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Dresden Lokales Ein Haus im Haus und ein Smartie zum Wohnen
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08:11 08.01.2019
Das smartieförmige Gebilde vor dem Kutscherhaus ist der Carbonpavillon im Miniformat, der gerade getestet wird. Quelle: Steffen Manig
Dresden

Sanieren und reanimieren ist eigentlich nicht meine Berufung“, sagt Gerd Priebe unumwunden. Und doch hat der Architekt mit seiner Frau Katrin Gräf ein ruinöses altes Haus gekauft und ihm wieder Leben eingehaucht. Aber auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise.

Er setzte ein Haus ins Haus und schlug so viele Fliegen mit einer Klappe: Die Kosten blieben für das Paar im Bereich des Machbaren. Die altehrwürdigen Mauern des Kutscherhauses, das einst zur 1873 fertig gestellten und im Zweiten Weltkrieg zerstörten Nordmannvilla gehörte, wurden saniert und blieben erhalten. Und nicht zuletzt gewannen Gerd Priebe und Katrin Gräf, die als Programmiererin beim Staatsbetrieb Sächsische Informatik Dienste arbeitet, auf dem verhältnismäßig kleinen Grundriss des Gebäudes mehr Platz. So konnten sie Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereinen.

Gerd Priebe und seine Frau Katrin Gräf am Eingang ihres Hauses. In das historische Kutscherhaus von 1873 haben sie ein modernes Holzhaus gesetzt. Quelle: Steffen Manig

Drei monolithische Baukörper aus Buchenfurnierschichtholz – in das dreigeteilte Kutscherhaus gesetzt – machen es möglich. Durch die hohe Festigkeit und Tragfähigkeit des Holzwerkstoffes und die dadurch sehr schlanken Bauteile konnte der Architekt den vorhandenen Raum innerhalb der Steinmauern besser ausnutzen. Die schmalen Holztreppen ins Obergeschoss nehmen wenig Platz weg. In die Wand eingelassene Schränke im Büro und in der Küche schaffen Stauraum, aber lassen in den Räumen mehr Bewegungsfreiheit.

Auszeichnung mit dem Iconic Award 2018

„Zudem sind wir etwas über die Attika hinausgegangen“, so der Architekt. Der Mittelteil des Gebäudes – einst der Pferdestall – hat damit jetzt noch ein Obergeschoss. Auch der Raum über der ehemaligen Kutschengarage, wo früher Heu gelagert wurde, ist nun besser nutzbar.

Jeder Raum im Kutscherhaus hat eine andere Geometrie und Belichtung. „Das Raumgefüge“ des „begehbaren Möbels aus Holz“ lebe „vom Wechsel zwischen Weite und Enge, der unterschiedlichen Farbgestaltung der Fensterrahmen und den regelmäßigen Konstruktionselementen“. Das sind Zitate aus der Begründung für die Verleihung des Iconic Awards 2018 in der Kategorie Innovative Materialien, mit dem das Kutscherhausprojekt vor einigen Wochen ausgezeichnet wurde.

Zur Person

Gerd Priebe wurdeam 20. November 1958 in Sinzig bei Bonn geboren. Er absolvierte in Köln eine Tischlerlehre und studierte an der Uni Wuppertal Architektur.

Er arbeitete bei Oswald Matthias Ungers, Erich Schneider-Wessling und Joachim Schürmann in Köln. Mit diesen Referenzen bewarb er sich bei Richard Meier in New York und arbeitete 1990/91 in dessen Büro. „Ich hatte eine Arbeitserlaubnis für drei Jahre. Weil meine damalige Frau aber keine Arbeit fand und sich in New York nicht wohl fühlte, kehrten wir schon im Frühjahr 1992 zurück“, erzählt Priebe. Ein Schritt, den er bis heute bereut.

