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Lokales Dresdner Mediziner rettet Flüchtlinge aus Seenot
Dresden Lokales Dresdner Mediziner rettet Flüchtlinge aus Seenot
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08:50 20.03.2017
Maximilian Richter Quelle: Anja Schneider
Dresden

Ende März bricht der Dresdner Arzt Maximilian Richter in Richtung Mittelmeer auf. Dort kreuzt das Seenotrettungsschiff „Sea-Eye“ der gleichnamigen Organisation vor der libyschen Küste. Einzige Aufgabe des umgebauten Kutters: in Seenot geratene und ertrinkende Flüchtlinge zu retten und Hilfe herbeizuholen. DNN sprachen mit dem 31-jährigen Assistenzarzt für Urologie am Uniklinikum, der zwei Wochen lang zur Crew der „Sea-Eye“ gehören wird.

Ist das Ihr erster Einsatz auf der „Sea-Eye“?

Ja.

Was für ein Schiff ist das?

Ein alter Fischkutter. Eine kleine Gruppe um den Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer hatte den 26 Meter langen, hochseetauglichen Kutter im Herbst 2015 gekauft, umgerüstet und auf den Namen „Sea-Eye“ getauft.

Wieviele Flüchtlinge hat die Crew der „Sea-Eye“ im vergangenen Jahr gerettet?

Etwa 5500 Menschen. Die Überfahrt von Libyen über das Mittelmeer nach Italien gehört zu den gefährlichsten Routen weltweit. Nach UN-Angaben sind 2016 mindestens 4000 Menschen bei der Flucht übers Mittelmeer umgekommen. Die meisten Flüchtlinge stammen aus afrikanischen Ländern wie Ghana, Nigeria, Guinea und Gambia.

Wo genau kreuzt das Schiff?

In internationalen Gewässern vor der Küste Libyens. Wir dringen also nicht in libysches Hoheitsgebiet ein.

Wieviele Leute sind Sie an Bord?

Die Crew besteht aus acht Personen. Dazu gehören der Kapitän, der Funker, der Schiffsarzt, der Koch und die sogenannten Deckhander, wobei jeder überall mit anpackt. Die Besatzung wechselt alle 14 Tage. Insgesamt zehn Missionen wird es in diesem Jahr geben.

Sie arbeiten ohne Bezahlung und opfern einen Teil Ihres Urlaubs. Warum machen Sie beim Projekt „Sea-Eye“ mit?

Diese Frage stellt sich mir nicht – als Mensch und als Arzt insbesondere. Ich verzichte ja auch nicht auf Urlaub, sondern mache dies lediglich in meinem Urlaub. Man bekommt ja auch was dafür – zwar kein Geld, aber die Möglichkeit, helfen zu können, entschädigt mehr als genug.

Wie bereiten Sie sich auf die Mission vor?

Gar nicht.

Wie finden Sie die Flüchtlinge?

Wir halten mit dem Fernglas Ausschau. Sie müssen sich vorstellen, dass es sich bei den Booten um seeuntüchtige Gummiboote mit Außenbordmotor handelt, auf denen 150 Leute zusammengepfercht hocken. Wenn wir ein Boot in Seenot ausfindig machen, setzen wir einen Notruf ab. In Rom gibt es eine Behörde, die nennt sich Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC). Diese Leute koordinieren die Helfer. Sie sind mit allen Schiffen im Mittelmeer im Funkkontakt, die sich dort aufhalten – also auch mit kommerziellen Frachtern und mit der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache Frontex.

Nimmt die „Sea-Eye“ selbst Flüchtlinge an Bord?

Nein, nur im Notfall. Wir verteilen Schwimmwesten und leisten erste Hilfe, wenn es notwendig ist. Und wir informieren die MRCC.

Wie nähern Sie sich dem Flüchtlingsboot?

Von hinten mit dem Beiboot, das wir dann zu Wasser lassen. Das ist wichtig, damit keine Panik ausbricht. Wir sprechen gezielt die Leute an, die das Boot steuern. Die verstehen meist Englisch und stehen in der Hierarchie weiter oben als die anderen Insassen. Dann verteilen wir Schwimmwesten und Wasserflaschen und bleiben in der Nähe, bis die großen Küstenwacheschiffe die Leute aufnehmen. In der Regel werden sie mit nach Lampedusa genommen.

Was ist, wenn sich ein Flüchtling verletzt hat?

Je nach Ausmaß der Verletzung kann eine Aufnahme an Bord erforderlich werden. Es gibt auf der „Sea-Eye“ einen eigens hergerichteten Versorgungsraum, in dem wir beispielsweise Wunden versorgen können.

Skeptiker sagen, wer Flüchtlinge rettet, spielt den Schlepperbanden in die Hände und animiert noch mehr Flüchtlinge, die gefährliche Reise anzutreten. Was entgegnen Sie ihnen?

Ich finde, das ist eine menschenverachtende Einstellung. Schlepper kalkulieren den Tod der Bootsinsassen bewusst ein. Sie setzen Leute ins Boot völlig unabhängig davon, ob wir in internationalen Gewässern kreuzen. Die libysche Küste ist 1700 Kilometer lang. Nur sieben bis acht Hilfsorganisationen mit jeweils einem kleinen Schiff operieren dort.

Ist der Einsatz gefährlich für Sie selbst?

Ich hoffe nicht (lacht).

Das Projekt „Sea-Eye“ benötigt in diesem Jahr 250 000 Euro – für Diesel, Flüge, Unterkunft, rettungsmaterialien, Verpflegung, medizinisches Gerät, Elektronik; Spenden an: Volksbank Regensburg, IBAN: DE 60 7509 0000 0000 0798 98, BIC: GENODEF1R01

Von Katrin Richter

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