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Lokales „Dresden ist Hauptstadt der Debattenkultur“
Dresden Lokales „Dresden ist Hauptstadt der Debattenkultur“
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08:27 30.04.2018
Auslöser für die Rekonstruktivismus-Debatte: der Wiederaufbau auf dem Neumarkt. Quelle: PR
Dresden

 Hauptstadt der Pegida-Bewegung, gespaltene Stadtgesellschaft, Canaletto-Syndrom, Dunkeldeutschland: Dresden hat in den vergangenen Jahren negative Schlagzeilen gemacht. Zu Unrecht, meint der Soziologe Professor Joachim Fischer. Das Dresden der vergangenen 25 Jahre sei eine Avantgarde der Zivilgesellschaft. Von Dresden hätten vier Debatten mit deutschlandweiter Bedeutung ihren Ausgang genommen. Das werde mit Neid und Misstrauen beobachtet.

Frage: Der Disput zwischen den Dresdner Intellektuellen Uwe Tellkamp und Durs Grünbein hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Wieso schafft es Dresden immer wieder, in die Schlagzeilen zu geraten?

Professor Joachim Fischer Quelle: privat

Joachim Fischer: Meine erste Assoziation war: Es bestätigt erneut meine Vermutung, dass Dresden so etwas wie die Hauptstadt der Debattenkultur in der Bundesrepublik Deutschland geworden ist.

Meinen Sie Debattenkultur oder Debattenunkultur?

Kultur, ganz klar. Als Soziologe beobachte ich immer wieder mit Verwunderung, wie Dresden in der öffentlichen Darstellung pathologisiert, psychiatrisiert und pädagogisiert wird. Grünbein spricht von der „süßen Krankheit gestern“. Der Soziologe Karl-Siegbert Rehberg hat den Begriff „Canaletto-Syndrom“ für die Stadt vorgeschlagen. Zwei Krankheitsbegriffe. Dresden sei selbstverkapselt und selbstverliebt, heißt es oft. Psychiater würden von Autismus und Narzissmus sprechen. Ich halte diese Kennzeichnungen soziologisch für unangemessene Begriffe für eine Großstadt.

"Der Umgang mit dem gegenwärtigem Islam oder die maßvolle Steuerung von Migration sind eher echte Probleme der gesamten Bundesrepublik"

Obwohl Dresden Hauptstadt der Pegida-Bewegung geworden ist?

Dresden ist für mich eher eine Kulturhauptstadt der bundesrepublikanischen Debatten, und das schon seit mehr als zwei Jahrzehnten. Seit 1989 wurden in Dresden vier nicht aufeinander rückführbare Debatten geführt. Und ja, der Komplex „Pegida und No-Pegida“ ist eine dieser vier Debatten. Meine Beobachtung geht aber weiter: Diese Debatten werden in Dresden stellvertretend für die gesamte Bundesrepublik geführt.

Wenn ich dem medialen Echo in den alten Bundesländern Glauben schenke, dann ist Pegida ein spezifisches Dresdner Phänomen und Tellkamp macht Pegida-und AfD-Parolen salonfähig. Wieso greift Pegida Themen von bundesweiter Relevanz auf?

Der Umgang mit dem gegenwärtigem Islam oder die maßvolle Steuerung von Migration sind eher echte Probleme der gesamten Bundesrepublik für mehrere Generationen – das zeigt inzwischen die landesweite Debatte. Pegida hat diese Fragen schon 2014 thematisiert mit einem unüberhörbar islam- und ausländerskeptischen Duktus. Die Pegida-Demonstrationen haben Bürger aus Dresdner Stadtteilen und -gruppen, die sonst möglicherweise öffentlich nicht so sichtbar waren, dazu gebracht, sich aus dem privaten Raum heraus auf die Straße zu bewegen und ungewohntes Engagement zu zeigen. Dazu hat sich Gegenprotest formiert mit einer gewitzten Leidenschaft für ein vielfältiges ‚buntes Dresden‘. Die Dresdner Stadtgesellschaft hat beides auf die Beine gestellt und eine bis heute unabgeschlossene Debatte geführt. Zu einem Problemkreis, der auch im Ruhrgebiet oder Bayern oder Berlin hochaktuell ist.

