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Lokales Firma Kästner aus Dresden war der gefragteste Kondom-Versand der DDR
Dresden Lokales Firma Kästner aus Dresden war der gefragteste Kondom-Versand der DDR
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14:53 02.10.2017
Das Autorenduo Undine Materni und Jürgen Cytrich stellen ihr Buch am 11. Oktober bei einer Lesung im Lingnerschloss vor.  Quelle: Anja Schneider

Alles begann mit einem rosa Muffin, den Jürgen Czytrich seiner Freundin Undine Materni an einem Sommermorgen im vergangenen Jahr zum Frühstück reichte. „Rosa extra für dich“, sagte er nicht ahnend, welchen Ball er mit diesem kleinen Sätzchen ins Rollen brachte. „Rosa extra, diese steinharte Damenbinde der DDR“, kicherte Materni. Mit vom rosa Zuckerguss klebrigen Fingern suchten die beiden im Internet nach Videos der gleichnamigen unkonventionellen Damen-Punkband und fanden: Einen „Zeit“-Artikel von 1998 über den „diskreten Glücksboten der Werktätigen“, in dem der Journalist Clemens Caspary die Geschichte von Blütezeit und Untergang der Firma Kästner an der Dresdner Louisenstraße erzählt, dem größten Versandhaus von Mondos-Kondomen in der DDR. In einem Nebensatz erwähnt der Autor, dass sich der Nachlass des kleinen, etwa zehnköpfigen Versandhauses im Dresdner Stadtarchiv befinde und auf seine Auswertung warte.

Ihre Neugier war geweckt und noch am gleichen Morgen ging eine E-Mail von der Autorin und Literaturkritikerin Materni an das Stadtarchiv. Es folgte eine Einladung vom Leiter des Stadtarchivs, Thomas Kübler. „Im Nachlass fanden wir humorvolle Werbeanzeigen von Kästner, Auszeichnungen für die ,Planerfüllung’ von der Regierung und originale Mondos-Kondome, die die Firma in die DDR und die sozialistischen Staaten versandte“, berichtet die 54-jährige Materni. „Die größte Überraschung im Nachlass war aber ein Dankschreiben aus Kuba, in dem sich der Schreiber für die Wunderwirkung von ,Vaters Haartonikum’ bedankte, das seinen grauen Haaren die Naturhaarfarbe zurückbrachte“, sagt der 57-jährige Bibliothekar Czytrich und schmunzelt. Auch Kosmetika und Gummieinlagen für BHs verschickte das Unternehmen von Hans Kästner diskret.

Und wie war er so, der Herr Kästner? Um das herauszufinden, machten sich die Autoren auf die Suche nach Mitarbeiterinnen des ehemaligen Betriebs. Einige, wie Hannelore Perner, die im Zeitartikel aus dem Nähkastchen plauderte, sind bereits verstorben. Materni startete einen Aufruf in einer Zeitung und tatsächlich meldete sich ein junger Mann, dessen Mutter zur Stammbelegschaft der Firma Kästner gehörte. Es kostete ihn einige Überredungskunst, sie davon zu überzeugen, ihre Geschichte zu erzählen. „Die mit feinem Humor erzählten Geschichten von Petra Wöhnl aus dem Arbeitsalltag des Versandhandels sind das Herzstück des Buches geworden“, ist Materni der heute 71-jährigen Dresdnerin dankbar. Sie erzählt, dass Kästner sich gerne als Hahn im Korb fühlte, die Diätvorgaben seiner Gattin austrickste, indem er sich von seinen Angestellten heimlich Kartoffeln, Wurst und Eier kochen ließ, und wie jede Mitarbeiterin ihr eigenes Klingelzeichen erhielt. Diskretion war das oberste Gebot, schließlich bestellten viele DDR-Bürger bei Kästner, um Getratsche im Dorf zu vermeiden. Auf die mit Kondomen bestückten Päckchen schrieben die Mitarbeiterinnen ihre privaten Adressen als Absender, um neugierigen Postboten entgegenzuwirken.

Gegründet wurde die Firma 1899 von Hugo Kästner als Drogerie in der Neustadt. Später übernahm der Sohn Hans und eröffnete den erfolgreichen Versandhandel, dessen Kerngeschäft Mondos-Kondome waren. Zwei Kriege überstand das Unternehmen, nach der Wende und dem Tod Kästners ging der Versandhandel durch die starke westdeutsche Konkurrenz von Beate Uhse und Co unter. Unterlegt ist das Unternehmensporträt mit rund 120 Bildern von Angestellten, Herrn Kästner und Auszügen aus den Versandkatalogen, die das Herausgeberduo aus verschiedenen Quellen zusammengetragen hat.

Abgerundet wird die Geschichte der außergewöhnlichen Firma durch Gastbeiträge. So berichtet der Leiter des Stadtarchivs über die historischen Umstände in der Landeshauptstadt, Professor Tobias Lindner beleuchtet die Besonderheiten von Werbeanzeigen in der DDR und Professor Kurt Starke gibt Einblicke darin, was sich in Sachen Liebe und Verhütung in ostdeutschen Schlafzimmern abspielte. Dabei stellt er fest, dass die Bürger der DDR längst nicht so prüde waren, wie ihre bundesdeutschen Zeitgenossen mitunter meinen.

Das Buch „Herr Kästner, was kosten die Kondome? Der diskrete Versand der Dresdner Firma Kästner in der DDR“ hat 108 Seiten und ist im Verlag SZ Edition erschienen. Das Softcover-Buch kostet 19,90 Euro. Eine Lesung mit den Autoren findet am 11. Oktober um 19 Uhr im Lingnerschloss statt. Karten kosten im 12 Euro im Vorverkauf.

Von Tomke Giedigkeit

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