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Lokales Fehlende Organe: Jeden Monat sterben zwei Patienten von der Leipziger Warteliste
Dresden Lokales Fehlende Organe: Jeden Monat sterben zwei Patienten von der Leipziger Warteliste
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06:11 08.04.2019
Nierentransplantation: Tausende Kranke in Deutschland warten auf ein Spenderorgan – wegen der geringen Zahl an Spendern oft vergeblich. Quelle: epd
Leipzig

Organspender ist in Deutschland derzeit nur, wer ausdrücklich zustimmt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach wollen nun mit einem neuen Gesetz erreichen, dass jeder Bürger automatisch Organspender ist, wenn er dies zu Lebzeiten nicht ausdrücklich abgelehnt hat. Die Debatte um die Widerspruchslösung ist aus Sicht des Leipziger Transplantationsmediziners Thomas Berg überfällig. „Bei uns sterben im Schnitt jeden Monat zwei Patienten von der Warteliste, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten“, sagt Professor Berg, der am Uniklinikum Leipzig (UKL) die Sektion Hepatologie leitet. Nun komme endlich Bewegung in die Debatte. Deutschlandweit sterben im Schnitt jeden Tag drei Menschen von der Warteliste. „Es gibt aber auch etliche Leute, die wieder aus der Liste rausfallen, weil sie durch die lange Wartezeit so krank geworden sind, dass eine Transplantation gar nicht mehr in Frage kommt“, erklärt Professor Christian Hugo, Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft und Leiter der Nephrologie am Universitätsklinikum Dresden.

Immer weniger Organspender

2018 wurden in Leipzig 60 Lebern (2017: 43) und 41 Nieren (29) verpflanzt. In Dresden waren es im letzten Jahr 69 Nieren (2017: 54), vier Bauchspeicheldrüsen (2017: weniger als vier) und weniger als vier Herzen (2017: 0). Deutschlandweit vermeldet die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) für das vergangene Jahr insgesamt 3264 transplantierte Organe; 2017 waren es 2765. Somit sind zwar die Zahlen der transplantierten Organe zuletzt leicht gestiegen. Doch zwischen 2010 und 2017 war die Zahl der Organspender deutlich gesunken – und der Bedarf ist viel größer. „Wir bräuchten mindestens doppelt so viele Organe – eher dreimal so viele“, sagt Berg. Auf der Warteliste für Spenderorgane am UKL stehen im Schnitt gut 50 Patienten für eine Leber und rund 180 für eine Niere. In Dresden sind es zwischen 350 und 370 Patienten, die auf ein Organ warten – hier geht es vor allem um Niere und Bauchspeicheldrüse. Deutschlandweit hoffen rund 9400 Patienten auf ein neues Organ.

„Entscheidung wird auf Angehörige abgewälzt“

Innerhalb der Stiftung Eurotransplant als Organisation für die Zuteilung von Spenderorganen gebe es die Widerspruchslösung bisher allein in Deutschland noch nicht, betont Berg. Und das, obwohl Umfragen immer wieder belegen würden, dass rund 80 Prozent der Bevölkerung Organtransplantationen positiv gegenüber stünden und auch selbst spenden würden. „Der Konsens ist längst da, aber man wälzt bislang die Entscheidung auf die Angehörigen ab“, kritisiert Berg. Manchmal würden diese lange an ihrer getroffenen Entscheidung knabbern: Habe ich richtig entschieden? „Vor dem Leid der Patienten betrachtet, ist das eine völlig unangemessene Situation", sagt Berg. Wer für sich zu Lebzeiten entscheide, dass er seine Organe nicht spenden möchte, der könne das doch auch weiterhin sagen. Und wenn die Angehörigen versichern, dass der Verstorbene keine Organentnahme wollte, dann werde es auch weiterhin keine geben.

Mediziner plädiert für sachliche Debatte

Noch vor einem anderen Hintergrund drängt Berg auf eine Gesetzesänderung: Bei bis zu einem Drittel der transplantierten Nieren handele es sich um Lebendspenden. „Wir operieren gesunde Menschen, weil wir es nicht hinkriegen, dass wir genügend Organe haben.“ Auch mit der Widerspruchslösung wird es weiterhin zu wenig Spenderorgane geben. Aber Berg sieht darin einen Schritt in die richtige Richtung. Der Leipziger Transplantationsmediziner plädiert für eine sachliche Debatte. Schlagworte wie die vom „menschlichen Ersatzteillager“ führten nicht weiter. Es gehe doch darum, nach dem Tod einem anderen Menschen ein Leben zu ermöglichen.

In Wales gibt es 40 Prozent mehr Organspenden

„Immer mehr Länder haben die Widerspruchslösung oder führen sie ein“, sagt Professor Christian Hugo, Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft und Leiter der Nephrologie am Universitätsklinikum Dresden. Selbst das britische Unterhaus habe das Organspenderecht erst im März entsprechend geändert – trotz der beherrschenden Debatten rund um den Brexit. In Wales gilt die Widerspruchslösung bereits seit 2015 – dort sei die Zahl der Organspenden inzwischen um rund 40 Prozent gestiegen.

In vielen Kliniken fehlt das Bewusstsein

„Es ist nicht so, als wenn man einen Schalter umlegt“, sagt Hugo. Aber im Laufe der Jahre sei schon ein deutlicher Effekt zu erwarten. Es gehe darum, in Deutschland eine Kultur „Pro Organspende“ zu etablieren. Trotz großer Zustimmung in der Bevölkerung gebe es eine solche Kultur derzeit nicht. „Die Organspende ist bei uns das Außergewöhnliche, der seltene Ausnahmefall, der Kolibri“, sagt der Mediziner. „Dies trägt entscheidend dazu bei, dass auch in den Krankenhäusern bei vermutlich geeigneten Patienten nicht immer daran gedacht wird.“

Es gibt weiterhin keinen Zwang

Falsche Vorstellungen zur möglichen Gesetzesänderung seien nach wie vor weit verbreitet. „Es gäbe doch auch weiterhin keinen Zwang zur Organspende.“ Es gehe vielmehr darum, die Bürger zu verpflichten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich zu entscheiden. In den Niederlanden wie in der neuen Gesetzesinitiative würden die Menschen beispielsweise drei mal befragt. „Wenn ich es nicht will, kann ich Nein sagen.“

Von Björn Meine

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