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Lokales Wandern und Bergsteigen in der NS-Zeit
Dresden Lokales Wandern und Bergsteigen in der NS-Zeit
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09:49 27.10.2018
Für sein neuestes Werk wird Joachim Schindler mit dem Sächsischen Landespreis für Heimatforschung ausgezeichnet. Quelle: Foto: Dietrich Flechtner
Dresden

1100 Dokumente und Bilder, 1700 Personen und über 2000 chronologische Einträge. Zusammengefasst in der „Chronik zur Geschichte vom Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933 bis 1945“. Ein ganzes Leben lang sammelte Autor Joachim Schindler für dieses Buch. Drei Jahre lang schrieb der heute 70-Jährige daran. Die Recherche dafür war alles andere als einfach: „Von jungen Bergsteigern sind Gipfelbucheinträge oft die einzige Spur. Alles andere hat der Krieg genommen.“ Nun zeichnete Kultusstaatssekretär Herbert Wolff den Hobbyforscher mit dem Sächsischen Landespreis für Heimatforschung aus.

Bereits im Kindesalter hielt Joachim Schindler nichts am Boden. Kein Wunder: Sein Vater und sein Onkel waren passionierte Bergsteiger und begeisterten auch Schindler dafür. Mit 40 Jahren hatte er bereits alle 1100 Gipfel der Sächsischen Schweiz hinter sich gelassen. Insgesamt finden sich über 10 000 Gipfelbesteigungen in seinen Protokollen – von der Hohen Tatra über die Alpen bis hin zum Himalaya. Inzwischen hat er selbst drei Kinder und sieben Enkel. Die kleine Alina ließ sich von der Liebe zum Bergsteigen von ihrem Opa begeistern. Gemeinsam bestiegen sie unter anderem schon den Falkenstein. Auch mit 70 Jahren kann Schindler das Klettern nicht lassen: „Inzwischen sind es aber nur noch leichte Touren“, gibt er zu. Aber das Wandern ist immer noch fester Bestandteil seines Lebens: „Mindestens einmal die Woche!“

Bergsteigen als Konstante im Leben

Eigentlich wollte er Sportlehrer werden. Doch im April 1960 änderte ein Unfall seine Lebenspläne. Er verlor ein Auge, konnte ein halbes Jahr lang die Schule nicht besuchen. Schindler entschied sich gegen die Hochschulreife und für eine Ausbildung zum Fernmeldemonteur. Doch später holte Schindler seinen Abschluss nach, studierte Ingenieurwesen in Leipzig und später Gesellschaftswissenschaften in Berlin. Die Konstante in seinem Leben blieb jedoch das Bergsteigen. Seit 1963 klettert er. Da war er gerade mal 16 Jahre alt. Drei Jahre später gründet er den Kletterclub „Tiedgesteiner“. „Ich gehörte nie zu den Spitzenkletterern, war aber immer ambitioniert“, beschreibt Schindler sich rückblickend.

An seinem 60. Geburtstag bestieg Joachim Schindler den Wotanskegel in der Böhmischen Schweiz. Die Liebe zum Klettern und Wandern hat er sich bis heute bewahrt. Quelle: privat

Ab 1970 findet er außerdem Gefallen an der Geschichte des Bergsteigens. Eine Entscheidung, die sein Leben bis heute prägt. Viele Jahre recherchiert er, wühlt sich durch Archive, spricht mit Bergsteigern und begegnet immer mehr Einzelschicksalen. Geschichten über Kletterer, die habe er aufgesaugt wie ein Schwamm, erzählt der pensionierte Fernmeldetechniker. Freunde schicken ihm Bilder von Gipfeln aus der Sächsischen Schweiz und bekommen prompt eine Antwort mit Fakten. Joachim Schindler braucht dazu kein Lexikon: „Die Gebirge sind für mich ein Bildergarten“, sagt er.

Dieses Wissen behielt er lange Zeit für sich. Bis 1996 gab es keine Publikation. Bis ein Freund der Familie, der Musiker Kolja Lessing, ein Machtwort sprach: „Du musst schreiben! Du kannst doch nicht nur auf deinem Papier sitzen!“. Schindler nahm sich die Worte zu Herzen und veröffentlichte 1996 seine erste Chronik „Von der Besteigung des Falkensteins 1864 bis zum Ende des 1. Weltkrieges 1918“. Auf 164 Seiten finden sich über 800 Einträge 100 Belege und 120 Kurzbiografien. Für Schindler bedeutet das die Essenz von 25 Jahren Interesse. Er hat das Buch selbst verlegt und innerhalb eines Jahres 1000mal verkauft.

