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Dresdens einstige Bobbauerin Karola Bräuer: Ich will Spuren hinterlassen

Bolidenschmiede in Klotzsche Dresdens einstige Bobbauerin Karola Bräuer: Ich will Spuren hinterlassen

Sie war von der Wende bis zur Schließung 2013 das Gesicht der weltberühmten Dresdner Bobschmiede – Karola Bräuer, die Frau mit dem roten Hut, dem blauen Mantel und dem Schraubstock-Händedruck. Erst in diesem Jahr endete der Verkauf der Manufaktur-Geräte. Und in Kürze übergibt sie die Bobbau-Unterlagen dem Dresdner Stadtarchiv.

Über die Jahre haben sich unzählige Athleten der Bob-Weltelite in der Dresdner Werkstatt verewigt. Ihre Unterschriften sind – für die Ewigkeit – alle auf diese Metallplatte kopiert. Die langjährige Chefin der 2013 geschlossenen Bobschmiede, Karola Bräuer, weist auf das Autogramm von Christoph Langen.
 

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Die roten Hüte hat sie verbrannt. Alle. 23 Jahre lang waren sie das Markenzeichen der Dresdnerin Karola Bräuer. Raste ein Bobathlet bei einer Weltmeisterschaft oder bei Olympischen Spielen aufs Podest, stand sie – leuchtend behütet – am Bahnrand und siegte mit. Denn in ihren besten Zeiten als Bobbauerin fuhr die Weltelite des Bobsports zu 70 Prozent Kufengeschosse aus ihrer Werkstatt im Dresdner Norden. Viele Große der Szene hat sie kennengelernt – Harald Czudaj, Wolfgang Hoppe, Andre Lange – die Liste ist lang. Bald nach der Wende ließen sich auch andere Top-Sportler wie Hubert Schöffer (Österreich), Günther Huber (Italien), Gustav Weder (Schweiz) oder auch Prinz Albert von Monaco ihre Superschlitten in Deutschlands einziger Bob-Manufaktur bauen.

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Bobs aus Dresden galten als Medaillengaranten. Nach der Wende lief die Bobschmiede in Dresden Klotzsche noch 23 Jahre, 2013 musste sie wegen Kundenmangels schließen. Archiv und Modelle, derzeit noch im Besitz der einstigen Manufakturchefin Karola Bräuer, wandern bald ins Dresdner Stadtarchiv.

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Die aber musste 2013 aufgeben. Und erst in diesem Jahr endete das Verkaufsverfahren für die Werkstatt-Geräte.

Der Epilog ist noch in Arbeit

Vergangenes Leben. Das rituelle Feuer, in dem die legendären Krempenhüte in Rauch aufgingen, sollte einen Strich darunter ziehen, erzählt Karola Bräuer, während sie im hauseigenen Garten in Hellerau Frühstück und Geschichten serviert. Doch wenn sie von ihrer Zeit als Bobbauerin berichtet, wird schnell klar: Der Epilog ist noch in Arbeit.

Dass Wintersportler mit Bobs aus Dresden schon zu DDR-Zeiten bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften zu den erfolgreichsten gehörten, ist Standardwissen. Dass nach der Wende in Dresden noch 23 Jahre erfolgreich weiter getüftelt und gebaut wurde, wissen immerhin viele. Dass diese Zeit untrennbar mit Karola Bräuer verbunden ist, ist eher nur noch den Kennern der Bob-Szene vertraut.

Mit der Wende ins Rampenlicht

Die parteilose Zwillingsmutter aus Klotzsche hat einen Abschluss in Ökonomie. 1989 durfte sie bei der Dresdner Flugzeugwerft in den Vertrieb der hauseigenen Bobs einsteigen. Deren Entwicklung hatte die DDR Mitte der 1970er unter äußerster Geheimhaltung in Dresden forciert. Nicht mal der „große Bruder“, die Sowjetunion, durfte an den prestigeträchtigen Medaillenbringern teilhaben.

Die Wende aber spülte Karola Bräuer mitsamt den Bobs ins Rampenlicht der großen weiten Sportwelt: 1990 präsentierte sie in St.Moritz die Kufenflitzer made in Dresden der Öffentlichkeit – schnell standen die Kunden Schlange. Das hätte so bleiben können, doch als die Treuhand 1992 die Flugzeugwerft an die Deutsche Aerospace verkaufte, stufte sie die Bobsparte als „nicht privatisierungsfähig“ ein.

