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Lokales Grabpatenschaften: „Da liegen wir auch, wenn wir tot sind“
Dresden Lokales Grabpatenschaften: „Da liegen wir auch, wenn wir tot sind“
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13:22 24.04.2018
Eine Engelsfigur auf einem Grabstein mit der Inschrift «Unvergessen» auf dem Urnenhain Tolkewitz. Quelle: Kahnert/dpa
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Dresden/Hamburg

Wenn Bernhard Elsner auf dem Neuen Annenfriedhof in Dresden spazieren geht, hat er das eigene Ende vor Augen. Hier will der heute 34-Jährige seine letzte Ruhe finden, so wie seine Frau und später wohl auch die drei Kinder. Die Grabstätte gibt es schon seit 1924, auch wenn sie bisher einen anderen Namen trägt. Elsners haben die Patenschaft für ein denkmalgeschützes Grab übernommen, das einer früheren Dresdner Unternehmerfamilie gehörte. Von ihr gibt es nur einen Nachfahren. Er willigte ein, dass die Elsners das Grab pflegen und es später einmal für sich nutzen können.

Der Tod ist heute aus dem Leben verbannt

„Was wir sind, werdet ihr sein. Was ihr seid, waren wir einst“. Dieser Spruch soll von einem römischen Grabstein stammen und findet sich heute so oder in abgewandelter Form auf vielen Friedhöfen auch in Deutschland. Er verbindet die Lebenden mit den Toten und gibt einen Hinweis auf die Verantwortung für alle, die nur noch Erinnerung sind - ob als Sehnsucht, Grabstein, Foto, Anekdote oder Erbe. Die Toten bleiben ein Teil der Lebenden. So war es immer, so wird es immer sein. Aber gilt diese eherne Regel wirklich noch? Der Tod ist heute oft aus dem Leben verbannt, selbst auf Friedhöfen.

Das hat auch Bernhard Elsner irgendwann gespürt. Der Physiotherapeut, der nahe dem Annenfriedhof lebt, sah dort viele verwilderte Gräber. Den Friedhof im Nordwesten der Elbestadt nutzten er und seine Familie oft zum Spazieren, manchmal auch als Abkürzung zwischen zwei Hauptstraßen. „Wir schätzen die Ruhe und parkähnliche Atmosphäre, aber auch die Bauten und Gräber“, sagt der Familienvater. Bei einem „Tag des Friedhofes“ wurden sie auf das Angebot der Grabpatenschaften aufmerksam. „Sich schon zu Lebzeiten um ein altes Grabmal zu kümmern und das später für sich selber zu nutzen, ist eine gute Sache.“

Ein Grabstein mit Plastik auf dem Urnenhain Tolkewitz, der für eine Grabpatenschaft freigegeben ist. Quelle: Kahnert/dpa

„Wir tragen zum Erhalt des Friedhofes bei und tun etwas für unser Viertel“, sagt Elsner und sprich von einer Win-Win-Situation. Rund 1500 Euro haben sie in die Sanierung des Grabes gesteckt. Bis dato war Bernhard Elsner der Gedanke an eine anonyme Bestattung nicht fremd. Heute ist er froh darüber, sich anders entschieden zu haben. Im Freundeskreis habe das zwar für Irritationen gesorgt. Manche hätten das vermutlich für einen Spleen gehalten. Elsners Kinder gehen unbefangen damit um. „Da sagt der Achtjährige zum Dreijährigen: "Da liegen wir auch, wenn wir tot sind“, sagt der Vater.

In Hamburg läuft das "Geschäft" über Mundpropaganda

Auf dem Friedhof Ohlsdorf im gleichnamigen Hamburger Stadtteil gibt es Grabpatenschaften schon seit Mitte der 1990er Jahre. Damals sei das eher durch Zufall entstanden, sagt Friedhofssprecher Lutz Rehkopf. Der damalige Friedhofsleiter habe bei einer Führung an einem schönen Grabmal darauf verwiesen, dass es von den Angehörigen nicht verlängert werde, worauf ein Teilnehmer spontan Interesse anmeldete. Inzwischen hat man in Ohlsdorf, wo Berühmtheiten wie der Schauspieler und Sänger Hans Albers oder der Schriftsteller Wolfgang Borchert begraben liegen, etwa 400 Grabpatenschaften vermittelt.

Rehkopf sieht in finanziellen Vorteilen ein wesentliches Motiv für die Übernahme einer Grabpatenschaft. Denn die Paten bekämen de facto kostenlos einen Stein oder eine Plastik, die bei Neuanfertigung Tausende oder Zehntausend Euro kosten würden. Rehkopf berichtet von einem Architekturstudenten, der auf diese Weise ein Mausoleum seines Lieblingsarchitekten Martin Haller (1835-1925) nutzen kann und dort schon seine Mutter bestatten ließ. „Werbung müssen wir für die Patenschaften nicht machen. Das läuft über Mundpropaganda“, sagt Rehkopf und freut sich ein wachsendes Interesse an alten Gräbern.