Nächste Station wardas Architekturbüro von Pal Devény in Gummersbach. Wegen eines Projektes für einen Hamburger Investor fuhr Gerd Priebe 1993 erstmals nach Dresden und verliebte sich in die Stadt. Wenig später zog er her und gründete sein eigenes Büro. „Emotional habe ich mich in Dresden vom ersten Tag an wohlgefühlt. Geistig ist die Stadt nicht meine Heimat. Die Stadt ist zu selbstverliebt, zu statisch.“ Hier gebe es zu wenig moderne, inspirierende Architektur. „Bis heute ist es mir auch nicht gelungen, hier wirtschaftlich Fuß zu fassen“, gibt Priebe freimütig zu.

Priebe istmit Katrin Gräf in dritter Ehe verheiratet und hat keine Kinder.

„Früher boten die Mauern des aus 370 Kubikmetern Sandstein bestehenden Kutscherhauses 110 Quadratmeter Nutzfläche. Jetzt haben wir mit Hilfe von 50 Kubikmetern Baubuche 170 Quadratmeter geschaffen“, nennt Gerd Priebe Zahlen. Im April 2017 zog er mit seiner Frau ein.

„Wir leben hier auf 43 Quadratmetern“, schränkt Katrin Gräf ein und meint damit Wohnzimmer bzw. Bibliothek, Schlafzimmer und Minibad in einem Drittel des Gebäudes. Die Küche mit Patio im Mittelteil wird privat und geschäftlich genutzt.

Der übrige Raum im Mittelhaus und im Gebäudeteil Richtung Straße teilt sich in Seminarraum, Büro, Galerie und Gästezimmer mit Minibad auf. 2019 werden laut Gerd Priebe alle fünf Arbeitsplätze im Haus belegt sein. Das Gästezimmer ist zum Beispiel für Gaststudenten gedacht. Die Regionalgruppe des Cradle to Cradle e.V. trifft sich einmal monatlich im Kutscherhaus und auch Veranstaltungen finden dort statt. Denn Priebes Ziel war von Anfang an, auf seinem Grundstück an der Bautzner Straße einen „Ort der Begegnung“ zu schaffen, in dem nicht nur Architektur und Zukunftskonzepte kontrovers diskutiert werden können, sondern auch ein interkultureller Austausch stattfindet.

Reduzierung als Motto

„In unserer Wohnung am Obergraben, die wir bis April 2017 bewohnten, hatten wir 130 Quadratmeter Wohnfläche“, macht Katrin Gräf den Unterschied zu heute deutlich. Das bedeutete vor allem eins: aussortieren. „Bei jedem Kleidungs- und Einrichtungsstück, bei jedem Geschirrteil, jedem Buch haben wir uns gefragt: Brauchen wir das wirklich?“ „Man häuft so viel Zeug an…Wenn man sich um weniger Dinge kümmern muss, hat man mehr Zeit für anderes“, findet Gerd Priebe.

Der Schnitt, den die beiden machten, ist rigoros. „Kaffeemaschine, Toaster – brauchen wir nicht. Und wir spülen wieder von Hand“, so der Hausherr. Einen Kühlschrank hat das Paar – aber ohne Gefrierfach. „Allein eine Tiefkühlpizza braucht permanent Energie, bis sie mal auf dem Tisch steht und verzehrt wird. Ist das nachhaltig?“ fragt sich Gerd Priebe, der sich schon von Berufs wegen Gedanken darüber macht, wie die Menschen in Zukunft leben und wohnen.

„Wir haben unseren Lebensrhythmus geändert, bevorraten uns anders, konsumieren anders, leben gesünder, essen weniger. Früher sind wir mit dem Auto zum Einkaufsmarkt gefahren und haben es vollgepackt. Jetzt gehen wir einmal in der Woche das einkaufen, und zwar in der Menge, die wir wirklich brauchen. Brot holen wir alle zwei Tage frisch. Was für uns hier an der Bautzner Straße mitten in der Stadt aber auch keine Hürde ist. Wir können zum nächsten Geschäft laufen oder nutzen den Nahverkehr“, argumentiert der Architekt.

