Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Wenn Analphabeten zu Autoren werden
Dresden Lokales Wenn Analphabeten zu Autoren werden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:15 10.04.2018
Ein Jahr lang drücken Ralf*(l.) und Jonas* in Pieschen noch einmal die Schulbank. Sie wollen endliche Lesen und Schreiben lernen. Quelle: Anja Schneider
Anzeige
Dresden

 „Irgendwann ein Anruf: Ich habe eine neue Chance bekommen“. Das sind die ersten Zeilen der Geschichte „365 Tage fürs Lernen“, geschrieben von Ralf*. Er ist einer von etwa 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland. Das bedeutet, sie erkennen zwar Buchstaben, manchmal auch einzelne Worte, können aber die Schriftsprache nicht so gebrauchen, wie es im Alltag nötig wäre.

Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2010 und wurden von der Universität Hamburg im Rahmen der Level-One Studie erhoben. Doch die Dunkelziffer kann durchaus höher sein. Denn nicht jeder Analphabet erzählt sein Geheimnis. Auch Ralf hat sich jahrelang durchgeboxt, ohne richtig lesen und schreiben zu können. „In der Schule saß ich in der letzten Reihe am Fenster. Ich war faul und die Lehrer hat es nie interessiert“, erinnert sich der mittlerweile 63-Jährige. Er suchte sich eine Arbeit, für die er nicht lesen und schreiben musste.

Ein Buch voller Alltagsgeschichten

Doch mit der Wende 1989 wurde es zunehmend komplizierter. „Plötzlich wurde jeder Behördengang zu einer Katastrophe. Immer sollte ich etwas ausfüllen und lesen. Dann konnte ich meine Schwäche nicht länger verstecken“, erzählt Ralf. Er begann einen Kurs an der Volkshochschule. Zwei Stunden pro Woche. „Das war viel zu wenig“, sagt er.

Dann kam besagter Anruf. „Mein erster Tag. Ich stehe um 4 Uhr 30 auf. Was für ein schöner Morgen. Ich muss heute zum ersten Mal nach Dresden-Pieschen zum Lese- und Schreibkurs“, geht seine Geschichte weiter. Denn Ralf hat sie aufgeschrieben und gemeinsam mit kurzen und längeren Alltagsgeschichten seiner Mitlerner in einem kleinen Buch mit dem Titel „Erzählungen aus unserem Alltag“ festgehalten.

„Alles begann damit, dass die Teilnehmer morgens von ihren Erlebnissen auf dem Weg zur Arbeit erzählen sollten“, erinnert sich Dozentin Alexandra Schewski. Einzelne Worte wurden an die Tafel geschrieben und schnell entwickelten sich ganze Sätze daraus. „Dann haben wir ganze Texte in unsere Hefte geschrieben“, erzählt Ralf stolz. Gemeinsam mit Lehrerin Schewski haben sie die Geschichten schließlich abgetippt, illustriert und auf insgesamt 48 Seiten verteilt.

Wie es mit dem Heft weitergeht, wissen die Teilnehmer noch nicht genau. Aber eines ist sicher: Es soll anderen Mut machen und beim Lernen helfen, egal in welchem Alter. „Ich dachte immer, ich brauch das nicht. Aber jetzt merke ich langsam, was mir in den letzten Jahren gefehlt hat“, sagt Ralf.

Lernen auf Zeit

Auch Jonas* hatte früher ähnliche Probleme. Der 47-Jährige begründet seine Lese- und Schreibschwäche ebenfalls mit Faulheit in der Schule. „Damals hatte ich einfach keinen Bock. Mir hat auch niemand geholfen“, erzählt er. Ralf und Jonas besuchen den Kurs beim abcd- Alphabetisierung, Bildung, Chancen in Dresden e. V. seit August 2017. Ein Jahr lang finden von Montag bis Donnerstag insgesamt 30 Stunden Unterricht statt. Die Teilnehmer dürfen den Kurs maximal drei mal wiederholen, dann ist Schluss.

 „Das ist schlimm“, sagt Annett Lungershausen, Projektleiterin des abcd e.V. . Denn in der Schule habe man auch viel mehr Zeit, das Lesen und Schreiben zu lernen. „Der Kurs soll keine Hängematte sein, aber eine Begrenzung macht einfach keinen Sinn. Nicht jeder kann das Gelernte in der Zeit festigen. Was ist danach?“, fragt die studierte Archäologin. Hobbymäßig studierte sie nebenbei noch etwas Germanistik und unterrichtete verschiedene Kurse. „1990 kam eine Freundin zu mir und sagte ’So, wir alphabetisieren jetzt!’ Und seitdem mache ich das“, erzählt Lungershausen. An ihren Kursen dürfen maximal acht funktionale Analphabeten teilnehmen. Ein Jahr wird vom Europäischen Sozialfond und vom Freistaat Sachsen finanziert.

Mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit

Lungershausen kann sich vorstellen, wie schwer es ihren Schützlingen fiel, sich zu „outen“. „Wenn Sie sagen, dass Sie nicht schwimmen können, ist das okay. Wenn Sie aber sagen, Sie können nicht schreiben und lesen, dann sind Sie für die Gesellschaft automatisch doof“, sagt die Projektleiterin. Viele schämen sich dafür. Die Kursteilnehmer wünschen sich, dass die Öffentlichkeit mehr für das Thema Alphabetisierung sensibilisiert wird. Das Buch kann ein weiterer Schritt in diese Richtung sein.

 Immerhin ist es sogar auf der Leipziger Buchmesse gelandet. Dorthin machte die Klasse einen Ausflug und traf auf andere ehemalige Analphabeten, die mittlerweile Bücher schreiben. „Das war faszinierend und ermutigend. Dass es auch noch andere Leute gibt, die viele Jahre für das Lernen gebraucht haben“, erzählt Ralf von seinem Besuch. Ein paar ihrer Bücher haben sie unterschrieben und dort gelassen.

Mehr Männer als Frauen

Annett Lungershausen wünscht sich für ihre Klassen, dass die Begrenzung für die Kursteilnahme wegfällt. Auch der Bedarf an geeignetem Lernmaterial ist groß. „Lehrbücher aus der Grundschule möchte ich bei Erwachsenen gern vermeiden. Aber nur sehr wenige Verlage bieten geeignete Lehrbücher in leichter Sprache an“, sagt sie. Die Projektleiterin hat über die Jahre die Erfahrung gemacht, dass tendenziell mehr Männer als Frauen die Kurse besuchen. Warum das so ist, kann Lungershausen nur vermuten: „Wenn die Kinder in das schulpflichtige Alter kommen, zwingen sich viele betroffene Mütter, nun auch endlich richtig lesen und schreiben zu lernen. Vielleicht liegt es daran“.

Zwischen Ost und West gebe es aber keinen Unterschied, stellt sie klar: „Jeder Mensch lernt anders und bei großen Klassen kann nicht jeder individuell betreut werden. Das ist in vielen Fällen Auslöser des Problems, egal ob sie in der DDR oder BRD zur Schule gegangen sind. Manchmal sind aber auch die Eltern schon Analphabeten“. Sie ist überzeugt, dass es die meisten Teilnehmer auch auf normalem Wege geschafft hätten. „Doch im Alter noch mal das Selbstvertrauen zu finden, doch noch Lesen und Schreiben zu lernen, ist nicht leicht“, sagt die Projektleiterin.

Ralf und Jonas sind die besten Beispiele dafür, dass das Alter keine Rolle spielt. Denn auch mit 47 und 63 Jahren kann das Lesen und Schreiben noch gelernt werden. Und die gewonnene Lebensqualität, 365 Tage im Jahr, wollen beide nicht mehr missen.

*Namen von der Redaktion geändert

www.abcd-dresden.de

Von Lisa-Marie Leuteritz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Ein Video über einen angeblichen Gottesdienst von Muslimen in der Martin-Luther-Kirche in Dresden provoziert im Netz üble Hasskommentare. Dabei handelt es sich bei den Teilnehmern des Festes um Anhänger einer der ältesten christlichen Konfessionen.

20.04.2018

Wegen gewerbsmäßiger Bandenhehlerei steht seit Montag die Tschechin Lenka H. vor dem Dresdner Landgericht. Die 40-Jährige soll gemeinsam mit ihrem Mann Jan H. Mitglied einer international operierenden Bande gewesen sein, die sich auf den Diebstahl und die „Weiterverarbeitung“ von Skodas, VW und Seat spezialisiert hat.

10.04.2018

Wegen schweren räuberischen Diebstahls muss sich Mohamed E derzeit vor dem Dresdner Landgericht verantworten. Der Libyer war nachts in eine WG eingestiegen und hatte die Bewohnerinnen mit einem Messer bedroht.

10.04.2018
Anzeige