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Lokales Dresdner Farbensammlung führt Schattendasein
Dresden Lokales Dresdner Farbensammlung führt Schattendasein
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12:18 28.11.2017
Professor Horst Hartmann vor einigen der rund 20 000 Fläschchen. Quelle: Katharina Jakob
Dresden

An der Technischen Universität Dresden wird die Welt der Farben in kleinen Flaschen aufbewahrt. Wer die umfangreiche Farbstoffsammlung des früheren Institutes für Farben- und Textilchemie besucht, wähnt sich auf einer Zeitreise. Fast alles ist noch so, wie es 1926 eingerichtet wurde. Unlängst hat eine Produktionsfirma hier einen Film über den Alchemisten Franz Tausend gedreht, der in den 1920er Jahren behauptet hatte, Gold herstellen zu können. Kulissen brauchten die Filmleute nicht. Der ehrwürdige Hörsaal gibt noch immer das Ambiente von damals wieder. Selbst die mit einem alten Trafo angesteuerten Deckenlampen sind Originale.

Die Sammlung selbst ist eine Augenweide (DNN berichteten). Rund 8000 verschiedene Farbstoffe sind in 20 000 Fläschchen gesammelt. Das älteste Stück stammt von 1851 aus dem Jahr der ersten Weltausstellung in London. Mangels Platz lagert die Sammlung an verschiedenen Orten im Haus. Die wertvollsten Exponate befinden sich vor Licht geschützt in Schränken. Dazu zählt beispielsweise ein Behältnis mit Indischgelb. „Das Farbpigment wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Urin von Kühen gewonnen, die man mit Mangoblättern fütterte“, erzählt Horst Hartmann. Der 80 Jahre alte Professor ist hier so etwas wie der Herr der Farben und betreut die Sammlung ehrenamtlich.

Die Technische Universität Dresden bewahrt seit gut 90 Jahren eine der bedeutsamsten Farbensammlungen auf. Mangels Platz lagern die rund 20 000 Fläschchen an verschiedenen Orten im Haus. Forscher wünschen sich eine angemessene Präsention der zahlreichen Schätze.

Auch andere Tiere wurden zur Gewinnung von Farben genutzt. Legendär ist die Geschichte der Purpurschnecken, von denen man früher ein Drüsensekret nahm. Purpurrot war ein so begehrter Farbstoff, dass er nur Kaisern, Königen oder kirchlichen Oberhäuptern vorbehalten blieb. 20 000 bis 30 000 Schnecken waren nötig, um ein Gewand einzufärben. In der Dresdner Sammlung zeugen neben dem Purpur-Farbstoff einige Schneckengehäuse davon. Auch Pflanzen dienten als Farbenlieferant. Rotholz, Gelbholz, Blauholz - die Liste natürlicher Farbstoffe ist lang. Zu ihnen gehören auch Gewürze wie Safran und Kurkuma sowie die Krapppflanze, die der orientalischen Kopfbedeckung Fez die Farbe gab.

Hartmann kennt nicht nur die Zusammensetzung der meisten Farbstoffe, sondern auch interessante Anekdoten. Zum Beispiel die vom Berliner Blau, das unerwartet bei dem Versuch anfiel, ein Elixier für das ewige Leben herzustellen. Oder dass das arsenhaltige Schweinfurter Grün, das neben seiner Verwendung als Malpigment einst zum Kampf gegen Schädlinge im Weinbau diente, gesundheitsschädlich ist. Immer wieder schlägt er einen Bogen zur Industriegeschichte. „Ohne die Textilindustrie wären Mitte des 19. Jahrhundert nicht so viele Farbstoffe entstanden. Die moderne Chemie hat diesen Prozess beflügelt“, sagt der Professor.

Tatsächlich finden sich in der Kollektion auch viele Musterbücher. Ob nun Knöpfe, Bänder, Stoffe oder Garn - die Farbenwelt ist hier in Buchform gepresst. „Wir könnten das ganze Haus mit Materialien füllen“, meint Horst Buchholz, der Hartmann bei seiner Arbeit unterstützt. An diesem Tag zeigt er die Schätze einer Gruppe von Pädagogen, die sich zum Naturerzieher ausbilden lassen. Auch eine Künstlerin hat sich angemeldet, die ihr Haar gern auf „elegante Art“ ergrauen sehen möchte und deshalb bei einem Privattermin die Kompetenzen Hartmanns nutzen will. Denn auch damit kennt sich der Professor aus.

Trotz ihrer Bedeutung führt die Dresdner Farbstoffsammlung ein Schattendasein. Mangels Platz ist keine Aufnahme von neuen Exponaten mehr möglich, wenngleich Hartmann vor einiger Zeit Farbstoffe der Universität Göttingen in seine Obhut nahm. „Leider ist die Sammlung so etwas wie das fünfte Rad am Wagen“, sagt der 80-Jährige. Ein vergleichbares, wenn auch weniger umfangreiches Depot gebe es nur noch an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, das früher ein Zentrum der Seidenfärberei war. Hartmann hält solche Sammlungen nicht nur im historischen Kontext für wichtig. Schließlich produziere die Chemie ständig neue Substanzen für verschiedenste Anwendungen.

„Anstatt etwas in den Abfallkorb zu werfen, sollte man lieber von allem eine Probe aufbewahren“, meint Hartmann. Solche Materialdepots seien wertvoll für Forscher, die Stoffe mit neuen Eigenschaften suchen. An einigen solcher Vorhaben hat er selbst mitgewirkt. So nutze die Firma Novaled seither die Halbleitereigenschaften einiger Farbstoffe für sogenannte OLEDs - organische Leuchtdioden wie sie in Handydisplays oder Bildschirmen zum Einsatz kommen. Auch an der Entwicklung völlig neuer Haarfarbstoffe ist Hartmann beteiligt. Sie sollen ab 2018 auf den Markt kommen und das Haarfärben revolutionieren.

Von Jörg Schurig, dpa

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