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Lokales Erinnerungen an eine leuchtende Vergangenheit: Neon-Müller Dresden
Dresden Lokales Erinnerungen an eine leuchtende Vergangenheit: Neon-Müller Dresden
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08:50 19.07.2018
Ist der heutige Postplatz architektonisch besser als sein Vorgänger mit dem „Fresswürfel“ und dem Haus des Buches?. Quelle: Archiv Frank R. Müller / DNN-Archiv
Dresden

„Natürlich waren wir das“, sagt Frank R. Müller und zieht ein Schreiben vom 12. März 1965 aus seinen Unterlagen. Im Briefkopf steht „Deutsches Hygiene Museum, Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Silber“ und im Betreff „Bestellung“. Das Museum erteilt der Firma Fritz K.H. Müller Elektrotechnik den Auftrag: „1. Demontage der Leuchtbuchstaben von der Leuchtschrift am Haupteingang. 2. Montage der neuen Leuchtschrift in Farbglas-blau mit Leuchtstoff einschließlich aller zur sicheren Funktion notwendigen Instandsetzungsarbeiten.“

Früher gab es viel mehr Lichtwerbung in Dresden

Das Leitergerüst sei ab 22. März besteigbar, eine baldige Montage erwünscht. Der VEB Glaswerke Ilmenau werde die neuen Leuchtbuchstaben voraussichtlich bis Ende März fertigstellen, so dass sie ab Anfang April zwecks Montage zur Verfügung stünden. „Den Termin belieben Sie so einzurichten, daß die neue Schrift bis spätestens 15. Mai leuchtet“, wird der Betrieb aufgefordert.

Frank R. Müller Quelle: Dietrich Flechtner

Müller lächelt und zieht auch das Abnahmeprotokoll aus seinen Unterlagen. „Die in Auftrag gegeneben Montagarbeiten konnten am 28. April 1965 beendet werden. Wir danken Ihnen für Ihre zuverlässige Unterstützung sehr“, schreibt der Kaufmännische Direktor des Hygiene Museums. Mängel wurden bei der Abnahme ebenso wenig festgestellt wie auszuführende Restarbeiten. „Natürlich“, sagt Müller.

Der FDP-Stadtrat Jens Genschmar hat jüngst gefordert, die Leuchtschrift wieder am Hygiene-Museum anzubringen. 2001 wurden die Lettern entfernt. Das Museum sollte in Rahmen der Generalsanierung in den Originalzustand von 1930 zurückversetzt werden, wurde der Abbau der Leuchtelemente von Museums-Sprecher Christoph Wingender begründet. Müller hat 2006 dem Museum angeboten, es bei der erneuten Montage der Leuchtschrift zu unterstützen. Erfolglos.

Frank R. Müller weiß noch, dass er 1965 Bauleiter am Hygiene-Museum war. „An Details erinnere ich mich aber nicht mehr.“ Es sei eine eher kleinere Anlage gewesen für die 1928 von seinem Vater Fritz gegründete Firma. Schön wäre es, wenn die Anlage aus dem Depot herausgeholt und wieder montiert würde, findet Müller und hält der politischen Initiative von Genschmar die Daumen. „Früher gab es viel mehr Lichtwerbung in Dresden“, sagt der 81-Jährige resigniert.

Auch von Neon Müller: „Trink Margonwasser prickelnd frisch“

Wollte die DDR den Mangel und die grauen Fassaden mit bunten Leuchtreklamen kaschieren? Oder war es der Zeitgeist, der für die viele Werbung im Stadtbild sorgte? Müller hat von Grafikern und Gestaltern geschaffene Kunstwerke mit seiner Firma Neon-Müller Dresden installiert: Auf der damaligen Ernst-Thälmann-Straße, der Prager Straße oder der früheren Straße der Befreiung leuchteten die Reklame-Bilder, „Dresden grüßt seine Gäste“ auf dem Hochhaus am Postplatz stammt ebenso aus seinen Händen wie „Der Sozialismus siegt“ auf dem Hochhaus am Pirnaischen Platz. „Wir mussten diesen Auftrag ausführen. Aber ich habe es meinen zehn Mitarbeitern erlaubt, nicht mitzuarbeiten. Vier haben davon Gebrauch gemacht“, erinnert er sich.