Ein Friedhof soll Trauernde aufmuntern und trösten

Jens Börner, Friedhofsleiter im Urnenhain Dresden-Tolkewitz, erwähnt finanzielle Gründe aus einer anderen Perspektive. „Friedhöfe haben zunehmend Probleme, sich durch Gebühren zu finanzieren. Und es gibt immer mehr Schwierigkeiten, historische Grabmale zu unterhalten.“ Im Urnenhain, der aus der Reformzeit am Anfang des 20. Jahrhunderts stammt, gibt es 473 Einzeldenkmale, bei den wenigsten noch eine Familie dazu. Für noch mehr als 400 Gräber werden Paten gesucht. Börner ist für Transparenz: „Alle Punkte müssen klar sein. Ein enttäuschter Pate nutzt uns nichts.“

Jens Börner, Fachbereichsleiter Urnenhain Tolkewitz Quelle: Kahnert/dpa

„In meinen Augen wird das Thema Friedhof, Tod und Bestattung zu wenig diskutiert. Vielen Leuten fehlt der unbefangene Zugang, obwohl es gerade hier wichtig ist, offen darüber sprechen“, sagt die Dresdner Friedhofsverwalterin Lara Schink. Friedhöfe seien keine Orte, die ihren Besuchern schlechte Gefühle vermitteln sollten: „Der Grund für unsere so grüne Friedhofskultur in Deutschland, ist doch, dass der Friedhof Trauernde aufmuntern und trösten soll. Das Grabbeet gibt Angehörigen die Möglichkeit, etwas für den Verstorbenen zu tun, in einer Art Ritual mit diesem verbunden zu bleiben.“

Lara Schink sieht in einem Grab die Möglichkeit, geliebten Menschen ein individuelles Denkmal zu setzen. Das sei gerade bei historischen Grabmalen erkennbar. Dennoch gehe der Trend heute zur anonymen Bestattung - ob auf der grünen Wiese, im Friedwald, zur See oder im Kolumbarium. Schink streitet nicht ab, dass „pflegeleichte“ Angebote wie diese Vorteile bieten. Oft würden Angehörige aber später ihre Entscheidung bereuen. Oft würden sich Menschen ohne Rücksprache mit den Angehörigen für die „grüne Wiese“ entscheiden, um niemanden zur Last zu fallen: „Doch die Hinterbliebenen wünschen etwas anderes.“

Prunkvolle Grabmale sind kaum bezahlbar

„Grabpatenschaften sind eine gute Möglichkeit, etwas zum Erhalt der Kulturgeschichte des eigenen Stadtviertels zu tun“, sagt Schink. Auch der Umstand, dass sich Familien heute oft über das ganze Land zerstreuen, sei ein Argument für eine Familiengrabstelle - nicht nur als Ort, an dem man immer mal wieder zusammenkommen könne. Kinder ließen sich so unbefangen an das Thema Friedhof heranführen. Schink sieht in Friedhöfen eine Art Anker für Familien. Auch das finanzielle Argument für eine Grabpatenschaft führt sie an. Prunkvolle Grabmale von einst wären für die meisten Menschen heute kaum noch bezahlbar.

„Grabmalpatenschaften präsentieren den Friedhof aus einem ganz anderen Winkel und zeigen somit auch die Vielfalt, die ein Friedhof bieten kann“, sagt Michael C. Albrecht, Sprecher des Verbandes der Friedhofsverwalter in Deutschland. Er sieht in einem solchen Engagement die Möglichkeit, sich mit Friedhof, Gestaltung, Kultur und Historie zu beschäftigen, auch wenn man den Friedhof noch nicht selbst nutzt. Unlängst hat die „Friedhofskultur“, die Fachzeitschrift für das deutsche Friedhofswesen, über Patenschaften für Gräber berichtet. Genaue Zahlen liegen Michael C. Albrecht nicht vor. Von einem wachsenden Interesse ist aber nicht nur er überzeugt.

„Wir haben das Patenschaftssystem noch nicht eingeführt, denken aber darüber nach“, sagt Elfi Heider, Chefin der Evangelisch-Lutherischen Friedhofsverwaltung St. Johannis und St. Rochus in Nürnberg: „Die beiden Friedhöfe schliefen die letzten Jahre einen Dornröschenschlaf und sie sind gerade dabei aufzuwachen. Das ist ein lang angelegter Prozess, der seine Zeit braucht.“

Von Jörg Schurig/dpa

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