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Lokales Dresdner Katalanen wünschen sich eine friedliche Lösung
Dresden Lokales Dresdner Katalanen wünschen sich eine friedliche Lösung
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11:59 09.10.2017
Wie hier in Barcelona demonstrierten am Wochenende Tausende in Katalonien und anderen Teilen Spaniens für eine Dialog-Lösung.  Quelle: Foto: MatthiasxOesterle/imago/ZUMA Press
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Dresden

 Vielleicht wird es schon in der kommenden Woche einen neuen Staat auf der europäischen Landkarte geben. Die katalanische Regierung will sich von Spanien abspalten und ein eigenes Land gründen. Das Referendum vom 1. Oktober wurde trotz Verbot der spanischen Regierung durchgeführt. Auch hier in Dresden wohnen Katalanen, welche mit gemischten Gefühlen auf ihre Heimat blicken. Manche sind sogar extra zur Wahl nach Spanien gefahren, um ihre Stimme abgeben zu können.

Gerard Ramos zum Beispiel steckt gerade mitten in seinem Masterstudium zum Dirigenten an der Dresdner Musikhochschule. Obgleich der 26-Jährige seit eineinhalb Jahren in Dresden zu Hause ist, bedeutet ihm die Zukunft seiner Heimat Katalonien viel. So viel, dass er am vergangenen Wochenende mit dem Auto nach Tarragona fuhr, um seine Stimme beim Referendum abgeben zu können.

Gerard Ramos ist extra von Dresden nach Tarragona in Katalonien gefahren, um seine Stimme abgeben zu können. Quelle: privat

„Die Flüge waren so kurzfristig zu teuer, so habe ich mich anderen Katalanen angeschlossen und wir sind gemeinsam mit dem Auto nach Spanien gefahren“, erzählt Gerard. Von Samstag auf Sonntag schlief er zusammen mit 100 anderen Katalanen in einer Schule. Dort sollte am nächsten Tag gewählt werden können. „Bereits ab 5 Uhr standen Hunderte Menschen vor der Tür und warteten darauf, ihre Stimmen abgeben zu können“, erinnert sich Gerard an das Wochenende. Sie wollten die Schule vor der Polizei schützen, doch das war nicht nötig. „Wir hatten Glück, unsere Schule wurde nicht geschlossen. In anderen Orten der Region sah das anders aus. Die katalanische Polizei ist allerdings friedlich vorgegangen“, erzählt er weiter.

Gerard hat für die Unabhängigkeit Kataloniens gestimmt. Die regionale Regierung habe immer versucht, mit Spanien zu verhandeln, doch es habe nicht funktioniert. Gründe für den Wunsch nach Unabhängigkeit seien unter anderem Anerkennungsrechte und mehr wirtschaftliche Freiheiten, erklärt der Musiker. Doch das Verhandeln habe nicht funktioniert und der Konflikt baute sich in den vergangenen Jahren immer weiter auf. Gerard wünscht sich zwar die Unabhängigkeit Kataloniens, allerdings nicht auf diese Weise, wie es am vergangenen Wochenende vonstatten ging. „Der Konflikt muss friedlich gelöst werden. Die einzige Lösung ist, dass die spanische Regierung ein neues Referendum erlaubt, wenn Katalonien die letzte Wahl nicht anerkennt. Das muss aber jetzt passieren und nicht erst in ein paar Monaten oder Jahren“, erklärt er seinen Wunsch für die Zukunft Kataloniens.

