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Foodsaver: Im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung in Dresden

Foodsharing Foodsaver: Im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung in Dresden

Wenn die Dämmerung über die Landeshauptstadt hereinbricht, schwärmen sie aus: Bepackt mit großen Tüten und Boxen begeben sich die „Foodsaver“ auf ihre tägliche Mission, der Lebensmittelverschwendung den Kampf anzusagen.

Hier wird Essen gerettet: Im „V-Cake“ übergibt Café-Miteigentümer Falko Kuchen und Brötchen, die am Tage nicht verkauft werden konnten, an „Foodsafer“ Helen.
 

Quelle: Anja Schneider

Dresden.  Wenn die Dämmerung über die Landeshauptstadt hereinbricht, schwärmen sie aus: Bepackt mit großen Tüten und Boxen begeben sich die „Foodsaver“ auf ihre tägliche Mission, der Lebensmittelverschwendung den Kampf anzusagen. Drei junge Männer und eine Frau warten heute am Straßburger Platz vor dem Hintereingang eines großen Supermarktes. Eine schwere Metalltür öffnet sich kurz. Das Zeichen für die Lebensmittelretter. Zügig packen sie die Reste des heutigen Verkaufstages in ihre Taschen. Eine Kiste voller Brötchen, zwei Körbe mit Pilzen, und jede Menge Obst und Gemüse, das schon einige welke Blätter oder eine braune Stelle hat. Dann geht es auf den Parkplatz um die Ecke. Im faden Licht der Straßenlaternen tragen die Foodsaver die vor der Tonne geretteten Lebensmittel zusammen und überlegen, was sie selbst noch verbrauchen können und was an Verteilstationen geht.

Heute sind besonders viele Möhren und Pastinaken dabei, aber auch Mangos und Hefezöpfe. Der Fertig-Pizzateig in Bioqualität geht an den Sieger eines spontanen „Schnickschnackschnuck“-Contests und die belegten Brötchen an diejenigen, die heute noch kein Abendbrot hatten. Zuletzt freut sich auch der Hase eines Foodsavers über lose Salat- und Mangoldblätter. Dann ist die Mission für heute beendet.

Bereits vier Verteilstationen eingerichtet

Am nächsten Morgen werden die Verteiler bestückt, die unter anderem im Malobeo auf der Kamenzer Straße, dem Umsonstladen an der Alaunstraße, dem Spätshop Eschenstraße und im Ökumenischen Informationszentrum an der Kreuzstraße stehen, bestückt. „Bis auf rohe Tierprodukte wie Hackfleisch, die ein Verbrauchsdatum haben, dürfen wir alles weitergeben“, sagt Helen, die schon seit 2014 bei der Dachorganisation Foodsharing mitmacht, zu der auch das Projekt „Foodsaver“ gehört. Wenn Brot in den Verteilern trocken wird, findet es seine letzte Bestimmung als Tierfutter.

Momentan sind neben der 26-jährigen Studentin noch 338 weitere Personen als Foodsaver in Dresden registriert. Sie alle mussten einen Aufnahmetest bestehen, der vor rund einem Jahr ins Leben gerufen wurde, als sich die zur Gründungszeit vor rund 1,5 Jahren 60 Köpfe umfassende Gruppe rapide vergrößerte und damit die Vertrauensbasis durch gegenseitiges Kennen nicht mehr gegeben war. Ein Multiple Choice Test fordert von den Interessenten Wissen über ethische Grundsätze, Haltbarkeitsdaten und das richtige Verhalten bei einer Abholung von Lebensmitteln aus Supermärkten und Restaurants.

Danach begleiten erfahrene Foodsaver, wie Helen, die Neulinge auf ihren ersten drei Probeabholungen. Klappt alles problemlos, kann man sich nun mit Hilfe eines Online-Kalenders für feste Abholungstermine eintragen. „Momentan kooperieren wir mit 37 Betrieben, vornehmlich in der Neustadt“, sagt Jörg, ebenfalls ein erfahrener Foodsaver. Um die Lebensmittelverschwendung weiter einzudämmen ist das Netzwerk Dresden weit auf der Suche nach neuen Kooperationen mit Supermärkten, Restaurants und Cafés.

