärm um nichts? Das Problem der teuren Versorgung mit Münzen bleibt. Dass aber das Finanzministerium ohne Not gegen eine deutsche Meinungsmehrheit mit einer gesamteuropäischen Lösung vorprescht, wäre denn wohl der Erwartung zuviel.

Glaubt man EU-Skeptikern, muss sich Deutschland damit auch nicht beeilen. Denn Debatten im Netz sehen parallel zum Vormarsch der multifunktionalen Smartphones ohnehin das gesamte Bargeld am Aussterben. Die EU-Geld-Richtlinie (2009/110/EG) fordere mit Blick auf die Kosten, die Gefahren von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung und die Fälschungsanfälligkeit alle Mitgliedsstaaten auf, ihren Bürgern die elektronische Geldbörse in Form einer Zahlungskarte schmackhaft zu machen. Auf 50 Milliarden Euro schätzt eine Studie des European Payment Council (EPC) allein die durch Bargeld verursachten Kosten in Europa. Seinen Willen zur Umsetzung der Richtlinie demonstrierte bereits Italien, wo Beträge über 1000 Euro nicht mehr bar beglichen werden dürfen. Belgien zog mit einer Obergrenze von 5000 Euro nach.

Deutschland rundet auf

Bis das Bargeld tatsächlich Geschichte ist, könnten vor allem die ' ungeliebten kleinen Münzen in Deutschland einen gewaltigen Popularitätsschub erhalten. Auf sie nämlich setzt die Initiative "Deutschland rundet auf". Die Spendenaktion hatte bereits in den ersten vier Wochen nach dem Start im März rund 95 000 Euro für soziale Projekte eingesammelt. Mehr als zwei Millionen Menschen hatten beim Bezahlen ihrer Einkäufe die Summe aufgerundet. Maximal zehn Cent sollen es sein, so die Organisatoren, die dafür mit 15 Handelsunternehmen zusammenarbeiten. Na also, möchte man rufen, geht doch!

Geht die Ära der kleinsten Cent-Stücke auch in Deutschland bald zu Ende? Entwicklungen in Finnland und den Niederlanden, die den Umlauf der Kupferlinge mit hohen Einsparungsquoten heruntergefahren haben, liefern Argumente, die dafür sprechen. Dagegen allerdings steht mächtig und gewaltig die Vorliebe der Deutschen, mit Akribie alles und jedes nachzurechnen. Und doch: Der Münzmarkt ist in Bewegung. Die Bundesbank liefert Hartgeld nur noch in riesigen Containern und hat die Versorgung kleiner Geschäfte mit Münzen an Privatunternehmen delegiert. Die Kosten verteilen sich um. Langfristig könnte der Aufwand den ganz kleinen Münzen einen langsamen Tod bescheren. Denn Produktion und Verteilung sind im Vergleich zum Nennwert sehr teuer. Eine Bestandsaufnahme von Barbara Stock.

Großer Aufwand fürs Hartgeld

In Deutschland gibt es fünf Münzprägeanstalten, die vom Bund beauftragt werden. Befragt nach den Preisen je Münze verweist die Bundesbank auf schwankende Metallpreise. 1-, 2- und 5-Cent-Münzen bestehen wie zuletzt die 1- und 2-Pfennig-Stücke aus einem Stahlkern mit einer Kupferauflage. Der Wechsel von Kupfer auf Stahl als Hauptbestandteil der Kleinmünzen fand in erster Linie aus Kostengründen statt.

Derzeit sind insgesamt etwa 110 000 Tonnen an Münzen im Umlauf. Seit einem Jahr liefert die Bundesbank Hartgeld aber nur noch in Containern aus, die je Münzart 600 Kilogramm wiegen. Für den weiteren Umlauf ist ein privater Markt im Entstehen, der mit den Banken zusammenarbeitet und für Transport, Verpackung und Lagerung der Münzen sorgt. Damit hat sich für Banken und Handel die Versorgung mit Bargeld drastisch verteuert.

Länder ohne Hang zu kleinen Münzen

In Finnland und den Niederlanden werden die Endbeträge an den Kassen auf 5 Cent auf- oder abgerundet. 1- und 2-Cent-Münzen sind daher so gut wie gar nicht mehr im Gebrauch, gelten aber noch als gesetzliches Zahlungsmittel.

