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Lokales Dresdner Kriminalregister: Folter? Nur bei „gnugksam Ursach“
Dresden Lokales Dresdner Kriminalregister: Folter? Nur bei „gnugksam Ursach“
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10:13 15.04.2019
Relief-Teilstück von der Gedenktafel zum Wiederaufbau des nordwestlichen Eckhauses am Altmarkt, geschaffen 1556 von Werner Hempel. Quelle: Foto: Repro Buchcover (Ausschnitt)
Dresden

An sich ist ja China beim Einsatz von Gesichtserkennung weltweit führend, aber München holt auf. Beim Oktoberfest im vergangenen Jahr wurden erstmals „Super-Recogniser“ eingesetzt, also Polizisten, denen in der Regel ein Blick auf die Nasenspitze genügt, um Bescheid zu wissen. Deshalb kann es einem passieren, dass man schon am Eingang der Wiesn verhaftet wird, weil die „Super-Recogniser“ erkennen, dass man Stunden später randalieren wird oder beabsichtigt, sturzbetrunken mit dem Auto nach Haus zu fahren.

Ob Dresdens Stadtväter früher gern diese Technik gehabt hätten? Sie mussten foltern lassen, um herauszufinden, was Sache ist, ob ein Beklagter schuldig ist oder nicht, denn geständig waren Täter nur in den seltensten Fällen. Überhaupt genügten für die Überführung eines Straftäters nicht allein Verdächtigungen. Wurde er nicht auf frischer Tat oder im Fall eines Ehebruchs in flagranti ertappt, mussten Zeugen und Beweismittel den grundlegenden Verdacht erhärten, wie Mandy Ettelt im Vorwort der von ihr erarbeiteten Edition des zweiten Bandes des Dresdner Kriminalregisters vermittelt.

Gestand ein Verdächtiger nicht, half es mitunter, den Einsatz von Folter nur anzudrohen, ein Mann namens Mattis Muller hat „bekanth und ausgesagt, … als man ihm nach langenn Fragen mit der Turtur gedrewet hat“. Folter war, wie Ettelt anmerkt, einst legitimes Rechtsmittel – und, auch wenn es den Anschein hatte, kein willkürliches Handeln des Folterknechts. Es wurde nicht per se gefoltert, im Streitfall von Donat Benisch, kam das Gericht überein, dass es „nicht gnugksam Ursach gehabtt“, um ihn „peinlich zu fragen“.

Der zweite Band des Kriminalregisters wurde 1556 angelegt, er überschneidet sich um sechs Jahre mit seinem Vorgängerband, der den Zeitraum zwischen 1517 und 1562 abdeckte. Im Allgemeinen gingen in Band II Delikte ein, die vor das Stadtgericht Dresden gestellt und nach dem Strafrecht der Hochgerichtsbarkeit mit Ehren-, Leibes- und/oder Lebensstrafen geahndet wurden sowie einige wenige zivile Strafsachen, die der niederen Gerichtsbarkeit unterlagen. Alles in allem geht es um 181 Straftaten, wobei man sich darüber klar sein muss, dass Dresdens Justiz in der Regel erstmal machtlos war, wenn es einem flüchtiger Täter gelungen war, in fremdes Hoheitsgebiet zu entkommen. Ausnahme von der Regel war etwa der Fall des Matthis Cleme, der in Mühlberg in Haft geraten war und an das Dresdner Stadtgericht ausgeliefert wurde. Cleme war der Fälschung eines Bettelbriefes beschuldigt worden, kam aber aus dem Gefängnis letztlich frei und schwor Urfrieden.

Die Edition der beiden Dresdner Kriminalregister vermittelt tiefe Einblicke in den Alltag und das Denken einfacher Menschen des 16. Jahrhunderts, in Rechtsauffassungen und soziale Hierarchien, in Rechtspraktiken und Herrschaftsbereiche. Beide Bücher enthalten gemeinsam etwa 700 Strafangelegenheiten, die vor dem Gericht der Stadt verhandelt wurden. Zum einen geht es um aus heutiger Sicht geringfügige Taten wie Fluchen, Lärmen, Glücksspiel, Trunkenheit und Ehebruch und sonstige Unzucht, ob mit oder ohne unerlaubte Schwangerschaft (was dafür spricht, dass die Ämter sich damals nicht nur mit „Premiumkriminalität“ zu befassen gedachten), zum anderen um eben schwere Verbrechen wie Diebstahl, Betrug, Hehlerei, Verleumdung, Körperverletzung, Mord und Totschlag. Ob umtriebige Diebe oder Ehemänner, die ihren lieben Weibern an den Kragen wollten – zu ihnen ist im Kriminalregister so manche düstere Geschichte aus dem Leben in der Frühen Neuzeit überliefert.