Der lange Weg zur dritten Chronik

2001 folgte die zweite Chronik „Vom Jahr 1919 bis zum Jahr 1932“ – die Zeiten der Weimarer Republik und des Ersten Weltkrieges und wie sie die Bergsteigerszene erlebte. Sein persönliches Archiv wächst unaufhörlich weiter. Eigentlich sollte es bereits 2006 mit der dritten Chronik weitergehen. Doch mit dem Fortlauf der Geschichte wuchs auch die Menge der Ereignisse. „Das erste Hakenkreuz fand ich in einem Gästebucheintrag von 1925. Anhand des Namens des Verfassers forschte ich weiter“, beschreibt Schindler seine Herangehensweise. Doch für die Jahre der 1933 bis 1945 stößt er schnell an seine Grenzen. Alles wird zu viel. 2005 erarbeitet er gemeinsam mit dem Deutschen Alpenverein und 17 weiteren Autoren ein wissenschaftliches Heft zu Nachkriegsschicksalen – die Basis für die dritte Chronik.

Mitten in seiner Arbeit kommt Joachim Schindler das Schicksal dazwischen. Er bricht in seiner Wohnung zusammen. 100 Tage Krankenhaus. Die Gedanken an das nächste Buch rücken in weite Ferne. Erst Bergsteiger Bernd Arnold und Fotograf Frank Richter geben ihm den Mut zurück. Gemeinsam publizieren sie 2014 das Buch „Oscar Schuster (1873–1917): In der Liebe zu den Bergen spiegelt sich der Mensch“. Dadurch fand Schindler neue Kraft, die Chronik zu beenden. Bei einer seiner zahllosen Wanderungen durch die Sächsische Schweiz fasste er sich ein Herz und fragte seinen langjährigen Freund Frank Richter, ob er ihn unterstützen möchte. Es entstand eine Partnerschaft auf Augenhöhe, wie Schindler es heute beschreibt. Richter übernimmt die Ausgestaltung, Schindler liefert den Inhalt.

In der Zwischenzeit ist auch Landrat des Kreises Sächsische Schweiz Osterzgebirge, Michael Geisler, auf das Wirken der Gipfelbegeisterten aufmerksam geworden. Er bietet den Hobbyforschern an, den Druck zu unterstützen. 2015 legen sie ihm das Konzept vor. Geißler sagt die Unterstützung zu. Eine Förderung ist jedoch nicht für private Unternehmen möglich. Deshalb wird der Sächsische Bergsteigerbund der Herausgeber. Zwei Jahre später, im September 2017, kann Joachim Schindler sein neues Werk endlich druckfrisch in den Händen halten.

Ein Buch voller Schicksale

Was mit einem kleinen Heft 1996 begann, ist nun zu einem fest gebundenen Buch mit 376 Seiten herangewachsen. Für Joachim Schindler das Resultat eines Spagats, der alles andere als einfach war: „Wir mussten einen Weg finden, authentisch zu sein, die Wirklichkeit so gut es geht wiederzugeben, ohne NS-Propaganda zu betreiben“, sagt er rückblickend und fährt fort: „Ich selbst habe diese schreckliche Zeit nicht erlebt. Wir haben zwar mit vielen Zeitzeugen gesprochen, doch jeder von ihnen erlebte diese Zeit anders“. Er habe nichts unterschlagen und sich mit einzelnen Schicksalen auseinandergesetzt, bis es wehtat. „Oft übermannte mich die Anteilnahme und ich hatte Tränen in den Augen“, erinnert er sich.

Für Schindler sind vor allem die Rückmeldungen zur Chronik spannend: „Ich bekomme seitenlange Briefe von Lesern und neues Material zum Recherchieren“, berichtet er stolz. Ob es eine vierte Chronik geben wird? Wenn die Gesundheit mitspielt, sagt Schindler. Doch mit leuchtenden Augen und einem verschmitzten Lächeln verrät er: „Große Teile sind schon fertig.“

Joachim Schindler, Chronik III Quelle: Joachim Schindler

„Chronik zur Geschichte vom Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933 bis 1945“ erhältlich beim Sächsischen Bergsteigerbund, Papiermühlengasse 10, 23 Euro.

Von Lisa-Marie Leuteritz

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