Hell erleuchtet: Die Prager Straße. Quelle: Archiv Frank R. Müller / DNN-Archiv

Dresden sei neben Leipzig die Stadt mit den größten und schönsten Werbeanlagen in der DDR gewesen, sagt Müller. Er habe viel improvisieren und mit dem Matarialmangel ringen müssen. Zahlreiche technische Lösungen aus dem Hause Müller seien einmalig. Ein Patent habe er aber zu DDR-Zeiten nie erhalten, weil er das als privater Handwerker nicht habe verwirklichen dürfen. Jetzt gebe es mit der LED-Technik großartige Möglichkeiten, doch kaum jemand sei noch an Lichtreklame interessiert. „Schade, dass alles abgebaut wurde“, findet Müller, von einigen Ausnahmen abgesehen: „Trink Margonwasser prickelnd frisch“ ist nach wie am Giebel des Bürogebäudes Budapester Straße 5 zu lesen. Die Anlage steht seit 1998 unter Denkmalschutz.

Manchmal, sagt Müller, waren die Umstände durchaus abenteuerlich. 1970 installierten er und seine Kollegen eine riesige senkrechte Schrift am Interhotel Newa. Diese verbrauchte so viel Strom, dass sie ab 22.30 Uhr per Zeitschaltuhr abgestellt werden sollte. Als aber eine Delegation von Komsomolzen per Bahn nach Dresden kam, sollte die Leuchtschrift leuchten. Was sie aber nicht tat, weil sich der Zug verspätete und die Zeitschaltuhr – wie nicht anders zu erwarten bei einem Müller-Produkt – perfekt funktionierte.

Nie umgesetzt: Rotierende Lichter am Fernsehturm

Die Technik war in einem Schrank mit abschließbarem Gitter installiert. „Ich habe einem Mitarbeiter den Schlüssel für Notfälle gegeben.“ Doch 23.30 Uhr donnerte es an die Scheibe von Müllers Wohnhaus in Loschwitz. Er konnte sich gerade noch einen Mantel über den Schlafanzug werfen, ehe er in einen Wartburg gesetzt und zum Newa gebracht wurde. Die Genossen aus der Sowjetunion nahten, es sollte Licht ins Dunkel gebracht werden. Doch die Tür zum Schaltschrank war zu. „Da habe ich mir einen Besenstiel besorgt und mit diesem durch das Gitter die Uhr eingeschaltet.“ Die Komsomolzen fuhren im Hauptbahnhof vor, die Buchstaben strahlten.

Das Wirken von Neon-Müller in Dresden

Neon-Müller Dresden hatte auch den Auftrag, eine lichttechnische Variante zu projektieren, die bei eintretender Dämmerung die Aussichtsplattform des Fernsehturms rotierend darstellen sollte. Müller plante den Einbau von vielen Lichterstäben in die Geländer und eine elektronische Steuerung. „Ich hatte schon Sonderanfertigungen bestellt, als es zu Differenzen zwischen der Bauleitung und dem Rat der Stadt Dresden kam. Ich und meine Mitarbeiter bekamen Hausverbot, unsere erbrachten Montageleistungen wurden unbrauchbar gemacht.“ Immerhin sei ihm sein Aufwand mit 50.000 Mark der Deutschen Notenbank vergütet worden.

Müllers Unternehmen gibt es heute noch, auch wenn sich der langjährige Chef vor mehr als zehn Jahren zurückgezogen und es in die Hände von Mitarbeitern gegeben hat. Im Namen „nmd-Licht am Bau“ klingt Neon-Müller Dresden noch nach. Und Leuchtwerbung wird auch heute noch angeboten, wenn auch nur als ein Teil des Geschäftes.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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