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Lokales Dresdner Seenotretter von Mission Lifeline wollen wieder aufs Meer
Dresden Lokales Dresdner Seenotretter von Mission Lifeline wollen wieder aufs Meer
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17:18 29.06.2018
Die mit 234 Flüchtlingen an Bord vor Malta kreuzende „Lifeline" der Dresdner Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Quelle: Hermine Poschmann/Mission Lifeline
Dresden

Es sind schwierige Tage für die Verantwortlichen der Dresdner Seenotretter Mission Lifeline, die mit ihrer sechstägigen Irrfahrt durchs Mittelmeer weltweit für Aufsehen gesorgt haben. Zwar sind die 234 aus dem Meer geretteten Flüchtlinge inzwischen sicher auf festem Boden und werden nun auf neun europäische Länder verteilt. Das Schiff „Lifeline“ liegt jedoch im Hafen von Valetta fest, der Kapitän Claus-Peter Reisch ist von den Behörden angeklagt. Am Montag steht die Verhandlung in der maltesischen Hauptstadt Valetta an, Lifeline-Sprecher Axel Steier hat deswegen wenig Zeit für ein Gespräch, nimmt sich aber ein paar Minuten. „Ich bin gerade bei der maltesischen Polizei in Gesprächen, wir müssen unserem Kapitän den Rücken stärken“, sagt er am Telefon. In seiner Stimme schwingt trotz der finsteren Aussichten viel Optimismus.

Axel Steier ist Mitgründer von Mission Lifeline und derzeit ein gefragter Interviewpartner. Quelle: dpa

„Ja klar, wir arbeiten weiter“, sagt er. Die 17 Crewmitglieder, die in Malta das Bord der „Lifeline“ verlassen haben, werden jetzt nach und nach durch neue Kräfte, Freiwillige ausgetauscht. „Und dann müssen wir das Schiff reparieren“, sagt er. „Wenn man so lange Zeit so viele Menschen ohne genügend Platz an Bord hat, dann geht schon einmal das ein oder andere Blech kaputt“, begründet das Steier, der einer der Gründer des Mission-Lifeline-Vereines ist. 35 000 Euro werde die Reparatur wohl kosten, weil auch die Satellitenanlage zu überholen sei. Steier, der auch im Vorstand des Vereins ist, hält mit solchen Angaben nicht hinter den Berg – das geht auch gar nicht anders, Mission Lifeline finanziert sich komplett aus Spenden. Um so ärgerlicher für die Seenotretter, dass nun viel Geld in die juristischen Scharmützel fließen werden. Zwei Anwälte hat sich der Verein bisher in Malta genommen, ein dritter werde wohl dazu kommen. „Das kostet uns sicher 18 000 bis 20 000 Euro“, sagt der Sprecher und bittet um Unterstützer.

234 Flüchtlinge hat das Schiff der Dresdner Seenotretter Mission Lifeline aus dem Mittelmeer gerettet. Jetzt droht die italienische Regierung mit der Beschlagnahme. Was mit den Flüchtlingen geschieht, ist ungewiss.

Das beklagt Steier an der gegenwärtigen Lage vor allem an: Einen Verlust an Zeit und Geld. Und das gerade in einem Moment, in dem viele Flüchtlinge sich mit nicht seetauglichen Booten aufs sommerliche, aber immer noch tückische Mittelmeer wagen. Steier vermutet dahinter System. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen“, bekräftigt er. Man habe beispielsweise allen Anordnungen der italienischen Seenotrettungszentrale Folge geleistet, außer der einen, die Flüchtlinge an die libysche Küstenwache zu übergeben. „Das können wir auch gar nicht, das widerspricht den europäischen Menschenrechtskonventionen“, begründet er diese Entscheidung. Man könne Menschen nicht an ein Land übergeben, in dem sie „versklavt, vergewaltigt, gefoltert werden“. „Von jedem Boot, mit dem die libysche Küstenwache Flüchtlinge in ihr Land bringt, wird die Hälfte der Menschen an Schlepper verkauft, die andere kommt in Unterkünfte, wo sie misshandelt wird“, formuliert Steier harte Vorwürfe, für die Mission Lifeline auch Belege habe. Man werde in den nächsten Tagen einige Schicksale Betroffener öffentlich machen. „Das wird noch für Aufruhr sorgen“, ist sich Steier sicher.

Es ist dieser politische Kampf, den der eigentlich 2015 für die Versorgung der Flüchtlinge auf der Balkanroute ins Leben gerufene Verein inzwischen annimmt. Am Donnerstag haben die Regierungen der EU-Länder auf einem Gipfeltreffen beschlossen, Auffangzentren für Flüchtlinge in nordafrikanischen Ländern zu bauen, den Grenzschutz zu verstärken und den Nichtregierungsorganisationen (NGO) im Seenotrettungseinsatz die Arbeit zu erschweren oder unmöglich zu machen. Malta und Italien haben inzwischen erklärt, diesen ihre Häfen nicht mehr zu öffnen. Das ist, wogegen Mission Lifeline nun vorgeht, damit die Seenotrettung auf Hoher See irgendwie weitergeht. Warum dieser Kampf gegen Windmühlen? „Es geht um Menschenrechte“, sagt Steier. Was die EU-Regierungen beschlossen haben, sei völkerrechtswidrig.

„Wir fühlen uns wie in einem totalitären Staat“, sagt der Lifeline-Sprecher auch über die eigene Situation. „Da wiehert der Amtsschimmel“, sagt er über die aus seiner Sicht kafkaesken Verwicklungen in behördliche Untersuchungen. Nichts sei dran, an der angeblichen Staatenlosigkeit des unter niederländischer Flagge fahrenden Bootes. „Wir haben das ganz regulär über eine Agentur in den Niederlanden angemeldet und haben dafür auch eine Bestätigung des dortigen Handelsministeriums“, sagt Steier. Ebenso falsch sei die Behauptung, der Kapitän habe auf dem Meer mehrfach den Transponder ausgeschalten. „Wir wissen eigentlich gar nicht genau, was ihm jetzt vorgeworfen wird – was es auch immer ist, es fällt gerade in sich zusammen“, sagt Steier über die bevorstehende Anhörung.

Größte Gefahr sei nun diese: Die maltesischen Behörden hätten angekündigt, alle Schiffen von NGO-Seenotrettern zu überprüfen. „Und so eine Überprüfung kann sich in die Länge ziehen, ob sie nun gerechtfertigt ist oder nicht.“ Faktisch würde sie die Arbeit der Seenotretter stoppen. „Darum geht es, das ist der politische Wille der dahinter steckt. Weil wir juristisch nicht belangt werden können, arbeiten nun die Behörden auf ihre Weise gegen uns“, befürchtet Steier. Dann muss er das Gespräch beenden. Der nächste Termin bei der maltesischen Polizei steht an.

Spenden: MISSION LIFELINE e.V.; IBAN: DE85 8509 0000 2852 2610 08; BIC: GENODEF1DRS; Volksbank Dresden e.G.

Von Uwe Hofmann

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