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Lokales Gedenkstätte Bautzner Straße soll modernisiert und vom „Stasi-Fokus“ gelöst werden
Dresden Lokales Gedenkstätte Bautzner Straße soll modernisiert und vom „Stasi-Fokus“ gelöst werden
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10:57 02.10.2018
Auch dies gehört zur Authentizität des Ortes: Uljana Sieber und Herbert Wagner zeigen eine Zellentür der Stasi-U-Haft, auf der vermerkt ist, wann dort MfS-Akten zwischengelagert und schließlich ausgeräumt worden sind. Die Gedenkstätte sei ein sehr passender Ort, um Dresdner Stasi-Akten zugänglich zu machen, meint Wagner. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Wie lange wird es wohl noch dauern, bis auch der letzte Ostdeutsche die Nase gestrichen voll hat von der eigenen Vergangenheit, das Kürzel „DDR“ nicht mehr hören kann? Bis jeder Schüler nur noch die Augen verdreht, wenn der Lehrer verkündet: „Und heute gehen wir in den Stasi-Knast“? Herbert Wagner und Uljana Sieber von der „Gedenkstätte Bautzner Straße“ sehen diesen Tag schon kommen. Nachdem sie zuletzt ihre Energie darauf konzentriert hatten, die ehemalige Stasi-Bezirksverwaltung als Museum umzubauen und zu sanieren, steht daher nun eine inhaltliche Modernisierung auf ihrer Agenda.

Weg von verstaubten Vitrinen und langen Texttafeln

„Wir wollen die gesamte Gedenkstätte nach neueren museumspädagogischen Grundsätzen umgestalten“, kündigte Wagner als Vorsitzender des Trägervereins „Erkenntnis durch Erinnerung“ an. Auch wollen er und seine Mitstreiter stärker als bisher den Bogen vom Gestern ins Heute schlagen: vom Sachsen unterm Hakenkreuz über den Repressionsapparat und Alltag in der DDR bis hin zur heutigen Unterdrückungsmechanismen und ihren globalen Folgen. „Wir arbeiten an neuen pädagogischen Angeboten, die sich mit politischer Verfolgung heute, mit Menschenrechten, Flucht, Heimat und Wiederaufbau beschäftigen“, informierte Gedenkstätten-Leiterin Sieber.

Dabei folgen sie einem Trend, der international und auch in Dresden immer mehr Museen erfasst: weg von verstaubten Vitrinen und langen Texttafeln, hin zu einer interaktiven Aufbereitung, die konzeptionell und technologisch die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen heute aufgreift. Dazu gehören Medienstationen, Tablet-Computer für die Rundgänge, Comic-Workshops oder Audio-Installationen wie die, die Besucher heute schon über das Diensttelefon des einstigen Stasi-Generals Böhm in dessen Arbeitszimmer abhören können. Auch möchten Wagner und Sieber ein WLAN-Funknetz in der gesamten Gedenkstätte aufspannen. Besucher könnten dadurch mit ihren Smartphones die – teils recht dunkle – Vergangenheit des Komplexes vom tiefen Haftkeller bis hinauf zum Böhm-Zimmer selbst erkunden.

Das Dienstzimmer von Stasi-General Horst Böhm. Nimmt der Besucher den Hörer ab, hört er Mitschnitte von MfS-Telefonaten. Solche originellen Installationen soll es künftig mehr in der Gedenkstätte geben Quelle: Dietrich Flechtner

Als zusätzliche Attraktion möchte Wagner originale oder digitalisierte Stasi-Akten aus dem Raum Dresden in der Gedenkstätte dauerhaft abrufbar machen – damit die Besucher sie am selben Ort einsehen, an dem sie entstanden sind. „Die Gedenkstätte wäre dafür ein idealer, weil authentischer Ort dafür“, betonte Herbert Wagner. „Platz ist da, wir könnten auch einen Lesesaal einrichten.“

Keine konkreten Geldzusagen

Geplant sind zudem aufwendige Mitmach-Formate nach dem „Parcours“-Konzept. Ein erster dieser interaktiven Erlebnis-Rundgänge ist bereits konzipiert und startet in diesem Monat. Dafür verwandelt sich die Gedenkstätte für vier Stunden in die fiktive Nachwende-Zonenstadt „Raststadt“. Bis zu 30 Schüler schlüpfen in diesem Tablet-gestützten Spiel in wechselnde Rollen: Sie agieren beispielsweise mal als Wirt von Raststadt, als Sozialamts-Mitarbeiter oder Polizist, als mosambikanischer Vertragsarbeiter oder „eingewanderter Wessi“. Sie müssen miteinander klar kommen, aus den unterschiedlichen Lebenserfahrungen der von ihren verkörperten Menschen heraus interagieren, müssen Entscheidungen treffen, die den weiteren Spielverlauf verändern.

Etwa 2019 könnten die Modernisierung beginnen, schätzt Wagner. Nach etwa vier Jahren soll sie abgeschlossen sein – wenn bis dahin noch ein „kleines“ Detail geklärt ist: Der Trägerverein braucht wahrscheinlich einen fünf- bis sechsstelligen Euro-Betrag, hofft unter anderem auf Mittel aus dem SED-Altvermögen – aber konkrete Geldzusagen haben die Betreiber bislang noch keine.

Blick in den „Fuchsbau“, den unterirdischen Knast der sowjetischen Geheimdienste. Im Zuge der Modernisierung will der Verein die noch unerschlossenen Teile dieses Labyrinths zugänglich machen. Quelle: Dietrich Flechtner

Die heutige Gedenkstätte an der Bautzner Straße war nach dem II. Weltkrieg unter anderem ein Stützpunkt und Haftkeller für sowjetischer Geheimdienste. Später residierte dort die Bezirksverwaltung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die den Komplex stark ausbaute und auch ein U-Haft-Haus errichtete. Nach der Wende wurde die einstige Geheimdienstzentrale zeitweise als Disco, inzwischen vor allem für Wohnzwecke genutzt.

Der Verein „Erkenntnis durch Erinnerung“ betreibt seit 1999 einen Teil des Areals als Gedenkstätte. Ab 2012 konzentrierten die Stadt und der Verein diese Gedenkstätte in einem der alten Stasigebäude inklusive Festsaal, Haftkeller und U-Haft. In diesem Zuge sanierten Arbeiter diesen Teilkomplex und bauten ihn um. Im Jahr 2017 empfing die Gedenkstätte insgesamt 21 471 Besucher. Zum Vergleich: Vor dem Umbau waren es reichlich 10 000 Gäste, im Rekordjahr 2014 kamen fast 26 000 Besucher.

Mehr Infos im Netz: bautzner-strasse-dresden.de

Von Heiko Weckbrodt

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