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Gerhard Ehninger: Rechtspopulisten belasten Wissenschaftsstandort

Forscher in Sorge um Familien Gerhard Ehninger: Rechtspopulisten belasten Wissenschaftsstandort

Schon lange engagiert sich der in Dresden lebende Medizinprofessor Gerhard Ehninger für ein tolerantes und weltoffenes Dresden. Nun warnt er erneut vor einem Schaden für den Wissenschaftsstandort. Spitzenkräfte mit Migrationshintergrund fürchten um das wohl ihrer Familien.

Gerhard Ehninger (65) lehrt seit 1994 als Professor für Innere Medizin an der TU Dresden.

Quelle: dpa

Dresden. Dresden. Schon lange engagiert sich der in Dresden lebende Medizinprofessor Gerhard ehninger für ein tolerantes und weltoffenes Dresden. Nun warnt er erneut vor einem Schaden für den Wissenschaftsstandort.

Professor Ehninger, Sachsen ist ein Land, dem es verglichen mit anderen ostdeutschen Bundesländern ziemlich gut geht. Woher aber kommt die flächendeckende Wut, die hier die AfD zur stärksten Partei gemacht hat?

Ich lebe mit meiner Frau seit 1994 in Dresden und glaube, das hat zum einen mit dieser gewissen Selbstverliebtheit der Menschen im Land zu tun. Außerdem sind die Emotionen in Sachsen immer etwas überschäumender als anderswo. Denken Sie an die Wutausbrüche rund um die Pegida-Demonstrationen oder an den 3. Oktober vor einem Jahr, als die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident vor der Frauenkirche auf das Übelste beschimpft und niedergebrüllt wurden. Da beginnt für mich das Fremdschämen. Die Leute wissen gar nicht, was sie mit diesem Verhalten ihrem Land Sachsen und auch Deutschland antun. Die beschädigen nicht Politiker, die drücken auch keinen Protest aus, aber sie beschädigen unseren Ruf in der Welt. In diese Kette reiht sich der AfD-Sieg in Sachsen leider nahtlos ein.

Wird der Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort darunter leiden?

Davon muss man ausgehen, das hat Konsequenzen. Bei jedem Bewerbungsgespräch, das ich führe, bei jeder Anwerbung eines Forschers spielt die Frage mittlerweile eine Rolle, ob ein Umzug nach Sachsen der eigenen Familie, den eigenen Kindern überhaupt angetan werden kann. Insbesondere dann, wenn jemand weiß, dass man ihm seinen Migrationshintergrund ansieht. Ausländische Arbeitskräfte, häufig Spitzenforscher auf ihrem Gebiet, die wir gern hier haben wollen, sind nur noch schwer zu gewinnen. Und mir wird unheimlich, wenn man nur das Gedankenspiel verfolgt, so ein Wahlergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen zu erleben.

Sie haben im Januar 2015 ein großes Konzert für Weltoffenheit in Dresden mitorganisiert. Resignieren Sie jetzt?

Nein, ich sage jetzt erst recht. Wir werden und dürfen nicht aufhören, Respekt und Toleranz zu leben und auch einzufordern. Die Enthemmung auf der politischen Ebene führt auch zu einer Enthemmung im Alltag und ganz offenem Alltagsrassismus. Plötzlich werden unvorstellbare Dinge zulässig, sind keine Schamschwellen mehr vorhanden. Leute mit Migrationshintergrund, das weiß ich aus meiner täglichen Arbeit in Dresden sehr gut, müssen immer mehr Beschimpfungen auf offener Straße ertragen.

Was beschreiben Ihnen die Kollegen?

Die Innenstadt von Dresden ist für sie am Montagabend, also wenn Pegida durch die Stadt zieht, eine No-go-Area, weil sie sich dem Gebrüll und dem dumpfen Hass nicht aussetzen wollen. Sie machen einen großen Bogen um das Stadtzentrum. Die traurige Ironie ist ja, dass die bei Pegida gerade über die No-go-Areas in westdeutschen Großstädten klagen und jetzt in Dresden selbst eine geschaffen haben.

Wie erleben Sie selbst die Stadt? Hat sich ihr Gesicht verändert?

Die sächsische Freundlichkeit, die Offenheit, die missionarische Begeisterung, über eine sehr schöne Stadt wie Dresden zu schwärmen, die ist ersetzt worden durch Hetzen über andere und das Thema Überfremdung. Meine Gäste waren früher begeistert, dass sie gleich nach der Ankunft mit dem Taxi eine Stadtführung bekommen haben. Jetzt werden sie nach wenigen Metern am Bahnhof oder am Flughafen in unleidige Gespräche verwickelt nach dem Motto: „Sind Sie nicht auch der Meinung, dass es hier schon viel zu viele Ausländer gibt?“ Reflex- und schablonenartig wird sofort dieses Thema aufgedrängt.

Für die Verunsicherung hält oft auch das Argument her, dass die früheren DDR-Bürger durch die Wende einen unglaublichen Transformationsprozess hinter sich gebracht haben ...

Ich denke, jeder Mensch muss mit seiner Traumatisierung auch selbst umgehen können. Wir dürfen nicht immer nur Verständnis haben, dass die Geschichtsbrüche einem noch in den Knochen stecken. Mir geht es darum: Egal was ist, Nazi-Parolen gehen nicht, die sind nicht entschuldbar. Hass und Gewalt gegen andere Menschen sind ein Tabu, das nicht gebrochen werden darf. Das gilt genauso für diejenigen, die bei uns eine neue Heimat suchen.

Zur Person

Gerhard Ehninger (65) stammt aus Simmozheim in Baden-Württemberg und lehrt seit 1994 als Professor für Innere Medizin an der TU Dresden. Als Reaktion auf die Pegida-Demonstrationen gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ kämpft er mit dem Verein „Dresden – Place to be!“ für Weltoffenheit und Toleranz in der Stadt.

Interview: Christoph Stephan

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