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Lokales Florian Post führt ein eigenes Unternehmen – das geht auch mit Behinderung
Dresden Lokales Florian Post führt ein eigenes Unternehmen – das geht auch mit Behinderung
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11:29 24.07.2017
Florian Post packt an. Mit 33 Jahren ist er Firmeninhaber und verantwortlich für 13 Mitarbeiter.   Quelle: Frank Müller
Dresden

 Florian Post packt an. Mit 33 Jahren ist er Firmeninhaber und verantwortlich für 13 Mitarbeiter. Er stellt besondere Werkzeuge her, die nur wenige Konkurrenten auf dem Markt liefern können. Er investiert große Summen und schafft Jobs. Florian Post lässt sich nicht aufhalten. Schon gar nicht von seinem Handicap.

Florian Post packt mit nur einer Hand an. Seit der Geburt leidet er an einer Fehlbildung der linken Hand. Sie ist nur ansatzweise ausgebildet, ihre fünf Finger sind nur sehr klein und sitzen gleich am Handgelenk. Woher das kam, konnten Ärzte nie klären. Als er 1984 in Leipzig geboren wurde, wurden seine Eltern von der Einschränkung ihres Kindes überrascht. Sie lebten damit und lehrten ihren Sohn, es auch zu tun. Ohne ihn in Watte zu packen. „Eigentlich hatte ich nie Probleme mit meiner Behinderung“, sagt Florian Post. Natürlich habe es Hänseleien von Mitschülern gegeben. Und klar, ärgerte ihn das. Es ließ ihn aber nie verzweifeln. Florian war selbstbewusst, spielte seit seinem sechsten Lebensjahr Fußball, lange als Kapitän. Die Behinderung spielte keine Rolle auf dem Rasen und erst recht nicht daheim. „Vor allem mein Vater verlangte viel und förderte mich“, sagt er. Noch gut erinnert er sich daran, als die Familie ein Haus baute und ihm der Vater ganz selbstverständlich zwei Eimer zum Tragen entgegenhielt. Oder wie er die Sportlehrerin verblüffte, als er die Kletterstange empor kletterte. Florian Post eignete sich eigene Techniken an, um zu können, was andere mit zwei gesunden Händen tun.

Ungewisser Berufsstart

Die Schule verließ Florian Post 1999 nach der neunten Klasse. „Ich war faul“, sagt er heute und schmunzelt. Faulheit erlaubt er sich heute kaum noch. „Die Agentur für Arbeit vermittelte mich in das Berufsbildungswerk Dresden (BBW)“, sagt Florian Post. Das Unternehmen ist spezialisiert auf die Erstausbildung junger Leute mit gesundheitlichen Einschränkungen, bietet Berufsvorbereitung, über 20 Ausbildungsberufe und einen Campus mit Schule, Wohnheim und ärztlicher Versorgung. Florian Post und seine Eltern überzeugte es. Mit nur 15 Jahren zog er von Leipzig ins Wohnheim nach Dresden, wo er zwar unter Obhut eines Betreuerteams aber doch früh auf eigenen Füßen stand. „Da ich nicht recht wusste, was ich beruflich wollte, schnupperte ich im Berufsvorbereitungsjahr in die Büroarbeit und die technischen und Metallberufe“, so Florian Post. Gemeinsam mit den Ausbildern entschied er sich danach für eine Ausbildung zum Werkzeugma-schinenspaner. „Bereits nach dem ersten Jahr wechselte ich in die Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker“, so Post. Seine Ausbilder bescheinigten ihm, dass er den weitaus anspruchsvolleren Beruf meistern könne. Florian Post war diszipliniert, ehrgeizig, geschickt und vor allem begeistert von der CNC-Technik, an der er nun arbeiten durfte. In der Ausbildungswerkstatt des BBW Dresden lernte er, Metall zu drehen und zu fräsen und nach und nach das Programmieren der hochtechnisierten Maschinen. „Wir waren eine kluge Truppe, bekamen von unseren Ausbildern anspruchsvolle Aufgaben, die über den Lehrplan hinausgingen“, sagt Florian Post. „Die Ausbilder waren zwar streng, doch immer fair und darauf bedacht, uns voranzubringen.“ Nicht nur fachlich profitierte Florian Post. „Ich lernte Menschen und Freunde kennen, die wie ich Einschränkungen hatten, einige sogar Fehlbildungen der Hand. Plötzlich war ich nicht mehr der Exot.“

Eine außerordentliche Erfolgsgeschichte

Regelmäßige Praktika in Unternehmen gehören zur Ausbildung im BBW. 2001, im zweiten Lehrjahr, führte ihn der Zufall das erste Mal in den Werkzeugschleifdienst von Dieter Sisolefsky in Dresden. Ein anderer Betrieb hatte eine Praktikumsstelle abgesagt, so vermittelte ihn Ausbilder Lothar Zschaler zum Schleifdienst, der sich seit Jahren auch um die Werkzeuge der BBW-Metallwerkstatt kümmerte. Für Chef Dieter Sisolefsky war es eine Premiere, Florian Post sein erster Praktikant. Es war der Beginn einer außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte.

