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Flüchtlingshelferin und AfD-Mann im Dialog

Mut zur Verunsicherung Flüchtlingshelferin und AfD-Mann im Dialog

Dem MDR-Fernsehen ist es gelungen, zwei Menschen ins Gespräch zu bringen, die für ganz unterschiedliche politische Positionen stehen: Er ist AfD-Mitglied und Pegida-Sympathisant, sie leitet eine Flüchtlingsunterkunft in Dresden.

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Elvira Ploß leitet in der Dresdner Neustadt ein Flüchtlingsheim.

Quelle: Schulz und Wendelmann / MDR

Dresden. In ihren politischen Positionen und ihrem Handeln sind sie völlig gegensätzlich: Die Eine, Elvira Ploß, Diplompädagogin, übernahm 2015 die Leitung einer Flüchtlingsunterkunft der Diakonie-Stadtmission Dresden. Der Andere, Heiko Müller, EDV-Sachbearbeiter, demonstrierte bei den „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) mit und ist seit 2016 Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD). Dem MDR-Fernsehen ist es gelungen, beide miteinander ins Gespräch zu bringen. Am 10. August, 22.35 Uhr, ist die Dokumentation „Ich versteh’ Dich nicht!“ in der Sendereihe „nah_dran“ zu sehen. hat mit deren Autor Ulli Wendelmann gesprochen.

Wie haben Sie die beiden gefunden?

Ulli Wendelmann: Auf einem dieser Bürgerversammlungen in der Dresdner Kreuzkirche, im Frühjahr 2016.

Wie würden Sie die beiden charakterisieren? Zunächst Elvira Ploß, Leiterin der Flüchtlingsunterkunft.

Wendelmann: Sie hat viel Erfahrung als Sozialarbeiterin bei der Diakonie mit schwierigen Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen. Sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden, ist sehr realistisch und hat zugleich ein großes Herz.

Und Heiko Müller?

Wendelmann: Sehr offen, neugierig, interessiert am Dialog. Von Anfang an hat er gesagt: Die Positionen meiner Leute kenne ich, Sinn hat für mich nur, mich mit dem auseinanderzusetzen, der eine andere Meinung hat.

Sind sie einander zuvor begegnet?

Wendelmann: Nein. Sie kannten sich nicht. Wir haben zunächst getrennt mit ihnen gesprochen, dann erst das Dialog-Gespräch geführt.

Sie geben in Ihrem Beitrag einem Populisten von der AfD Gelegenheit, sich zu präsentieren. Ist das nicht heikel?

Wendelmann: Mit ging es um die Motive der beiden, ihre Biografien. Weder sie noch er sind Menschen von einem anderen Stern. Es gibt sogar Gemeinsamkeiten: Beide haben sich 1989 auf der Straße für Demokratie und Freiheit eingesetzt. Wieso schlägt die Eine diesen, der Andere einen ganz anderen Weg ein? Die Fragen, die Pegida und AfD-Mitglieder aufwerfen, sind zum großen Teil gesellschaftliche Fragen. Sich damit auseinanderzusetzen, halte ich für überfällig. Nicht diese Fragen sind das Problem, sondern in einigen Fällen die politischen Lösungen, die daraus abgeleitet werden. Man muss andere Antworten finden. Man kann sich nicht mit der Bemerkung aus der Affäre ziehen: Das sind ewiggestrige Rechtspopulisten, mit denen wir uns nicht beschäftigen müssen.

Wäre solch ein Beitrag wie der Ihre Anfang 2016 möglich gewesen?

Wendelmann: Das weiß ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass es zu viele Berührungsängste gibt, sich mit unbequemen Positionen, auch rechtspopulistischen, zu beschäftigen.

Ist es zu wenig um Inhalte gegangen?

Wendelmann: Ja, man hat nicht gefragt: Worum geht es in der Sache? Gerade in den Anfängen dieser Pegida- und Legida-Demonstrationen gab es immer Möglichkeiten, zu diskutieren. Dann, wenn man sich jenseits von moralischen Kategorien wie falsch-richtig, gut-böse auseinandergesetzt hat.

Die beiden waren offenbar nicht abgeneigt, auch miteinander zu sprechen?

Wendelmann: Beiden war klar, dass es eine Menge Gesprächsbedarf zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen gibt, zum Beispiel direkte Demokratie, Volksentscheide. Und dass viel zu viele Politik nur im eigenen Lager machen. Entscheidend aber ist, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen.

Was haben Sie bei diesem Gesprächsversuch gelernt?

Wendelmann: Der Dialog ist verdammt schwer. Selbst bei Leuten, die ihn wollen. Es ist nicht einfach, eine kontroverse Meinung auszuhalten, die aufzunehmen, zu verarbeiten, gleichzeitig eine Reaktion zu zeigen, die über bloße Abwehr hinausgeht. Denn das bringt Unsicherheit.

Welche Erkenntnisse könnten Fernsehzuschauer daraus gewinnen?

Wendelmann: Unser Ansatz war, das Gut-Böse-Schema aufzubrechen und egal, aus welchem politischen Lager jemand kommt, ihn zu verunsichern. Es sollte nicht um Bestätigung der jeweiligen Position gehen, sondern darum, Perspektivwechsel wenigstens ansatzweise anzuregen. Eine andere Argumentation nachzuvollziehen, auch wenn man sie nicht teilt. Und nicht gleich nach dem Abwehr-Instrumentarium zu greifen und zu sagen: Das ist rassistisch, rechtspopulistisch. Erkennbar wird auch: Beide haben unterschiedliche Meinungen, aber sie machen auch deutlich, dass dieser Dialogversuch, so schwer er sein mag, alternativlos ist. Außerdem gibt es eine Menge von Gemeinsamkeiten. Etwa, dass beide 1989 etwas für die Freiheit riskiert haben und sie dieser Charakterzug auch heute prägt.

In Bürgerforen in der Kreuzkirche hat man den Dialog versucht. Ist das gelungen?

Wendelmann: Man hätte es viel öfter machen müssen. Jede Kirchgemeinde hätte Initiative ergreifen können. Es gab und gibt nach wie vor einen enormen Gesprächsbedarf. Aber solche Veranstaltungen kranken daran, dass die Veranstalter alles organisieren wollen, erst Referenten sprechen lassen. Das ist unklug. Die Leute kommen da hin, haben wahnsinnigen Gesprächsbedarf und müssen wieder irgendwelchen schlauen Leuten zuhören. Moderation ist unheimlich wichtig. Aber nicht, dass Eliten dem Volk was von oben herab erklären.

Ist es generell sinnvoll, extrem gegensätzliche Kontrahenten miteinander ins Gespräch zu bringen?

Wendelmann: Ja, mehr denn je. Positionen, die auf AfD-, Pegida- oder Antifa-Kundgebungen geäußert werden, sind Teil unserer Gesellschaft. Es nutzt nichts, die in kommunikative Ghettos abzudrängen. Man muss vielmehr erkennen, dass es Gesprächsbedarf gibt. Ob er einem passt oder nicht.

Termin-Hinweis: Donnerstag, 10. August, 22.35 Uhr, „Ich versteh’ Dich nicht!“ in der Sendereihe „nah_dran“

Von Tomas Gärtner

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