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Lokales Ein Familienschicksal jenseits der großen Flüchtlingsdebatten
Dresden Lokales Ein Familienschicksal jenseits der großen Flüchtlingsdebatten
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07:30 21.03.2018
Ingolf Baer, Fahrlehrer in Dresden, ist seit 2016 mit einer Ukrainerin verheiratet. Jetzt kämpfen sie um das Aufenthaltsrecht ihrer Tochter Marija in Deutschland – es droht die Abschiebung. Quelle: privat
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Dresden

Ingolf Baer wirkt verzweifelt. „Ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll.“

Seit Oktober 2016 ist er mit Halyna Korchak verheiratet, seine heute 44-jährige Frau stammt aus der Ukraine und lebt inzwischen in Dresden, doch von angenehmem Familiendasein kann keine Rede sein. Derzeit kämpfen sie um das Aufenthaltsrecht für Tochter Marija in Deutschland. Die rechtliche Lage ist außerordentlich kompliziert, mittlerweile droht dem inzwischen 18 Jahre alten Mädchen die Abschiebung.

Seit zehn Jahren Halbwaise

Zunächst hatte nur seine Frau aus der Ukraine heraus einen Antrag auf Aufenthalt in Deutschland gestellt, weil die Tochter die Schule noch beenden sollte. Das erweist sich heute als Handikap. Halyna hat als Ehefrau das Aufenthaltsrecht bekommen. Sie ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt, arbeitet als Reinigungskraft, obwohl sie einen Abschluss als Hotelfachfrau hat.

Ingolf Baer mit seiner Ehefrau Halyna. Quelle: privat

Ihr beiden Töchter, Marija hat noch eine ältere Schwester, sind seit zehn Jahren Halbwaisen. Ihr Vater sei bei einem Verkehrsunfall mit seltsamen Umständen ums Leben gekommen, erzählt Baer. „Damals war irgendwie die Miliz in den Unfall verwickelt, ihr Vater ist am Unfallort verblutet“, schildert er die Sache. Das habe vor allem Marija traumatisiert, seither sei ihre Beziehung zur Mutter besonders eng. Deshalb will die Familie die Tochter auch nicht lange allein lassen.

Nach der Ausreise der Mutter, besuchten sie Marija in Lemberg zunächst regelmäßig, holten sie schließlich nach Deutschland, um ständig zusammen sein zu können, und hofften auf ein Aufenthaltsrecht als Familiennachzug.

Angespannte Atmosphäre im Ausländeramt

Der 62-jährige Baer betreibt in Dresden-Bühlau eine Fahrschule. Als Marija Mitte 2017 nach Deutschland einreiste lebte die Familie noch in Ullersdorf, einem Stadtteil von Radeberg. Daher war das Ausländeramt des Landkreises Bautzen mit Sitz in Kamenz zuständig.

Marija will in Dresden bei ihrer Familie leben, doch ihr droht die Abschiebung. Ihre Anwältin spricht von einer „humanitären Frage“. Quelle: privat

Die Atmosphäre zwischen Baer und der Behörde war schnell ziemlich angespannt: verbale Konflikte, Beschwerden, eingeschaltete Politiker – Baer befürchtet heute, dass dies alles womöglich die Entscheidungen beeinflusst hat, wenn es um Ermessensfragen ging.

Als die Ausländerbehörde gemeint habe, Marija brauche mehr Wohnraum, zog die Familie nach Dresden in eine größere Wohnung um. In die Schule durfte das Mädchen nicht, weil sie keinen genehmigten Aufenthalt besitzt. Im Oktober 2017 hatte Marija einen Antrag auf Aufenthaltserlaubnis gestellt, den die Kamenzer Ausländerbehörde inzwischen ablehnte.

Landkreis verweist auf strenge Regeln

Kernaussage: Für die Familienzusammenführung hätte der Antrag noch in der Ukraine gestellt werden müssen. Davon könne die Behörde im Rahmen des Ermessens nur abweichen, wenn sich in der Zeit des Aufenthaltes in Deutschland etwas Maßgebliches ereignet hat. Das sei jedoch nicht der Fall. Daher lehnte das Amt den Antrag ab, forderte Marija bis 9. März zur Ausreise auf und drohte die Abschiebung an. Bei einer Ausreise und einem neuen Antrag wäre die Situation völlig verändert, Maria ist seit November 2017 volljährig. Der Familiennachzug wäre passé.

Auf DNN-Anfrage in Bautzen hieß es, aufgrund laufender Verfahren könne das Landratsamt zum angefragten Fall nur bedingt Auskunft geben. Zudem dürften seitens der Behörde keine personenbezogenen Daten weitergeben werden. Allgemein stellte das Landratsamt zur Sachlage fest: „Für eine Einreise mit dem Zweck des Daueraufenthalts in Deutschland gelten strenge Regeln bereits bei der Erteilung des Einreisevisum.“ Dementsprechend habe die Ausländerbehörde ihre Ansicht der zuständigen Deutschen Botschaft mitgeteilt, die dieser Auffassung „vollständig gefolgt“ sei.

Angst vor Abschiebung

Bislang hätten die Betroffenen in sämtlichen Rechtsbehelfsverfahren vor Landesdirektion, Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht verloren. In den Entscheidungsgründen sei deutlich gemacht worden, warum die Ausländerbehörde richtig entschieden habe. Eine Klage gegen die Ablehnung der Deutschen Botschaft in Kiew sei am Verwaltungsgericht Berlin anhängig.

Für Marija sei das alles zu viel gewesen, sagt Ingolf Baer. „Ohne Mutter will ich nicht mehr leben“, habe sie erklärt. Daraufhin hat ihr Arzt sie ins Krankenhaus eingewiesen. Baer befürchtet jedoch, dass sie abgeschoben wird, sobald sie das Krankenhaus verlässt. „Dann ist sie 800 Kilometer weg von uns.“

Hoffnung auf Mediation

In den laufenden Rechtsstreitigkeiten um den abgelehnten Antrag beim Landratsamt habe das Oberverwaltungsgericht Bautzen eine Mediation mit allen Beteiligten angeregt. Darauf setzt Baer seine letzten Hoffnungen. Doch bislang sei das Ausländeramt im Landkreis dazu nicht bereit. Die DNN-Nachfrage dazu hatte die Behörde offen gelassen.

Das ärgert auch Baers Rechtsanwältin Theresa Beyer. Sie will alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen. Für sie ist der Fall aber vor allem eine „humanitäre Frage“. Es müsse doch möglich sein, sich einmal mit allen Beteiligten an einen Tisch zu setzen. Die gesamte Situation habe bei Marija ein „enormes seelisches Trauma“ verursacht. „Hier will eine Familie zusammenleben, Marija spricht deutsch, will hier ihre Ausbildung machen, aber ihr werden nur Steine in den Weg gelegt.“

Von Ingolf Pleil

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