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Lokales Dresdner Spezialklinik für süchtige Kinder setzt auf Matrix-Therapie
Dresden Lokales Dresdner Spezialklinik für süchtige Kinder setzt auf Matrix-Therapie
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07:31 10.04.2018
Antje Kaufmann (Name geändert) ist die Mutter von Alexander. Der 17-Jährige ist drogenabhängig und wird in der neuen Suchtambulanz für Kinder und Jugendliche im Universitätsklinikum Dresden betreut. Die Mittvierzigerin spricht über ihre Hoffnungen für die Zukunft ihres Sohnes. Quelle: Foto. Adina Rieckmann
Dresden

Definitiv. Dieses Wort sagt Antje Kaufmann* immer wieder. „Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Definitiv nicht. Ich glaube daran, dass Alexander eines Tages seinen Weg gehen wird, den richtigen Weg. Definitiv.“

Alexander ist 17 Jahre alt, er betreibt massiven Drogenmissbrauch. Er konsumiert Cannabis, aber auch alle anderen Drogen. Deshalb ist er gerade auf Station in Arnsdorf. Es ist sein zweiter Versuch, von der Drogensucht wegzukommen. „Nach der ersten Entgiftung“, erinnert sich die Mutter, „hat sich der Verbrauch extrem gesteigert“. Habe er vorher nur zwei-, dreimal in der Woche gekifft, nehme er nun Cannabis von früh bis spät: „Es ging gleich nach dem Aufstehen los“, sagt Antje Kaufmann. „Noch vor der ersten Zigarette wurde ein Joint gedreht und auf der Toilette geraucht.“

Die Sorge: Liegt er unter einer Brücke? In Dresden? In Amsterdam?

Alexander kommt aus einer intakten Familie. Er hat noch drei Schwestern. Drogen komme für keine von ihnen in Frage, wohl auch, weil sie das Schicksal ihres Bruders sehen, meint Kaufmann. „Ob sie es glauben oder nicht, wir sind alle froh, dass Alexander jetzt in der Klinik ist. Wir sind einfach ruhiger und entspannter. Und ich kann nachts endlich wieder schlafen, muss mir keine Gedanken machen, ob er unter irgendeiner Brücke liegt, ob in Dresden oder Amsterdam, ohne Geld, ohne Ausweispapiere.“

Wie Alexander seinen Drogenkonsum finanziere? Das wisse sie nicht und das möchte sie auch nicht wissen. „Definitiv nicht“, sagt die Mittvierzigerin, darüber dürfe sie nicht nachdenken, sonst könne sie gar nicht mehr schlafen.

Alexander ist einer der 600 000 Jugendlichen in Deutschland, die ein enormes Cannabisproblem haben. Er nimmt die Droge seit seinem 14. Lebensjahr. Auch deswegen musste er die Schule nach der 9. Klasse verlassen. „Wir wurden von dem Schulleiter vor die Wahl gestellt“, berichtet die Mutter, die in Ostsachsen in einem sozialpädagogischen Beruf arbeitet. „Entweder er verlässt die Schule oder wir beantragen das Ruhen der Schulpflicht. Oder er nimmt wieder am Unterricht teil. Ohne Drogen.“ Letzteres konnte sich niemand vorstellen, weder die Lehrer, noch die Mutter. Alexander saß zwar in der Klasse. Mehr aber nicht, meint die Sozialpädagogin: „Er hat alles nur mit Ach und Krach geschafft. Dabei ist er ein helles Köpfchen. Er möchte Informatiker werden.“

Cannabis verursacht schwere chronische psychische Störungen

Dafür aber braucht er ein Abitur. Das zu schaffen, dürfte – so Stand heute – schwierig werden, meint Yulia Golub, Oberärztin der im Februar 2018 eröffneten „Spezialambulanz für Suchterkrankungen im Kindes- und Jugendalter in Dresden“. „Es mag sein, dass es Jugendliche oder Erwachsene schaffen, Cannabis gelegentlich so zu konsumieren, dass es keine Auswirkungen für das Alltagsleben hat“, erklärt sie. „Es ist aber leider so, dass wir bei uns in der Ambulanz viele Jugendliche sehen, die alle anderen Aktivitäten einstellen. Sie treffen sich nur mit Jugendlichen, die auch Cannabis konsumieren und alles sonst, was zu einer normalen Entwicklung führt – wie Schule, Hobbys, erste Liebe – ist nicht mehr wichtig.“ Und leider seien die Nebenwirkungen enorm: kognitive Fähigkeiten litten extrem, Cannabis töte Gehirnzellen. Es sei, wie bei vielen anderen toxischen Mitteln, die Frage der Menge: wie oft, wieviel. „Vielen macht das nichts aus, viele aber rutschen in einen psychotischen Zustand. Cannabis verursacht schwere chronische psychische Störungen, auch unheilbare kognitive Defizite.“

Die Ärztin berichtet auch, dass das Alter junger Einsteiger sich rasant nach unten bewegt. Immer häufiger treffe sie auf der Station Zwölfjährige an, die schon abhängig seien, die seit dem 10. Lebensjahr Drogen nehmen. Cannabis sei dabei die Nummer eins.