Kanada dagegen wird sich von seinen Pennys trennen. Im Herbst soll die Münze mit dem Ahornblatt zum letzten Mal geprägt und dann allmählich abgeschafft werden. Die Herstellung der Münze koste 1,6 Cent und damit jährlich elf Millionen Dollar, sie im Umlauf zu halten jährlich 130 Millionen Dollar.

Neuseeland verzichtet bereits seit den 1980er Jahren auf seine 1-Cent-Münze und hat 2009 auch das 5-Cent-Stück aus dem Umlauf genommen.

Auch Israel und Brasilien haben sich für ein langsames Auslaufen kleinerer Geldstücke und Rundungslösungen entschieden.

Das Sagen die Dresdner

Umfrage: Friedrich Hellmuth

Fotos: Carola Fritzsche

Ludmilla Polanska: Ich habe mich von den kleinen Kupfermünzen bisher eigentlich nie genervt gefühlt, es macht die Geldbörse auf die Dauer zwar schon schwerer, aber man kann es ja auch immer wieder ausgeben, wenn man genug gesammelt hat. Meiner Meinung nach würde einer Abschaffung der 1- und 2-Cent Münzen nicht wirklich einen Vorteil bringen, eher würden die Preise wahrscheinlich noch ansteigen. Für das, was ich an meinem Straßenstand verkaufe, macht es ohnehin keinen Unterschied, ich habe hier nur volle Beträge.

Michael Riefisch: Auf die Frage, ob mich die Münzen eher stören, würde ich am ehesten mit einem "Jein" antworten. Klar, es macht das Portemonaie voller als es sein müsste, andererseits gehören die kleinen Münzen doch auch irgendwie zu unserer Währung dazu. Ich finde es enorm wichtig, dass man bei den Preisen sozusagen bis in die kleinste Einheit gehen kann, damit die Preise individueller und flexibler sind. Ich könnte mir aber vorstellen, dass eine Abschaffung der 1- und 2-Cent Münzen realistisch ist.

Dr. Claus Köhler: Also mich nervt dieses kleine Kupfergeld schon ziemlich. Es macht die Brieftasche unnötig schwer, man gibt das Kleingeld so gut wie nie aus, weil man ja auch schnell wieder von der Kasse weg will. Und wenn man dann doch einmal nach einem 1- oder 2-Cent Stück gefragt wird, dann sucht man ewig zwischen all den Münzen. Von daher hätte ich überhaupt nichts gegen eine Abschaffung des Kleinstgeldes, wie es auch schon in den Niederlanden der Fall ist. Allerdings bin ich mir sicher, dass es Probleme für den Handel mit sich bringen würde.

Anna Müller: Ich freu' mich über jeden Cent, den ich in meinem Portemonnaie habe, egal ob das jetzt ein 1-, 2- oder 5-Cent-Stück ist. Für mich sind das alles Glücks-Cents. Außerdem sammle ich das ganze kleine Kupfergeld in Glasflaschen, um mir dann zu meiner Hochzeit richtig schöne Hochzeitsschuhe kaufen zu können. Ich hab gehört, je mehr Geld da zusammenkommt, desto länger hält die Ehe. Es wäre doch schade, wenn ein so schöner Brauch untergehen würde, nur weil man das kleine Geld abschafft.

Christine Bartel: Also ich habe nichts dagegen, wenn sich die Geldbörse ein bisschen schwerer anfühlt. Das erweckt doch den Eindruck, als würde man mehr Geld haben, und das wiederum hebt die Laune. Sollten die 1- und 2-Cent Münzen allerdings abgeschafft werden, würde mich das auch nicht sonderlich stören. Ich bin mir zwar sicher, dass dann über kurz oder lang die Preise steigen werden, aber bei all den Preissteigerungen die wir ohnehin schon haben, fällt das doch kaum auf.

Klaus Bodenbach: Über Sinn oder Unsinn des kleine Kupfergelds habe ich so noch gar nicht nachgedacht. Die 1- und 2-Cent Münzen gehören einfach dazu, es ist doch vollkommen normal, sie in der Brieftasche zu haben. Außerdem bin ich mir sicher, dass die Abschaffung der erste Schritt in die falsche Richtung wäre. Mit den kleinen Kupfermünzen fängt es an, und ruck-zuck sind wir auch die restlichen Cents los und bezahlen alles nur noch in vollen Euro-Beträgen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.05.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
23.08.2017 - 12:06 Uhr

Die schwarz-gelben Kicker absolvierten am Mittwoch eine besonders intensive und lange Einheit.

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.