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Grenzerfahrung: DRK für Flüchtlinge rund um die Uhr im Einsatz

Helfer in Dresden Grenzerfahrung: DRK für Flüchtlinge rund um die Uhr im Einsatz

Lars Werthmann ist 31 Jahre alt und hat schon viel erlebt. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks hat er nach Naturkatastrophen in Haiti oder Pakistan geholfen. Im Irak und in Jordanien war er beim Aufbau von Flüchtlingslagern dabei.

Quelle: dpa

Dresden. Lars Werthmann ist 31 Jahre alt und hat schon viel erlebt. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks hat er nach Naturkatastrophen in Haiti oder Pakistan geholfen. Im Irak und in Jordanien war er beim Aufbau von Flüchtlingslagern dabei. Auch im riesigen Camp im jordanischen Zaatari, in dem rund 80 000 Flüchtlinge aus Syrien leben, war Werthmann wiederholt im Einsatz. Als Werthmann das erste Mal nach Zaatari fuhr, fand er die Lage chaotisch. Damals ahnte er nicht, dass ihm dieselben Bilder bald in der Heimat begegnen würden.

Lars Werthmann arbeitet beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) als Chef des Asylstabes und ist damit auch für die Logistik in den Quartieren der Erstaufnahme von Flüchtlingen zuständig. Als im Juli 2015 in kurzer Zeit rund 1000 Menschen in einem Zeltlager in Dresden unterkommen mussten, merkte er, dass ähnliche Zustände wie in Zaatari auch in Deutschland möglich sind.

„Da sind wir schnell an die Grenzen geraten“, erinnert sich der Vater einer kleinen Tochter. „In der akuten Phase hatten wir Probleme, die vielen Leute binnen kurzer Zeit zu versorgen. Das hat enorme Kosten verursacht. Wir haben Feldbetten aus China einfliegen lassen und Schlafsäcke mit Sondersignal aus Belgien geholt.“ Man habe viele Lektionen lernen müssen, weil bisherige Einsätze des DRK nie auf eine so lange Zeit ausgerichtet waren.

Viele Mitarbeiter des DRK dürften die Zeit als prägende Erfahrung im Gedächtnis behalten. „Da haben viele mehrere 24-Stunden-Schichten absolviert. Das ging an die physische Grenze“, sagt DRK-Sprecher Kai Kranich. Die sonstige Hierarchie sei verschwunden. Auch die Chefs hätten Kisten geschleppt oder Feldbetten montiert. „Jeder musste ranklotzen. Wir haben immense Erfahrungen gesammelt. Das hat uns als Team nähergebracht. So eine Krise schweißt zusammen“, sagt Werthmann.

Die Erstaufnahme-Einrichtungen vergleicht er gern mit einer kleinen Stadt. Das DRK sei eine Art Stadtverwaltung. Inzwischen betreibt das Deutsche Rote Kreuz in Sachsen 35 entsprechende Quartiere mit 15 500 Plätzen. Seit Sommer 2015 hat man darin knapp 50 000 Flüchtlinge betreut. Ohne Ehrenamtliche und das Engagement der Zivilgesellschaft wäre das nicht möglich gewesen, meint Kranich. Auch das gehöre zu den positiven Erfahrungen der Krise. Sie hat das DRK auch personell wachsen lassen, 800 neue Mitarbeiter wurden eingestellt.

Werthmann und Kranich sparen Konflikte nicht aus: „Wir hatten zeitweilig 20 Nationen unter einem Dach“, erzählt der DRK-Sprecher. Viele Reibereien habe man verhindern können. „Das Konfliktpotenzial hat uns nicht überrascht, das gibt es in jedem Flüchtlingslager auf der Welt“, ergänzt Werthmann. Viele Angebote von Freiwilligen hätten geholfen, so manchen Lagerkoller zu verhindern. „Die Langeweile ist die größte Gefahr. Aber auch die Enttäuschung, dass vieles in Deutschland nicht so ist, wie die Schlepper es weismachten.“

Eine gutes halbes Jahr nach Beginn der Flüchtlingskrise fällt das Fazit der DRK-Krisenmanager überwiegend positiv aus. Man spüre auch viel Dankbarkeit, heißt es bei den Helfern immer wieder. Ein Flüchtling habe unlängst einen seitenlangen Dankesbrief geschrieben. „Die Menschen, die aus ausgebombten Städten in Syrien kommen, sind erst einmal froh darüber, ein Dach über dem Kopf zu haben“, meint Werthmann. Dennoch seien viele auch unglücklich, nun wochenlang gemeinsam mit anderen in einer Turnhalle leben zu müssen.

Das DRK bindet die Betroffenen in das Management des Camps ein. „Es gibt einen Rat der Nationen. Eine reine Basisdemokratie funktioniert in einer solchen Einrichtung aber nicht“, erklärt Werthmann. Es gebe eine ständig wechselnde Besatzung, aber dauerhafte Regeln. Der Rat mit Vertretern aller Ethnien trifft sich wöchentlich und bespricht mit der Leitung anstehende Probleme: „Wir mussten lernen, die Leute an die Hand zu nehmen. Viele von ihnen sind traumatisiert. In den verschiedenen Kulturkreisen geht man damit aber unterschiedlich um.“

Manchmal helfen kleine Dinge, um scheinbar große Probleme zu lösen. Da es anfangs in den Warteschlangen bei der Essenausgabe wiederholt zu Streit kam, weil einige sich vordrängelten, wurden Wartebänke aufgestellt. „Es gibt inzwischen viel Routine. Im Vergleich zu den ersten Tagen ist alles viel entspannter“, sagt Kranich.

Selbst beim Essen musste das DRK dazulernen. „Wir setzen dabei auf Catering. Integration beginnt auch beim Essen. Da gibt es jetzt einen guten Mix aus arabischer und europäischer Küche“, sagt Werthmann. Schweinefleisch ist freilich tabu. Dass immer mehr Flüchtlinge auch gern Schwarzbrot essen, war für die DRK-Leute eine Überraschung. Routine ist es dagegen schon fast, dass Frauen aus der Erstaufnahme Mütter werden. Eines von 29 Erstaufnahme-Babys kam sogar in einem Medizinischen Stützpunkt des DRK zur Welt.

Die Erfahrungen, die das Deutsche Rote Kreuz gesammelt hat, sollen nun auch in anderen Notlagen von Nutzen sein. Als Konsequenz aus der Krise hat die Hilfsorganisation ihre Vorräte aufgestockt und eine neues Logistikzentrum eingerichtet. „Wir sind jetzt binnen kurzer Zeit in der Lage, 4000 Mengen zu registrieren und zu versorgen. Das ist jetzt wieder eine Kernkompetenz des DRK“, sagt Werthmann. „Das kommt nicht nur Geflüchteten, sondern alle Menschen zugute - egal welcher Herkunft und Hautfarbe.“

dpa

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