Alexander hat sich immerhin freiwillig Hilfe gesucht – gemeinsam mit seiner Mutter holte er sich einen Termin in der Spezialambulanz. Wirklich motiviert allerdings, sein Verhalten zu ändern, das war er nicht. Deshalb entschied das Team um die erfahrene Kinder- und Jugendpsychiaterin Yulia Golub, dass er erst stationär entgiftet werden müsse. „Alexander war gar nicht mehr in der Lage, sich zu motivieren“, sagt Yulia Golub. „Er hat ADHS, einhergehend mit einer Depression und einer Störung des Sozialverhaltens. Wie sollte er in diesem Zustand eine ernsthafte Entscheidung für sich treffen können?“ Erst wenn ein Patient abstinent sei, könne man ihn tatsächlich therapieren, sagt sie weiter. Mit Gruppentherapien zum Beispiel.

Dabei lernen Betroffene, sich selbst zu helfen. In der Spezialambulanz für junge Süchtige setzt man auf eine komprimierte Version der sogenannten Matrix-Therapie. Die Dresdner Experten fokussieren dabei auf die anfängliche Phase der Rückfallprävention, in der es um den Aufbau einer entsprechenden Motivation sowie den Erhalt der Abstinenz geht. Mit dieser Form der Gruppentherapie geht die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Deutschland neue Wege. Bei dem Matrix-Modell handelt es sich um ein umfassendes, verhaltenstherapeutisch ausgelegtes Therapieverfahren, das die gesamte Familie einbezieht und sowohl direkte, als auch indirekte Faktoren in Bezug auf eine Suchtstoffabhängigkeit berücksichtigt.

Spezialambulanz hilft Abhängigen und deren Familien

„Wir hoffen, mit diesem Therapiemodell den abhängigen Jugendlichen effizienter helfen zu können“, sagt Lisa Klamert, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Therapeutin der Suchtambulanz. „Rückfälle“, sagt sie, „folgen immer einem bestimmten Muster. Wenn man dieses Muster kennt, kann man einen Rückfall an gewissen Merkmalen vorhersehen und ihn so früher abfangen.“ Klamert berichtet, dass sie mit den Jugendlichen diese Zeichen lesen lernt: „Wir wollen die Jugendlichen nicht überwachen, sondern ihnen eine echte Hilfe mitgeben. Eine Hilfe, mit der sie die Kontrolle über ihr eigenes Leben wieder gewinnen. In welchen Situationen also konsumieren sie? Was triggert sie an? Wie können sie diese Trigger vermeiden?“ So würden sie die eigenen Stärken und Schwächen kennenlernen und alte problematische Verhaltensmuster durch neue zu ersetzen.

In der neuen Spezialambulanz wird auch Antje Kaufmann geholfen. Hier lernt die Mutter, mit den Ängsten um ihren Sohn umzugehen, ihn zu verstehen. Sie erzählt von den Helferkonferenzen, den Gesprächen mit den Therapeuten, Sozialarbeitern, der Ärztin, Psychologin, dem Jugendamt: „Alle sitzen an einem Tisch, um für Alexander den richtigen Weg zu finden. Unser aller Wunsch ist, dass Alexander nach der Entgiftung in eine suchtspezifische Wohngruppe geht.“

Das wolle ihr Sohn allerdings bislang auf keinen Fall, sagt die Mutter. Diese suchtspezifischen Wohngruppen seien hochstrukturiert, bis ins Detail durchgeplant, man könne sich dort nicht einfach so mal mit Freunden treffen. „Alexander will auf seine Freunde nicht verzichten. Wir wissen alle, dass er unbedingt aus seinem alten Umfeld raus muss. Aber es muss halt für ihn machbar sein. Er muss schließlich dort leben, vielleicht für zwei Jahre, wenn nicht noch länger.“

Bis Alexander abstinent ist, bis er wirklich die gefährliche Droge Cannabis nicht mehr konsumiert, wird noch viel Zeit vergehen. „Mein Sohn hat eine Chance. Definitiv“, sagt seine Mutter. „Ich glaube an ihn. Er wird seine Ziele erreichen. Definitiv. Er ist doch ein helles Köpfchen.“

Antje Kaufmann ist froh, dass es diese neue Spezialambulanz in Dresden gibt. Sie setzt sehr auf das Wissen und Können von Yulia Golub und Lisa Klamert. Und glaubt an eine gute Wendung – definitiv.

 * (Name geändert

Von Adina Rieckmann

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