Die Historie des Bobbaus in Dresden

Mit dem „Todesurteil“ der Treuhand in der Tasche ist Karola Bräuer damals nach Albertville zu den olympischen Winterspielen gefahren – in dem festen Bewusstsein, „diese erste wird auch deine letzte Olympiade sein“. Der Kampf um einen Platz an der Bobbahn, erzählt sie, dauerte drei Tage, das Warten auf die Entscheidung, ob die Ost-Bobs aus Dresden als regelkonform zu den Wettbewerben antreten dürfen, „eine gefühlte Ewigkeit“. Als nach guten Platzierungen der Internationale Bob- und Skeleton-Verband (FIBT) schließlich von der Frau aus dem einstigen Ostblock verlangte, die Konstruktionsunterlagen auf den Tisch zu legen, blieb die nur äußerlich völlig ruhig, erwiderte jedoch in Pokermanier: „Aber gern, wenn das alle anderen auch tun“. Damit war das Thema vom Tisch.

„Alles richtig gemacht“, meint sie heute lachend. Zumal sich auch in Dresden die Dinge fügten. Denn Altenbergs Bobclub-Präsident Lothar Schaar erwarb mit seiner Dienstleistungsfirma DDG die Bobsparte von der Flugzeugwerft.

Nur drei Jahre später stand wieder alles auf der Kippe: Die Pleite der DDG riss wegen fälliger Millionenforderungen auch die schuldenfreie Bob-Manufaktur mit. Diesmal stand mit Stephan Weber ein Zulieferer aus dem Erzgebirge als Käufer bereit. Chefin der neugegründeten Dresdener Sportgeräte GmbH (DSG) wurde Karola Bräuer. Das war folgerichtig, denn sie kannte all die hochkarätigen Kunden, hatte ein weltweites Netzwerk, und man zollte der Frau mit dem roten Hut und dem blauen Mantel in der Branche Respekt.

Was liefern sie eigentlich an die Nato?

In Steuereintreiberkreisen spielt Ehrfurcht naturgemäß keine Rolle, und so war es eine Frage der Zeit, bis das Finanzamt bei ihr anrief und mit behördentypischem Unterton fragte: Was liefern sie eigentlich an die Nato? „Klar, dass die sich gewundert haben. Wir haben – steuerbegünstigt – an die Nato versandt, weil Englands Bobsport bei der Armee angesiedelt ist.“

Wenn Karola Bräuer sich mit ihrer Crew in der Werkstatt nicht Wochenenden und Abende um die Ohren schlug, ließ sie kaum ein Rennen in Europa aus, war bei Olympia und Weltmeisterschaften, orderte und betreute Kunden. „Wir waren Exoten“, beschreibt sie das Besondere an jenen Jahren, in denen sie ganz und gar der Bobwelt gehörte.

Als Crux erwies sich mit der Zeit, dass die Geräte aus Dresden so unglaublich langlebig sind. „Viele fahren noch heute, und es ist interessant zu verfolgen, wo überall Bobs von uns auftauchen.“

Kein Job zum Reichwerden

Die Jahre als „Mutter des Bobsports“ waren keine zum Reichwerden, resümiert die Frau die bislang wichtigste Zeit ihres Lebens: zu überschaubar der Markt, zu aufwändig die Handarbeit trotz Serienfertigung. 20 Bobs im Jahr waren das Maximum, der Umsatz von oft nicht ganz einer Million Euro reichte nur, um das Nötigste zu finanzieren und die Entwicklung etwas voranzutreiben. Gewinne? „Mein Meister hat mehr verdient als ich“, sagt die Chefin von einst. Geld war wichtig, um weiterzumachen, nicht, um sich eine goldene Nase zu verdienen.

Die Endfünfzigerin kann noch heute alle 235 Einzelteile eines Zweierbobs herbeten. Und um die speziellen Wünsche der Bobfahrer besser zu verstehen, ist sie ein paarmal selbst die Altenberger Bobbahn mit heruntergerast. „Ich wollte das ins Gefühl bekommen“, erklärt sie. Angst? Ach was! „Unsere Bobs sind stabil. Da kommt man auch nach einem Sturz heil wieder raus.“

Porsche unter den Bobs

Die Boliden galten als Porsche unter den Bobs. „70 Prozent der Athleten aus aller Welt sind damals damit gefahren“, sagt Karola Bräuer.

Das Ende nahte, als Deutschland beschloss, über das Berliner Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) mit kleinen Bob-Nationen Kooperationsverträge abzuschließen. Das steuerfinanzierte FES hatte bereits Ende der 1990er Jahre den lukrativen Auftrag für den deutschen Bob- und Schlittensportverband übernommen – nun entzog es den Dresdnern massiv auch internationale Kunden.

2013 der letzte Akt. Lettische Vertragspartner orderten 13 Bobs, nahmen am Ende aber nur drei. „Im September 2013 habe ich die Entscheidung getroffen, das Unternehmen zu schließen“, sagt Karola Bräuer, „ohne Schulden – das war mir wichtig“. Unnötige Verbindlichkeiten sind der 58-Jährigen ein Graus.