Auch David Oriola stammt aus einem kleinen Ort namens Berga in Katalonien. Er erlebte das vergangene Wochenende in Barcelona, und stimmte ebenfalls für die Unabhängigkeit Kataloniens. „Die Polizeigewalt hatte niemand erwartet. Zurzeit haben alle Angst, was die spanische Regierung als nächstes tun wird“, erzählt der 29-Jährige direkt aus Barcelona. „Nachdem die ersten brutalen Videos im Netz waren, kamen auch viele Menschen auf die Straßen, die nicht wählen wollten. Einfach um gegen dieses Vorgehen zu demonstrieren“, erklärt David. Er sieht in dem Referendum einen Protest gegen den spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy und seine Partei Partido Popular. David kann sich durchaus vorstellen, dass die Unabhängigkeit Kataloniens in den kommenden Tagen ausgerufen wird. Es werde am Anfang durchaus schwere Zeiten auf das kleine Land zukommen, aber er ist sich sicher, dass Katalonien als eigenständiger Staat überleben kann.

Doch nicht nur Katalanen haben eine klare Meinung zum Referendum. Miguel Villoslada kam im August 2016 nach Dresden und begann ein Praktikum als Beleuchtungstechniker bei der Semperoper. Mittlerweile arbeitet er auch dort. Er stammt aus Andalusien und sieht kein Problem darin, wenn Katalonien die Unabhängigkeit ausruft.

Miguel Villoslada lebt seit knapp einem Jahr in Dresden. Er glaubt daran, dass die Demokratie in Katalonien noch gewinnen kann. Quelle: Anja Schneider

Doch die Argumente der Befürworter hält er für unsinnig. „Sie begründen ihren Wunsch unter anderem damit, dass Spanien sie bestehle und sie mehr Steuern zahlen müssen als andere Regionen. Das ist zwar richtig, aber sie erwirtschaften auch mehr. Außerdem ist die Tourismusbranche in Spanien nirgends so groß wie in Katalonien. Alles funktioniert!“, erklärt Miguel. „Diese Form von Nationalismus schürt nur Hass und Gewalt. Die Regierung muss schnell handeln. Die Ereignisse der letzten Tage haben die Wunde nur verschlimmert und eine Heilung wird kaum noch möglich sein, fürchte ich“, erklärt er und wünscht sich eine friedliche Lösung im Sinne der Demokratie.

Teresa Roig, Forscherin an der TU Dresden, stammt aus Barcelona und ist seit Juli in der Landeshauptstadt zu Hause. Sie ist der Meinung, Katalonien solle für die Unabhängigkeit stimmen, aber in einem legalen Rahmen. „Die Menschen fühlen sich Spanien nicht mehr zugehörig. Sie sollten abstimmen dürfen, doch nicht so, wie es geschehen ist“, sagt die 29-Jährige. Die Ergebnisse des Referendums könne man nicht als legitim ansehen, es gebe keine Gewissheit, wer die Stimmen eigentlich auszählt. Zudem wurden zu viele Menschen an der Wahl gehindert, da ist sich Teresa sicher. Sie wünscht sich eine neue Abstimmung, welche legal durchgeführt werden darf und von Spanien und Europa unterstützt wird.

Viele Katalanen, die hier leben, sind also für die Unabhängigkeit ihrer Heimat. Doch es gibt auch andere Ansichten. Helena Perez ist 35 Jahre alt und betreibt ein kleines Hostel in Pirna. Sie lebt seit über zwei Jahren hier und stammt aus Asturien, einer kleinen Region im Nordwesten Spaniens. Sie ist der Meinung, dass Katalonien ein Teil von Spanien bleiben sollte und die Probleme zwischen den Regierungen gelöst werden sollten. „Vereinigungen sind immer besser im Leben. Das beginnt bei der Familie und endet in Beruf und Politik“, erklärt Helena ihre Ansicht. Dennoch versteht sie, dass die Katalanen selbst entscheiden möchten. „Aber was ist dann mit den Menschen, die keine Unabhängigkeit möchten? Ich hoffe, auch deren Meinung wird berücksichtigt und die Region darf bei legalen Wahlen noch einmal entscheiden“, sagt die Spanierin.

Neuwahlen, die legal durchgeführt werden, könnten das Land endlich auf den richtigen Weg bringen, da sind sich alle einig.

Von Lisa Marie Leuteritz

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