"In Dresden leben alle noch zusammen, wir haben es nicht mit Spaltung, sondern mit Streit zu tun"

Ist Pegida nicht eher das hässliche Gesicht der Demokratie?

Ich habe in einer Studie gelesen, Pegida sei die ‚schmutzige Seite der Zivilgesellschaft‘. Die Autoren erkennen damit ja an, dass auch Pegida Teil der Zivilgesellschaft ist. Die Initiatoren von Pegida waren zweifellos keine Intellektuellen – aber darauf kommt es gar nicht an. Entscheidend ist: Sie wurden von Niemanden beauftragt – diese Selbstbeauftragung ist typisch für zivilgesellschaftliche Bewegungen. Die Leute hatten ein Gespür für eine Problematik und haben damit eine Debatte losgetreten, die natürlich zugleich von der No-Pegida-Bewegung lebt. Das Doppelphänomen ist wichtig.

Spaltet Pegida die Stadtgesellschaft?

Ich wäre skeptisch bei diesem Begriff. Spaltung würde heißen, dass Menschen aus Dresden in verschiedene Richtungen ziehen müssen, weil sie in ihrer Stadt wegen ihrer jeweiligen Haltung nicht mehr leben können. In Dresden leben alle noch zusammen, wir haben es nicht mit Spaltung, sondern mit Streit zu tun. Der Soziologe Georg Simmel hat gesagt: Auch Streit ist vergesellschaftend. Solange kontroverse Kommunikation in der Stadtöffentlichkeit und in den Familien- und Freundeskreisen stattfindet, solange es voreinander Demonstrationen gibt, ist Streit nichts Negatives.

Teilnehmer einer Pegida-Kundgebung in Dresden Quelle: fle

Trillerpfeifen und Parolen - ist das noch Debattenkultur?

Ruppige Formen gehören auch zur Debattenkultur. Die Grenze der Kultur ist dort erreicht, wo Menschen beleidigt oder bedroht werden, es zu Gewalt gegen Sachen und Personen kommt. Soziologisch gehört ein gewisses Ausfransen dazu, die Energie der Akteure kann diese Formen annehmen. Deshalb gibt es auch immer einen Metadiskurs über die Frage, was zulässig ist. Es ist aber nicht zu erkennen, dass es in Dresden trotz aller Leidenschaft um das Pegida/No-Pegida-Phänomen herum zu schwersten Eskalationen gekommen ist.

"In Dresden wurde erstmals das Thema Wiedervereinigung auf die Tagesordnung gesetzt"

Brauchen wir vielleicht eine neue Dissenskultur?

Nein, das sehe ich nicht so. Dresden hat bereits über zwei Jahrzehnte erfolgreich Dissenskultur gelebt. Die verschiedenen Dresdner Debatten sind Teil der Biografien von Dresdnern geworden. Viele Menschen wären ohne diese Debatten nie aus der Privatsphäre herausgetreten. Damit haben sie sich selbst genötigt, sich vor anderen zu erklären – das hat die Stadtvergesellschaftung insgesamt intensiviert und bereichert. Aber eben auch die Biographien vieler einzelner Dresdner und Dresdnerinnen.

Welche Rolle spielen dabei aber doch die Intellektuellen?

Ich sehe hier vor allem die Vermittlungsleistung ostdeutscher Intellektueller, die sich der Stadt Dresden ohne Ressentiments verbunden fühlen: Zum Beispiel Hans-Peter Lühr, Joachim Klose, Frank Richter, Paul Kaiser, Franziska Kunz oder natürlich Friedrich Dieckmann sind durch diese diversen Debatten zu öffentlichen Figuren geworden, die bundesweit Geltung erlangt haben.