Zehn Euro beenden 23 Jahre Bobbau

Die letzten Schritte hat sie noch vor Augen wie jemand, der stundenlang von einem traumatischen Drei-Sekunden-Ereignis erzählen kann – jedes Detail wie in Zeitlupe präsent, jeder Schritt, jedes Wort, jede Geste eingebrannt. Wie sie am Dienstag, dem 12. November 2013 um 17.15 Uhr in der Theaterstraße am Gewerbeamt eintrifft, um das Gewerbe abzumelden. Wie ihr mitgeteilt wird, dass sie das selber tun könne, indem sie den ausgehändigten Zettel ausfüllt. Wie sie genau das tat, wieder zurückging, bezahlte. Fertig. „In sieben Minuten habe ich 23 Jahre Bobbau beendet. Das hat zehn Euro gekostet.“

Im Dezember 2013, als die letzten Aufträge und Wartungsarbeiten erledigt waren, hat Karola Bräuer die Bobschmiede in Dresden-Klotzsche zugesperrt und sich dem nächsten Abschnitt ihrer Spurensuche zugewandt. Denn das, sagt sie, bleibt ihr Ziel im Leben: „Spuren hinterlassen – weltweit“. Unter all den Ansprüchen, die man so ans Leben haben kann, eher einer von der ausgewachsenen Sorte. Aber so ist die Frau mit dem ansteckenden Lachen, der entwaffnenden Offenheit und dem berüchtigten Händedruck – kein Klein-Klein.

Ausflug in den öffentlichen Dienst

Die Jobsuche glückte nicht gleich, aber nach 135 Absagen enterte sie im Juli 2015 das Jobcenter Dresden: „Als jemand, der alle Lebenslagen kennt – angestellt, Unternehmerin, arbeitslos – bin ich für zwei Jahre im öffentlichen Dienst gelandet.“ In einem mit EU-Geldern geförderten Projekt wollte sie Arbeitgeber zusammenbringen mit Menschen, die extrem viel Beratung brauchen, um ins Arbeitsleben zurückzukehren. Sie habe „wahnsinnig viel gelernt“, resümiert sie die Zeit. Und: Sie hat ihren jetzigen Arbeitgeber getroffen. Das war im Frühjahr 2016, als sie bei der Firma „Hago Facility Management“ Langzeitarbeitslose unterbringen wollte. Im Jahr danach sei ihr Vertrag als Serviceleiterin eingetütet worden, der Dienstwagen, mit dem sie zu den Kunden gelangt, kam kurz danach.

„Ich wurde bestellt“

Wieder hat sich alles gefügt, wie so oft auch in den Jahren als weltbekannte Bobbauerin. Glückliche Zufälle?: „Mein Urvertrauen war immer da, dass es weitergeht“, sagt die 58-Jährige. „Und überhaupt: Ich glaube nicht an Zufälle!“ Spricht’s und zaubert aus einem Fotoalbum ohne eine Miene zu verziehen den Grund für den kühnen Spruch hervor: „Ich wurde bestellt“.

Tatsächlich ist Karola Bräuer von ihrer Schwester Brigitte im Februar 1958 in einem Brief an die Eltern geordert worden. „Am 9. Dezember 1958 war ich da. Das sollte doch alle überzeugen, die immer Zufälle wittern“, meint sie trocken. Und lacht übers ganze Gesicht, noch ehe sich halbphilosophische Betrachtungen zur Vorbestimmung vom Hirn auf die Zunge wagen. Ihr Leben, beharrt sie indes kategorisch, kennt keinen Zufall. Was passieren soll, passiert. Basta.

So wie ihr jüngst Stadtarchivar Thomas Kübler an der Ampel begegnete und wie üblich fragte: „Na, Karola, wann ist es soweit?“ In dem Moment wusste sie: Die Zeit ist reif. In Kürze wird sie die Devotionalien ihres Lebens in der großen weiten Bobwelt dem Stadtarchiv überlassen. All die Bau- und Firmenunterlagen, die jetzt noch ein Nebengelass auf ihrem Grundstück füllen, sollen mitsamt Modellen für künftige Spurensucher erhalten bleiben.

Von Barbara Stock

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Goldene Vergangenheit
1992 standen in der inzwischen privatisierten Dresdner Bob-Manufaktur in Klotzsche noch Modelle der goldträchtigen „blauen Raketen“ aus DDR-Zeiten.

Die Geschichte des Bobbaus in Dresden begann 1986 und war streng geheim. Die nach Qualitätskriterien des Flugwesens in der Elbe Flugzeugwerft entwickelten Boliden bescherten den DDR-Wintersportlern Edelmetall in Serie. Nach der Wende wurde in Dresden noch 23 Jahre erfolgreich weiter an Bobs getüftelt und gebaut.

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