Im Betrieb traf Florian Post auf ein damals vierköpfiges Team, das vorwiegend auf alte Maschinen und traditionelle Handarbeit vertraute, statt auf moderne CNC-Maschinen. Der „Junge“ brachte frischen Wind und neue Ideen in den Metallbetrieb und unterstützte vor allem bei der Handhabe der Computertechnik, die Abläufe erleichtert. Nach insgesamt sieben Praktika bis 2004 war Florian Post unersetzbar. „2004 nahte das Ende meiner Ausbildung und ich fragte, ob es für mich im Betrieb eine Perspektive gäbe“, erzählt er. Es gab sie: Dieter Sisolefsky rechnete fest mit ihm, hatte ihn schon in seiner Dienstplanung stehen.

Plötzlich Unternehmer

Nur wenige Tag nach bestandener Prüfung wurde Florian Post im Winter 2005 eingestellt. Schnell avanciert er zum Verantwortlichen in der Werkstatt. Doch er wollte mehr, träumte schon damals von der Selbstständigkeit. Ab 2008 besuchte er neben dem Job die Meisterschule, seit 2013 ist er „Industriemeister für Metall“. „Schon seit 2008 war klar, dass mein Chef die Firma irgendwann übergeben und in Ruhestand gehen wollte. Ich hatte früh Interesse signalisiert.“ 2015 war es soweit: Florian Post übernahm den Werkzeugschleifdienst. Er riskierte viel, nahm für die Finanzierung der Kaufsumme hohe Kredite auf. Doch er fühlte sich gewappnet für die Herausforderung. Im BBW war er bestens ausgebildet worden und inzwischen reich an Berufserfahrung. Wichtige Grundlagen in Betriebswirtschaft und Personalführung hatte er in der Meisterschule gelernt.

Heute ist Florian Posts Unternehmen WFP Werkzeugschleifdienst Sisolefsky auf Erfolgskurs. Seit der Übernahme wuchs die Belegschaft von acht auf 13 Mitarbeiter, er investierte erneut Hunderttausende Euro in eine neue CNC-Maschine, um Auftrags- und Kundenzahlen und damit Umsätze zu steigern. „Für Kunden schleifen wir Fräser und Bohrer. Spezialisiert haben wir uns auf die präzise Fertigung von Sonderbohrern oder -fräswerkzeugen, die wiederum zur Herstellung spezieller Werkteile genutzt werden“, sagt Florian Post. Er beliefert unter anderem die Kunststoff- und Metallindustrie oder die Automobil- und Flugzeugbranche. Sogar beim Bau des Airbus kommen bei ihm hergestellte Sonderwerkzeuge aus Hartmetall zum Einsatz. „Wir können innerhalb eines Tages liefern. Das macht uns einzigartig und bei Kunden gefragt.“ Immer höhere Ziele steckt sich Florian Post, sie sind sein Antrieb. Perspektivisch soll das Team auf 20 Mitarbeiter wachsen, vielleicht baut er eine neue Halle im Gewerbegebiet Cossebaude.

Seinen „BBW-Wurzeln“ bleibt der Wahldresdner Florian Post treu. Nun ist er es, der Praktikanten aus dem BBW Dresden bei sich aufnimmt. Derzeit lernt ein autistischer junger Mann bei ihm. Florian Post fordert ihn, wie alle anderen im Team auch. Macht sich der Azubi gut, stellt er ihn ein. Er weiß nur zu gut, wieviel Selbstvertrauen und Anerkennung ein anspruchsvoller Job gibt. Sofort würde er BBW-Absolventen einstellen, wenn die Chemie mit den Kollegen und das fachliche Können stimmen. Einem Mitarbeiter mit Handicap gab er schon einen festen Job.

In seiner knappen Freizeit trainiert Florian Post Fußballkinder in einem Dresdner Verein. „Ein bisschen ist es auf dem Rasen wie in der Firma. Ich fordere als Chef sehr viel, freue mich aber über gemeinsame Erfolge. Ganz egal, ob ein kompliziertes Werkzeug gelingt oder ein Tor fällt.“

Der WFP Werkzeugschleifdienst von Florian Post:

Sitz in Dresden-Cossebaude

spezialisiert auf die Fertigung von Sonderbohrern/-fräswerkzeugen für die Kunststoff-/Metallindustrie, Automobil-/ Flugzeugindustrie

13 Mitarbeiter

Das Berufsbildungswerk Dresden im Überblick:

spezialisiert auf die Berufsausbildung und Berufsvorbereitung junger Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen

über 300 Auszubildende und Berufsvorbereitungs-Teilnehmer

Ausbildung in 20 Berufen in Dresden und Cottbus

viermal von der IHK Dresden als hervorragender Ausbildungsbetrieb ausgezeichnet

Von Frank Müller

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