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Lokales Dresdner Forscher stellt Windkraft und Photovoltaik in Frage
Dresden Lokales Dresdner Forscher stellt Windkraft und Photovoltaik in Frage
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16:37 23.09.2017
Bei Flaute dreht sich kein Windrad.  Quelle: dpa
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Dresden

 Der 24. Januar 2017 war ein ganz normaler Wintertag. Bedeckter Himmel, windstill, die Temperatur im frostigen Bereich. Gegen 7 Uhr lief die Energieversorgung auf Volllast. Heizungen wurden hochgefahren, Menschen duschten, Kaffeemaschinen liefen. „Dieser Tag zeigte Signaturen eines Blackouts, eines flächendeckenden Stromausfalls“, sagt der Dresdner Wissenschaftler Professor Sigismund Kobe.

Der 76-jährige Physiker von der Technischen Universität war seine gesamte Berufszeit mit einem Grundproblem befasst: der Optimierung komplexer Systeme. Das habe ihn gelehrt: „Es wird nie die Ideallösung für derartige Probleme geben.“ Für die Energiepolitik heiße das: Windenergie, Photovoltaik und Wasserkraft seien gut und schön. Aber diese erneuerbaren Energien können zur Zeit fossile Energieträger nicht ersetzen. Aus einem simplen Grund: Weil sie nicht kontinuierlich Strom liefern.

Beispiel 24. Januar: Die Windräder produzierten nicht. Die Solardächer lieferten früh am Morgen noch keinen Strom. In den Flüssen herrschte Niedrigwasser. An diesem Tag, so der Dresdner Forscher, gab es noch eine Reserve von 28 Gigawatt, die den totalen Stromausfall verhindert habe. Aber 2023, wenn die Kernkraftwerke abgeschaltet seien, wachse die Gefahr, dass eine Versorgungslücke entsteht. „Deshalb ist der Katastrophenschutz von Dresden gut beraten, sich auf das Szenario eines Blackouts vorzubereiten“, findet Kobe. „Wir nähern uns einer solchen Situation immer mehr an.“

Die Idee, die Versorgungslücke mit dem Bau neuer Windkraftanlagen oder neuer Solardächer zu kompensieren, gehe nicht auf. „Das Problem ist, dass diese Energieträger volatil sind. Das heißt, vom Wetter abhängig, also stark schwankend“, erklärt Kobe. Ein Solardach beispielsweise liefere nachts keine Energie. Dafür fließe aber sehr viel Strom, wenn ihn keiner brauche: An heißen Sommertagen in der Mittagszeit.

Dann brummt der Photovoltaik-Stromzähler, aber Deutschland müsse den überschüssigen Strom zum Beispiel an seine Nachbarn Holland und Österreich verschenken, damit dieser aus dem deutschen Netz gelange. Ähnlich sei es bei der Windkraft: Auf dem Papier würde eine Maximalleistung von 50 Gigawatt stehen. Aber selbst bei heftigem Sturm werde dieser Wert nicht annähernd erreicht. Der Mittelwert liege bei 8,9 Gigawatt, doch an vielen Stunden eines Jahres würde die Leistung mangels Wind noch deutlich darunter liegen. Eine Vervielfachung der Anzahl von Windkraftanlagen löse das Problem nur bedingt bis gar nicht: „Wenn Flaute herrscht, wird kein Strom produziert. Dann ist es egal, ob sich ein Windrad nicht dreht oder 1000 still stehen. Auch Tausend mal Null bleibt Null“, so Kobe.

Es sei eine Legende, dass allein durch den Zubau volatiler Energieträger der Kohlendioxyd-Ausstoß spürbar verringert werden könnte. Die Annahme, durch diese Energiequellen könnten fossile Energieträger einfach ersetzt werden, sei geradezu töricht. „Mit Mittelwerten und Nennleistungen können wir nicht operieren. Die Energieversorgung ist auf Kontinuität angewiesen“, so der Wissenschaftler. Er wolle nicht falsch verstanden werden: Er sei kein Gegner erneuerbarer Energien. Aber wie in der Natur gebe es keine „100-Prozent“-Lösungen. Windkraft und Photovoltaik seien wichtig, müssten aber in das bestehende Energiesystem eingepasst werden. Kobe schlägt eine Zwangskopplung von Windkraftanlagen an Biogas- oder Erdgas-Kraftwerke vor. Wenn der Wind kräftig weht, fährt das Gaswerk runter, herrscht Flaute, sorgt die Verbrennungsturbine für Energie.

Photovoltaikanlagen müssten vom öffentlichen Stromnetz entkoppelt werden. „Die Leute sollten ihren eigenen Strom nutzen und anfallende Stromüberschüsse nicht so ohne weiteres ins Netz einspeisen dürfen.“ So gelange der nicht erwünschte Strom an heißen Sommertagen nicht ins System – ein Teilproblem sei gelöst. „Wir brauchen zu jedem Zeitpunkt eine konstante Bereitstellung von Elektroenergie von mindestens 35 Gigawatt “, meint Kobe, „diese wird derzeit durch konventionelle Energieträger gesichert.“

Würde es gelingen, gigantische Speicher für den überschüssigen Strom der erneuerbaren Energien zu entwickeln, könnten „energiearme“ Tage und Wochen überbrückt werden. Solche Speicher gebe es aber heute nicht und sie seien auch in absehbarer Zukunft nicht zu erwarten. Die Versorgungssicherheit dürfe durch eine Überbewertung volatiler Energieträger nicht in Frage gestellt werden, fordert der Wissenschaftler. „Ein flächendeckender Stromausfall ist in unserer hochvernetzten Gesellschaft lebensbedrohlich.“ Es gebe Wetterlagen, da könne man mit Windenergie und Photovoltaik nicht mal einen Kaffee kochen. Wie am 24. Januar.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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