Die Wettiner verpfändeten die niedere Gerichtsbarkeit

Schon in der Frühzeit der Stadt Dresden im 13. Jahrhundert machten sich Ansprüche führender Bewohner auf Beteiligung an der städtischen Gerichtsbarkeit bemerkbar. Diese lag grundsätzlich bei den wettinischen Stadtherren, die erst im Jahr 1412 der Dresdner Bürgerschaft die niedere Gerichtsbarkeit für eine bestimmte Zeit verpfändeten. Gleichwohl tauchen in den Quellen bereits in den 1280er Jahren bürgerliche „iurati“ (Schöffen) auf, die in allen sie unmittelbar betreffenden Angelegenheiten gehört werden sollten. Anders als heute waren Rechtsprechung und Verwaltung nicht präzise getrennt, sondern lagen im Gegenteil im Machtbereich des Stadtherrn und der bürgerlichen Eliten, denen der Stadtherr Mitsprache zugestand.

Erinnert wird in dem Werk auch an die Ratsordnung von 1517, die nicht nur viele Festlegungen nochmals bestätigte, sondern auch, dass dem Rat stets zwei Richter, sieben Schöffen und drei Bürgermeister angehören sollten, die auf Lebenszeit zu wählen waren. Band 2 des Kriminalregisters, der Straffälle aus 23 Jahren dokumentiert, belegt die Anwesenheit verschiedener Amtspersonen, die neben ihren Ratstätigkeiten auch einen reibungslosen Ablauf eines Gerichtsprozesses garantieren sollten. Der zweite Registerband belegt 16 amtierende Richter, deutlich wird, dass entgegen der Regelung der Ratsverordnung ein Richteramt nicht immer lebenslang ausgeübt wurde.

Wie auch festgehalten wird, wurde der Ort für Leibes- und Lebensstrafen allgemein „Vehmstadtt“ genannt. Die heutige Forschung geht davon aus, dass der Rabenstein vor der Stadt in der Nähe der Freiberger Straße als Richtplatz, auf dem der Galgen stand, fungierte. Auf diesem Platz befand sich mutmaßlich auch der steinerne Galgen, den der Postbote Caspar Ehrlich als Buße für einen Diebstahl bauen lassen musste und der im Kriminalregister beschrieben wird. Auch der Marktplatz galt als Richtstätte. Wie vereinzelt aus den Einträgen hervor geht, wurden hier Enthauptungen durchgeführt. Ehrenstrafen wurden an zwei anderen Orten vollzogen – zum einen an einem Pranger auf dem Markt am Rathaus, zum anderen an einem ähnlichen Strafinstrument, das als Halseisen bezeichnet wurde und an der Kreuzkirche zum Einsatz kam – und zwar bei Strafen wie Gotteslästerung und Fluchen.

Auf Fürsprache hin konnte ein Urteil abgemildert werden

Gab es jemanden, der für Verurteilte ein gutes Wort einlegte, der Fürsprache hielt, wurden viele Strafen abgemildert. Mehr als 70 solcher Fälle werden aufgezählt, in denen das Gericht Gnade vor Recht ergehen ließ. Wie deutlich wird, ereilte nur wenige Delinquenten das vom Gericht verhängte Urteil. So zählt der zweite Kriminalregisterband nur sieben Hinrichtungen und zwölf Körperstrafen bei über 64 überführten Dieben, welche mit dem für ihre Tat allgemeingültigen Strafmaß Hinrichtung durch den Strang rechen mussten. Maßgeblich waren Fürbitten von Verwandten, Bekannten oder gar des Kurfürsten. So kam beispielsweise Hans Schreiber, der wegen Missachtung des kurfürstlichen Verbots der nächtlichen Elbüberfahrt (!) und Beschimpfung des Richters angeklagt war, durch seine „liebe … Mutter und anderer frommer Leuthe verbiethe mitt gelinderer Straff, als (er) wol verdienett und gezuchtigett“ davon. Die Diebin Martha Roch kam durch Fürsprache ihres Vaters zwar aus dem Gefängnis frei, allerdings wurde festgelegt, dass er seine Tochter mit eigener Hand in der Fronfeste züchtigen soll. Das war laut Ettelt „Strafe und Gnade“ zugleich. Da es zu keinem Kontakt mit einem (als unehrenhaft geltenden) Scharfrichter kam, blieb die Ehre des Mädchens auf diese Weise erhalten.

Thomas Kübler, Jörg Oberste, Mandy Ettelt (Hrsg.): Kriminalregister der Stadt Dresden. Band 2: 1556-1580. Leipziger Universitätsverlag, 320 Seiten, 55 Euro

Von Christian Ruf

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