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Lokales Dresdner Forscher nehmen unter die Lupe, wie, wo und warum wir beleidigen
Dresden Lokales Dresdner Forscher nehmen unter die Lupe, wie, wo und warum wir beleidigen
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17:34 13.04.2018
Im Verkehr wird häufig mit Gesten beleidigt. Quelle: picture alliance / Jens Büttner/
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Dresden

Beleidigungen sind in aller Munde. Zumindest wenn man der „Motzbox“ im Kulturpalast glaubt, die Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs 1285 „Invektivität. Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung“ verschiedener Fachrichtungen der TU Dresden dort aufgestellt haben. Mit Hilfe eines Fragebogens konnten Besucher angeben, wie oft sie im Alltag beleidigen.

Bei der Auswertung zeigt sich: Alle Teilnehmer beleidigen und schimpfen regelmäßig in ihrem Alltag. „Wissenschaftlich stehen Beleidigungen noch weniger im Mittelpunkt als im alltäglichen Leben der Menschen“, berichtet die Dresdner Rechtswissenschaftlerin Sabine Müller-Mal bei der öffentlichen Vorstellung des Sonderforschungsbereichs am Donnerstagabend in der Zentralbibliothek des Kulturpalasts.

Forscher erfinden Sammelbegriff für Beleidigungsdynamik

Das soll sich mit dem im vergangen Juli gestarteten fachübergreifendem Sonderforschungsprojekt zum Thema „Beleidigung“ nun ändern. 13 Forschungsprojekte wollen Funktionen und Folgen von Beleidigungen näher untersuchen

. Weil die Formen von Herabsetzung, Beleidigung und Beschimpfung so vielfältig sind, haben die Wissenschaftler das Wort „Invektivität“ als Sammelbegriff für den Schmähvorgang aus dem lateinischen neugeschöpft.

Die konkreten Fragestellungen der Historiker, Soziologen, Theater- und Medienwissenschaftler, Rechtswissenschaftler und Sprachforscher stehen nun fest. Die Vertreter der „Alten Geschichte“ befassen sich unter anderem mit Cicero, der mit Beleidigungen gespickte Reden im Nachhinein veröffentlichte, ohne sie jemals gehalten zu haben. Die Römer empfanden Beleidigungen offenbar als sehr unterhaltsam.

Von Schmähkarikaturen zu gezielter Ausgrenzung

Karikaturen erhitzen die Gemüter, besonders wenn sie Glaubensfragen behandeln. Schon Luther bediente sich Schmähkarikaturen, wie dem „Mönchskalb“, das zur Klosterflucht aufrufen sollte.

Die Professorin Dagmar Ellerbrock am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte analysiert in ihrem Projekt unter anderem die literarischen Erinnerungen des Publizisten Ralph Giordano an die Zeit von Hitlers Machtergreifung. Beleidigungen würden viele Gefühle involvieren, wie Angst, Wut oder Scham, erklärt Ellerbock. Die Nationalsozialisten nutzten Beleidigungen und Beschimpfungen gezielt, um Menschen zu emotionalisieren und Allianzen zu bilden.

„Du Spießer“ beleidigten sich Menschen schon im 18. Jahrhundert

Beleidigungen kommen und gehen. Aktuell scheint es, als würde sich der „Gutmensch“ zu einer Beschimpfung entwickeln. Der Konflikt um die richtige Lebensweise beschäftigt Gesellschaften schon lange. So gehe die Beleidigung „Spießer“ zurück bin in die Romantikepoche im 18. und 19. Jahrhundert und findet noch heute Anwendung, sagt Soziologie-Professor Dominik Schrage.

Gleichzeitig wird die Beleidigung „Spießer“ für eine „kleinbürgerliche Lebensweise“ von der Wirtschaft ironisiert um Aufmerksamkeit zu erlangen. Etwa durch das gleichnamige Magazin oder in Form von Werbespots.

Herabsetzungen auch Thema in Filmen

Zielscheibe von Beleidigungen sind häufig gesellschaftliche Gruppen, wie Migranten. Wie subtil und vielfältig Beleidigungen ausfallen können, wird in Filmen deutlich. Damit beschäftigen sich im Sonderforschungsbereich an der TU Dresden die Romanisten, die italienische Filme untersuchen. Das deutsche Kino greift die Thematik unter anderem mit dem Film „Almanya – Wilkommen in Deutschland“ auf.

Die Fragen stehen fest, jetzt geht es für die Wissenschaftler an die Datenerhebung und Auswertung. Das Forschungsprojekt wird von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) bis 2021 mit rund 6,7 Millionen Euro gefördert.

Beleidigungsforschung hängt nicht mit Pegida zusammen

Beleidigungen? Dresden? Pegida? Dass das großangesetzte Forschungsprojekt in der Landeshauptstadt stattfindet, hat keinen direkten Zusammenhang. Die Bewerbungsunterlagen für den Sonderforschungsbereich reichten die Wissenschaftler ein, bevor Pegida durch Dresden marschierte. „Unsere Forschung nimmt Impulse von außen auf“, sagt Müller-Mall. Dazu gehören aktuell Trumps Äußerungen und Hatespeech im Netz.

Von Tomke Giedigkeit

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