„Teilweise holen wir noch warme Brötchen ab“

Bis heute haben die aktiven Foodsaver in der Landeshauptstadt bei rund 2500 „Rettungseinsätzen“ über 42.800 Kilogramm Lebensmittel gerettet, die sonst in der Tonne gelandet wären. „Wir merken, dass die kooperierenden Betriebe durch uns für das Thema sensibilisiert werden und ihre Überschüsse in der Produktion reduzieren können“, freut sich Jörg. Viele Märkte, Cafes und Bäckereien handeln nach der Verkaufslogik, dass die Theke immer voll sein muss. „Dadurch empfinden die Kunden in unserer Überflussgesellschaft halbleere Theken als Zeichen von mangelnder Kompetenz der Betriebe“, erklärt der Foodsaver ein Problem, dass zur Überproduktion von Lebensmitteln führt. „Teilweise holen wir abends noch warme Brötchen ab“, ergänzt Helen.

Oft werden Spezialangebote, wie zur Fußball-EM, weggeschmissen

Besonders viele Lebensmittel haben die Foodsaver nach der Fußball-EM vor der Tonne bewahrt. Sondereditionen von Keksen und Chips mit den Spielern ließen sich nach der Europameisterschaft nur noch schlecht verkaufen. Genauso ist es mit, wenn Gewinnspiele auf die Verpackungen gedruckt werden. Nach dem Einsendeschluss können diese nur noch schlecht an den Kunden gebracht werden, auch wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum noch gar nicht abgelaufen ist.

Das Bewusstsein der Menschen für den nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln wächst stetig. Kommen sich Foodsaver und Tafel da nicht ins Gehege? „Nein“, sagen Helen und Jörg. Der eigentlich traurige Grund: „Bei der Menge an weggeschmissenen Lebensmitteln ist genug für alle da“. Zudem kooperieren die Foodsaver meist mit Einzelbetrieben, wohingegen die Tafel von den Supermarktketten beliefert wird. Durch ihr Engagement als Lebensmittelretter beobachten die beiden eine allgemein gesteigerte Achtsamkeit in ihrem Umgang mit Lebensmitteln und kaufen bewusster ein.

Lebensmittel retten macht kreativ

Besonders für Cafés und Restaurants ist es oftmals schwierig vorherzusagen, wie viele Kunden heute vorbeischauen werden. Seit einem halben Jahr gibt das Café „V-Cake“ an der Rothenburger Straße nach Ladenschluss übrig gebliebene Kuchen und Brötchen an die Foodsaver ab, um nichts wegschmeißen zu müssen, was noch Menschen satt machen kann. Für den Café-Mitbetreiber Falko ist das Foodsaver-Programm auch ein Kreativitätskick in der Küche: Als Jörg im eine große, gerettete Melone präsentierte, experimentierte er ein bisschen herum und heraus kam selbstgemachte Melonenmarmelade.

Foodsaver ist Teil der Foodsharing-Community, die in vielen europäischen Städten aktiv ist. Nachdem „Null-Geld-Prinzip“ basiert das Netzwerk komplett auf ehrenamtlicher Tätigkeit. Auf Grund des großen Erfolgs finden sich auch in ländlicheren Regionen immer mehr engagierte Menschen, die ein Foodsaver-Netzwerk errichten wollen. Aktuell befindet sich die erste Kooperation in Pirna und der Region Sächsische Schweiz/Osterzgebirge im Aufbau.

Interessierte Betriebe und Personen in der Stadt und dem Raum Dresden können sich unter www.foodsharing.de über das Foodsaver-Programm informieren und über die E-Mail dresden@lebensmittelretten.de Kontakt aufnehmen.

Von Tomke Giedigkeit

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