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Lokales Dresdner Kapellknaben reisten vor 30 Jahren nach Frankreich - Ehemalige erinnern sich
Dresden Lokales Dresdner Kapellknaben reisten vor 30 Jahren nach Frankreich - Ehemalige erinnern sich
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07:30 30.06.2018
Die Dresdner Kapellknaben bei ihrem Konzert am 7. Juli 1988 im Invalidendom in Paris am Grab von Napoleon. Quelle: Anja Schneider
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„Ich habe den Eiffelturm angefasst und mir gesagt: Hier komme ich nie mehr hin“, sagt Thomas Wesz. „Das war ein einmaliger Moment für mich als kleiner DDR-Bürger.“ „So habe ich es auch empfunden“, bestätigt Sebastian Kieslich. „Ich war glücklich, das erleben zu dürfen. Und gleichzeitig traurig, weil ich die Eindrücke mit meiner Familie nicht teilen durfte.“

Vor exakt 30 Jahren öffnete sich für 59 Dresdner Kapellknaben von 9 bis 18 Jahren und sieben Betreuer das Tor zur Welt. „Wir hatten gegenüber den staatlichen Chören Kreuzchor und Thomanerchor einen großen Nachteil“, erinnert sich Konrad Wagner, langjähriger Leiter des katholischen Knabenchores. „Wir konnten unseren Sängern keine Westreisen anbieten.“ Das habe dazu geführt, dass katholische Eltern ihren Jungen lieber zu Kruzianern oder Thomanern gegeben hätten statt zu den Kapellknaben.

Der Vatikan hatte die DDR nie anerkannt, die katholischen Bischöfe in der BRD wurden als „NATO-Bischöfe“ diffamiert, so Wagner. „Wir müssen auch unseren Kapellknaben die Chance bieten, die Welt zu sehen. Ich wollte, dass möglichst jeder Kapellknabe einmal die Chance bekam, in den Westen zu fahren.“ Deshalb habe er sich für Auslandsreisen engagiert.

Ein schwieriges Unterfangen, sagt Bischof emeritus Joachim Reinelt. „Wir hatten ja kein Westgeld zur Verfügung.“ Zwar habe es einen Fonds gegeben, doch die Devisen habe die Katholische Kirche in der DDR für ihre Krankenhäuser benötigt. „Wir mussten vorsichtig mit dem wenigen umgehen, das uns zur Verfügung stand“, so Reinelt. Und so gab es schon die erste Schwierigkeit für die Frankreich-Reise der Kapellknaben: Der erste Reiseplan mit Quartier und Halbpension in Paris war viel zu teuer.

Thomas Wesz, Internatsdirektor Michael Hirschmann, Sebastian Kieslich, Chorleiter Konrad Wagner und Bischof Joachim Reinelt (von links) im Musikraum der Dresdner Kapellknaben. Quelle: Anja Schneider

„Mein Bruder kannte einen Mann, der Orgelreisen organisierte“, erklärt Wagner, „und der hatte gute Kontakte“. Theo Müller hieß der Mann, der eine Unterkunft in einer Schule nördlich von Paris organisierte. Mit Vollpension und halb so teuer wie das erste Angebot. Bischof Reinelt gab grünes Licht.

Als Reisegrund gaben die Kapellknaben nicht etwa eine Konzertreise an. Offizielle Konzerte blieben den im Westen bestens bekannten Thomanern und Kruzianern vorbehalten, so Wagner. „Sie wurden mit staatlicher Unterstützung und Begleitung in den Westen geschickt. Wir mussten uns etwas einfallen lassen.“

1988 war ein marianisches Jahr, also wurde eine Wallfahrt zu den Marienkirchen in Frankreich ins Auge gefasst und geplant. Ganz ohne die Segnungen der heutigen Zeit mit E-Mail, Internet und Fax. Selbst Telefonverbindungen in den Westen waren eine Herausforderung, erinnert sich Wagner.

Genau wie die Auswahl der Sänger, die die Fahrt antreten durften. „Berlin hat alles entschieden“, sagt Reinelt. „Und die Staatssicherheit hat keinen mitfahren lassen, der oder dessen Angehörige einmal etwas gegen die DDR gesagt hatten.“ „Ich musste ein Liste einreichen mit den Jungen, die ich mitnehmen wollte“, erklärt Wagner. Zehn bis zwölf Namen seien von der Liste gestrichen worden. „Für die Jungen war es ein Schock, dass sie nicht mitdurften, weil ihre Eltern ausgespitzelt worden waren“, erinnert sich der Chorleiter.

