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Dresdner adoptieren verfallene historische Gräber

Dresdner adoptieren verfallene historische Gräber

In glänzendem Weiß breitet der Engel tröstend seine Marmorschwingen über das Familiengrab des Kommerzienrates Pilz. "Der war bestimmt irgendwas Wichtiges", mutmaßt Thomas Zuschke.

Das jedoch sei zwar interessant, aber nicht entscheidend, stellt Ehefrau Sabine klar. Entscheidend sei vielmehr jener imposante Engel aus Marmor gewesen, "mein Engel", nennt sie ihn liebevoll. "Als wir den sahen, wussten wir: das ist es." Thomas und Sabine Zuschke sind 48 Jahre alt und stehen vor ihrer eigenen künftigen Grabstelle. Ausgesucht haben sie sie selbst. Ob das nicht ein wenig verfrüht sei, wurden sie seither öfter gefragt. "Für uns ist es einfach beruhigend zu wissen, wo wir einmal beerdigt werden, und dass sich unsere Kinder mit dieser Frage niemals werden herumschlagen müssen", lautet die Antwort. Doch das ist nicht der einzige Grund.

Was passiert mit diesen wunderschönen alten Gräbern, wenn sich niemand mehr kümmert? Diese Frage ließ die Eheleute nicht mehr los. Der Kirchentag 2011 spülte sie an den Info-Stand von Friedhofsverwalterin Beatrice Teichmann. Im vergangenen Sommer wurden sie schließlich Paten des herrlichen Grabes an der Nordostmauer des Johannisfriedhofes in Tolkewitz. "Davor wussten wir über das Thema eigentlich nicht viel", sagt Thomas Zuschke. Jedoch hätten Friedhöfe aufgrund ihres kulturellen und gestalterischen Wertes schon immer anziehend auf sie gewirkt. Kolossal thront auf dem Grab die mächtige Gruft aus schwarzem Mamor, umfriedet von einem kunstvoll geschmiedeten Zaun, in dessen verschnörkelte Elemente die Zeit ihre Spuren gegraben hat. "Der Zaun ist als Nächstes dran. Schauen Sie, wie filigran er gearbeitet ist, sogar die Staubbeutel der Blüten sind erkennbar", schwärmt die Lehrerin. Den Engel ließen sie bereits im vergangenen Jahr generalüberholen, gleich zu allererst.

Für Beatrice Teichmann ist das ungewisse Schicksal vieler historischer Gräber trauriger Alltag. "Wir können sie zwar grob weiterpflegen, aber baulich erhalten - keine Chance. Werden sie verkehrsunsicher, müssen wir sie abbauen." Um selbst zu restaurieren, fehle es am Geld, und auch der Denkmalschutz gebe dafür zu wenig. "Uns bleibt kaum mehr als zuzuschauen, wie alles zunehmend verwittert", so Teichmann bitter. Allein auf dem Trinitatis- und dem 1881 eröffneten Johannisfriedhof sind davon mehr als 3500 Grabstellen betroffen. Teichmann sieht dringenden Handlungsbedarf seitens der Stadt: "Wenn 50 Prozent der Beisetzungen auf zwei kommunalen Friedhöfen stattfinden und der Rest sich auf über 50 kirchliche verteilt, verursacht das eine Schieflage, die die konfessionellen Friedhöfe abhängig von Zuschüssen macht." Verantwortlich hierfür seien insbesondere die uneinheitlichen Friedhofsgebühren. Im Resultat stünden wirtschaftliche Probleme der nichtkommunalen Friedhöfe, die keine Reserven für Denkmalsanierung ließen. "Grabmalkunst ist aber prägend für jeden Friedhof. Jedes einzelne Grab erzählt ein Stück Stadtgeschichte", argumentiert Teichmann. Dass kein Geld da sein soll, um etwa so wertvolle Stätten wie das vom Reichstagsarchitekten Paul Wallot für den Schauspieler Felix Schweighofer entworfene Grabmal auf dem Johannisfriedhof zu retten, kann Teichmann nicht verstehen.

Menschen wie Thomas und Sabine Zuschke werden daher aus denkmalpflegerischer Perspektive immer wichtiger. Im Jahr 2003 vergab Beatrice Teichmann die erste Grabpatenschaft, mittlerweile gibt es bereits mehr als 80 allein auf dem Johannis- und dem Trinitatisfriedhof. "Und wir suchen ständig neue, sind glücklich über jeden einzelnen." Als kleinen Ausgleich für die Kosten, die die Grabpflege mit sich bringt, erhalten sie das Anrecht, sich später darin bestatten zu lassen. Eine Grabpatenschaft kann generell für jedes "herrenlose" Grab im Eigentum der Friedhofsverwaltung übernommen werden. "Es muss nicht immer ein solch monumentales sein wie bei Zuschkes", erklärt Teichmann. Dennoch bleibt die Zahl der Paten übersichtlich. "Viele fürchten hohe Kosten, doch die hängen immer von der Größe und vom Zustand des Grabmales ab", so Teichmann. Bei vielen Gräbern müsse gar nicht viel gemacht werden, bei anderen hingegen mehr.

Dass sie sich ihr Grab irgendwann einmal mit der vor gut 100 Jahren verstorbenen Familie Pilz teilen müssen, stört das Ehepaar Zuschke nicht. "Der Trend geht heute ja ohnehin zur Gemeinschaftsanlage. Ob sich die Familie das damals allerdings so gedacht hat, dass einmal völlig Fremde in ihrer Gruft bestattet werden, darf bezweifelt werden", räumt Sabine Zuschke schmunzelnd ein. Das Grabmal weiter für die Öffentlichkeit erhalten zu können, sei ihnen wichtig, betonen beide. Dennoch sei die Aussicht, selbst einmal in solch einer schönen Grabstätte die letzte Ruhe zu finden, ein entscheidender Anreiz gewesen. Bis dahin kommen beide gern vorbei, zum Verweilen oder um die nächsten Renovierungsschritte zu planen. "Da oben auf dem Flügel des Engels wird sich vielleicht einmal meine Seele niederlassen. Das stelle ich mir schön vor", sagt Sabine Zuschke. Und Beatrice Teichmann muss sich um ein historisches Grab weniger Sorgen machen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.04.2013

Jane Jannke

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