Zuhause bei Gerd Priebe

Die logische Folge: Er und seine Frau haben auch das Auto abgeschafft. „Versicherung, Steuern, Treibstoff, Durchsichten, Reparaturen – das fällt alles weg. Allein dadurch sparen wir sehr viel Geld. Wenn wir wirklich mal ein Auto brauchen, können wir eins mieten.“

Diese Reduzierung sei das Ergebnis eines „langen Bewusstwerdungsprozesses“, der mit seiner Pilgerwanderung begann. „2005 bin ich auf der Via de la Plata 1000 Kilometer alleine zu Fuß gegangen. Da merkt man ziemlich schnell, was man wirklich braucht und was nicht“, so Gerd Priebe. „Es ist wie eine Reise zu sich selbst.“

Katrin Gräf trägt dieses Lebensprinzip nach eigener Aussage grundsätzlich mit. Durch die Trennung von ihrem ersten Mann und den damit verbundenen Neuanfang habe sie gemerkt, „dass man eigentlich wenig wirklich braucht“. Trotzdem sei diese Reduzierung jetzt „eine richtige Aufgabe“, die noch nicht abgeschlossen sei. Einige Kartons im Haus belegen das. Und die Lösung dieser Aufgabe erfordert offenbar Kompromisse. Ihren Pflanzen trauere sie hinterher, gibt sie zu. Bei der Waschmaschine aber blieb sie standhaft. Die ließ sie sich nicht nehmen.

2022 ist der nächste Umzug geplant

Gerd Priebe hält die Waschmaschine für überflüssig, den Platz, den diese, der Wäscheständer und der Korb mit Bügelwäsche einnehmen, für verschenkt. „Es ist doch viel wirtschaftlicher, wenn an einer Stelle für viele Menschen gewaschen wird.“ Er erinnert sich an seine Zeit in Amerika. „Im New Yorker Hochhaus hat man seine Wäsche beim Concierge abgegeben und gewaschen und gebügelt wiederbekommen.“ Auch in Deutschland seien die meisten Wohnungen „gar nicht dafür konzipiert, dass in ihnen Wäsche getrocknet wird. So sind Schäden an den Immobilien vorprogrammiert“.

Auch in Bezug auf die Haustechnik und Energieeffizienz ist das Kutscherhaus für Gerd Priebe ein „Laborversuch“, wie er es selber formuliert. Er arbeitet am „Smart home“. So gibt es im Haus z.B. keine Lichtschalter. Die Steuerung erfolgt per App nach dem Prinzip des Human Centric Lighting, dessen Ziel eine tageslichtähnliche Beleuchtung ist. Die Temperierung des Wassers, das mittels Durchlauferhitzer erwärmt wird, soll auch bald per App geregelt werden. Priebe will zudem mit einer Solaranlage Strom erzeugen.

Und er feilt noch an der Heizung. Eigentlich sollen Carbonheizfliesen in den Decken mit Strom erwärmt und das Holz auf 26 Grad temperiert werden. Leider funktioniere das nicht so wie es soll, so der Architekt. Das Holz leiste zu großen Widerstand, die Wärme werde auch nach hinten in die Konstruktion abgeleitet.

Gerd Priebe hofft, dass er das jetzt mit dem Einbau von Reflektionsfolien ändern kann und seine Frau und er nicht noch einen zweiten Winter im Haus frieren müssen. „Im schlimmsten Fall müssen wir die Carbonheizfliesen stilllegen und Heizfliesen auf dem Holz anbringen.“ Probleme seien schließlich da, um sie zu lösen.

2022 wollen Gerd Priebe und seine Frau noch einmal umziehen. Denn dann soll auf dem Grundstück auch die „Villa Priebe“ mit einem Gartengeschoss und einem Obergeschoss in Form eines Smarties fertig sein. Ein innovatives Projekt aus einem innovativen Material: Carbonbeton. Ein solches „Einraumgebäude“ in kleinerem Format steht schon seit Juni vergangenen Jahres zu Testzwecken auf dem Grundstück. Entwickelt wurde der Carbonpavillon unter Federführung der Wissensgemeinschaft texton e.V..

Wird aus dem Traum Wirklichkeit, dient das Kutscherhaus dann komplett als Akademie- und Gästehaus. Vorkehrungen, um die Aufteilung der Räume zu ändern, sind schon getroffen.

Von Catrin Steinbach

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