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Dresden legt erstmals Befragung zu Bedürfnissen minderjähriger Flüchtlinge vor

Jugendamt Dresden legt erstmals Befragung zu Bedürfnissen minderjähriger Flüchtlinge vor

Sie sind für viele die großen Unbekannten – die Flüchtlinge. Eine spezielle Gruppe wurde jetzt befragt. Das Dresdner Jugendamt wollte von unbegleiteten ausländischen Minderjährigen wissen, was sie bewegt.

Ein 16-jähriger Flüchtling aus Eritrea steht am Fenster seines Zimmers in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.
 

Quelle: dpa

Dresden.  Die Stadt hat erstmals Erkenntnisse über die Bedürfnisse, Erwartungen und Probleme von minderjährigen Flüchtlingen vorgelegt, die auf die Befragung einer größeren Gruppe der Betroffenen zurückgehen. „Ich denke schon, dass etwas dahinter steckt“, erklärte Peter Kühn, der Leiter das Sachgebiets Jugendhilfeplanung im Dresdner Jugendamt, gegenüber DNN. Zwar seien die Ergebnisse nicht wissenschaftlich repräsentativ für die gesamte Gruppe der unbegleiteten ausländischen Minderjährigen (UAM), aber die Befragung liefere Hypothesen für die weitere Arbeit mit den Flüchtlingen.

Laut Jugendamtsleiter Claus Lippmann leben in Sachsen derzeit 2548 minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung von Erwachsenen in Deutschland eingetroffen sind. Eigentlich müsste Sachsen nach dem geltenden Verteilschlüssel 3192 aller in Deutschland lebenden UAM aufnehmen. Sachsen liege derzeit nur bei rund 80 Prozent. Es sei in der nächsten Zeit daher mit einer Erhöhung der Zahlen zu rechnen. In Dresden lebten aktuell 347 Jugendliche (Stand: 11. Januar). Das seien zehn mehr als die auf die Landeshauptstadt entfallende Quote von 13,6 Prozent der im Freistaat unterzubringenden UAM. Vor einem Jahr lebten in Dresden 319 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Befragung liefere daher auch wichtige Hinweise, wie auf die steigenden Zahlen reagiert werden müsse.

Für die Untersuchung waren von Juni bis Dezember 2016 insgesamt 57 Jugendliche per Fragebogen und mit Dolmetscher befragt worden. Sie hielten sich alle in sogenannten Inobhutnahme-Einrichtungen auf, in denen sie rund um die Uhr von Fachkräften betreut werden. Ein Beispiel dafür ist die Finnhütten-Anlage in Langebrück, die seit Ende 2016 aber nicht mehr dafür genutzt.

Um die Befragungsergebnisse einzuordnen, sind verschiedene Aspekte zu beachten. Die Interviews wurden durch die sogenannte Clearing-Stelle durchgeführt, die zunächst alle unbegleiteten Minderjährigen aufnimmt. Es könnten also Aussagen enthalten sein, von denen die Flüchtlinge annehmen, dass sie erwünscht sind. Zudem war in der Stichprobe kein Syrer enthalten, in der gesamten Gruppe der UAM machen Syrer jedoch derzeit einen Anteil von 32 Prozent aus. Mit 41 Prozent ist nur die Gruppe der Afghanen größer. Laut Kühn erhöht sich in der letzten Zeit der Anteil der Afrikaner. Somalia (4 Prozent) und Eritrea (3) sind bislang am stärksten vertreten. Die Befragten waren ausschließlich männlich, vor allem zwischen 16 und 17 Jahre alt und zwischen zwei und zwölf Monaten in Deutschland. 16 Prozent der Befragten waren noch nicht 16 Jahre alt.

Auf die Frage, wie geht es dir derzeit, hätten 43 (rund 75 Prozent) mit „gut oder sehr gut“ geantwortet. Die jungen Menschen seien überwiegend sehr lernwillig und motiviert, erklärte Kühn im Jugendhilfeausschuss. Im Vordergrund stehe für die Flüchtlinge der Spracherwerb, eine Ausbildung oder das Kennenlernen der Kultur. „Die völlig neue Kultur sogt aber auch für Stress und Druck“, fügte Kühn hinzu. Das löse auch Motivationseinbrüche aus.

Probleme lassen sich in der Umfrage aus einer „beginnenden Resignation“ herauslesen. „Es dauert alles zu lange“, sei ein weit verbreiteter Eindruck. Langeweile, kaum Anschlussfähigkeit an das deutsche Ausbildungssystem, fehlender Vormund, fehlender Ausweis und die offene Frage, was passiert nach dem 18. Geburtstag, belasteten die Jugendlichen. „Das demotiviert mit der Zeit“, sagte Kühn.

Fast alle Befragten würden die Schule besuchen, schulischen Aktivitäten nachgehen oder auf andere Weise Lernen. Mehr als die Hälfte gehe sportlichen Aktivitäten nach. Ihre Freizeit würden die Befragten am liebsten in der Innenstadt oder der Neustadt verbringen. Kühn: „Sie sind gern da, wo andere Jugendliche auch gern sind.“ 47 Prozent würden gern eine Ausbildung machen, 23 Prozent studieren. Ihre Zukunft sehen praktisch alle in Europa. „Sie sind gekommen, um zu bleiben“, fasste Kühn zusammen. Fast täglich hätten 11 Prozent Kontakt zu ihrer Familie, seltener als wöchentlich 41 Prozent. In einzelnen Fällen habe es Aussagen gegeben, die Familie sei tot. Die Befragung habe auch gezeigt, dass viele mit sehr hohen Erwartungen nach Deutschland kommen, die offenbar in den Heimatländern entstehen. Hier gehe es um „Ent-Täuschung“, sagte Kühn. Grundsätzlich gehörten Fragen der Bleibeperspektive und des Berufsabschlusses zu den wichtigsten Themen für die Jugendlichen.

Dazu äußerte sich im Jugendhilfeausschuss, Thomas Wünsche, der Chef der Arbeitsagentur, mit mahnenden Worten. Wer die Integration der jungen Menschen anstrebe, müsse einen sehr langen Atem haben. Nur weil jemand mit seinen Händen Brötchen formen kann, könne er nicht den Berufsabschluss eines Bäckers bekommen. „Den Praxis-Bäcker gibt es nicht“, sagte Wünsche. Wer einen Berufsabschluss haben will, müsse die Berufsschule durchstehen. Der Zugang sei auch ohne Schulabschluss möglich. Wünsche rechnete vor: Zwei Jahre brauchen die jungen Menschen, um die Sprache so zu beherrschen, dass sie ausbildungsfähig sind. Dann kommen noch drei Jahre Berufsausbildung dazu. „Im günstigsten Fall dauert es also fünf bis sechs Jahre, bevor wir von der Integration in den Arbeitsmarkt reden können.“

Von Ingolf Pleil

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