So sei ein Junge gestrichen worden, dessen Vater katholischer Diakon war und nicht um seinen Arbeitsplatz fürchten musste. „Der hat natürlich kein Blatt vor den Mund genommen und sich sehr kritisch geäußert.“ Der Sohn musste zu Hause bleiben, während viele seiner Mitsänger die Fahrt antreten durften.

„Wir hatten noch kurz vor der Abfahrt Angst, dass jemand herausgeholt wird“, sagt Kieslich, der genau wie Wesz 1988 13 Jahre alt war. 21 Uhr fuhr der Zug vom Hauptbahnhof gen Westen. „Die Grenze zu überqueren, war ein außergewöhnlicher Moment“, sagt Wesz, der heute als Referent in der Staatskanzlei arbeitet. Kieslich, der bei der Caritas tätig ist, erklärt, er habe einen Moment der Freiheit erlebt und es lange nicht fassen können, in einem Zug zu sitzen, der durch Westdeutschland fährt.

„Das Erlebnis von Freiheit ist etwas, das man für das Leben braucht“, sagt der Altbischof. „Eine Grenze zu überwinden ist eine große Sache.“ Die Kapellknaben hätten sich aber nicht nur auf eine Reise begeben, sondern das Wort Gottes mit ihrem Gesang verkündet. „Ich kann mich noch heute an alle Choräle und Gesänge erinnern, die wir damals gesungen haben“, sagt Kieslich. Ob in Notre-Dame, in der Kathedrale in Chartres oder in Reims – die Kapellknaben gestalteten Messen und gaben Konzerte.

Meist vor einem überschaubaren Publikum. „Im Invalidendom in Paris waren mehr Sänger als Zuhörer“, lächelt Wagner. „Aber die Ehre, dort singen zu dürfen, wiegt schwerer als die Zahl der Besucher.“ Die Veranstalter hätten kaum für die Auftritte des Chores aus der DDR geworben. Ein Umstand, den sie nach den Konzerten oft bedauert hätten, so Wagner. „Mir wurde oft gesagt, dass man überrascht war von der hohen Qualität des Chores.“

Vom 2. bis 12. Juli 1988 weilten die Dresdner in Frankreich. Nicht einer aus der Reisegruppe ist im Westen geblieben. „Das stand für mich überhaupt nicht zur Debatte“, sagt Kieslich. „Ich hatte meine Familie in Dresden und wäre nie auf den Gedanken gekommen, mich einfach abzusetzen.“

Wobei es eine Schrecksekunde gab: Nach einem Rundgang durch Paris kam ein Elfjähriger nicht zum vereinbarten Treffpunkt. „Das haben wir erst unterwegs gemerkt und eine Riesenangst bekommen“, erinnert sich Wagner. Der Junge hatte den Anschluss verpasst und clever reagiert: „Er hat sich bei der Polizei gemeldet und die Adresse parat, so dass wir ihn abholen konnten.“ Aufatmen in mehrerlei Hinsicht: „Wir waren heilfroh, wieder komplett zu sein. Der Junge sollte ein Solo singen“, so der Chorleiter.

Ehemaligentreffen

An diesem Wochenende treffen sich ehemalige Kapellknaben, die an der Frankreichfahrt teilgenommen haben. Unter ihnen befindet sich auch ein Ehemaliger, der die Reise nicht mit antreten durfte, weil ihn die damaligen Machthaber von der Liste gestrichen hatten. Rund 50 ehemalige Sänger haben sich für dieses Treffen angemeldet.

Am Sonntag gestalten die ehemaligen Kapellknaben um 10.30 Uhr den Gottesdienst in der Kathedrale (Hofkirche). Unter anderem führt der einmalig besetzte Männerchor Werke der Dresdner Hofkapellmeister Heinrich Schütz und Edmund Kretschmer auf. Hauptzelebrant der Heiligen Messe ist Bischof emeritus Joachim Reinelt. An der Orgel spielt Dom-Organist Johannes Trümper. Alle Interessierten sind eingeladen.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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