Welche Debatten von bundesweiter Relevanz wurden und werden in Dresden geführt?

Ich unterscheide vor Pegida/No-Pegida drei andere Dresdner Schlüsseldebatten seit 1989. Es begann mit der alle überraschenden Dresdner Resonanz auf den Besuch des westdeutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl. In Dresden wurde erstmals das Thema Wiedervereinigung auf die Tagesordnung gesetzt und war in der Stadt selbst heftig umstritten. Diese erste Dresdner Debatte 1989/90 hatte eine enorme bundesrepublikanische, ja europäische und internationale Bedeutung.

"Der Konflikt ist der zentrale Motor einer Zivilgesellschaft."

Und weitere Debatten?

Davon unabhängig wurde die Debatte über den Wiederaufbau der Frauenkirche initiiert – einschließlich ganzer Quartiere am Neumarkt –, die sich zur leidenschaftlichen Rekonstruktivismus-Debatte in anderen deutschen Städten entwickelt hat. Wenn in Frankfurt/Main oder Potsdam historische Stadtquartiere mitten in moderne Zentren rekonstruiert werden, um den Kontakt zu früheren Stadtgenerationen zu halten oder wiederherzustellen, dann hat die Dresdner Debatte daran ihren Anteil. Schließlich ist die jahrelange Dresdner Debatte über das angemessene Gedenken an den 13. Februar zu nennen, die auch eine Stellvertretungsfunktion hatte. Viele andere Städte wurden auch oder sogar mehr zerstört, aber in keiner gab es so eine intensive Debatte über die mitzuverantwortende grauenhafte Zerstörung durch Luftangriffe wie in Dresden.

Aber warum finden diese Debatten gerade in Dresden statt? Könnte es sein, dass die Dresdner einfach nur zänkischer sind als die Bewohner anderer Städte?

Der Konflikt ist der zentrale Motor einer Zivilgesellschaft. Dresden ist mit der Leidenschaft seiner Einwohner eine Modellstadt für die funktionierende Zivilgesellschaft. Bei allem immer erneuten Dissens über zentrale Lebensfragen eint ja die Streitenden in Dresden ein Konsens: ihre große Begeisterung für die Lebenswürdigkeit dieser Stadt. Fast alle teilen diesen gewissen Zauber Dresdens, den Zauber einer Kulturstadt innerhalb einer Naturlandschaft. Das ist wirkliche Stadtliebe. In den Städten, wo es diesen Lokalpatriotismus so ausgeprägt nicht gibt, entsteht gar nicht die Energie der Bürger für den öffentlichen Streit.

Kann eine Stadtgesellschaft geeint werden?

Sind wir da aber nicht bei einer Art Selbstverkapselung?

Nein, das sehe ich anders. Aus Wertschätzung für diese Stadt, die die Mehrheit der Dresdner offensichtlich teilt, erwächst bei sehr verschiedenen Interessenlagen der Stadtbürger die Möglichkeit, Debatten von bundesweiter Bedeutung zu führen. Dabei können die meisten Dresdner sich aus ihrem Selbstverständnis nicht erklären, wenn sie als „Dunkeldeutschland“ oder provinziell bezeichnet werden. Sie halten sich ja im Gegenteil für sehr „hell“, bei aller Vergangenheitsbindung an die als schön empfundene Stadtgestalt für zukunfts- und weltbezogen.

Wie erklären Sie den erbitterten Streit zur Waldschlößchenbrücke?

Das war ein Stadtkonflikt zwischen einer infrastrukturellen Moderne und dem ökologisch-ästhetischen Erhalt einer einmaligen Stadtnaturlandschaft. Auch hier handelte es sich um eine Stellvertreterdebatte, wenn man an die Auseinandersetzung um die Platzierung von Windkraftanlagen oder den Verlauf großer Stromtrassen in anderen Regionen denkt.

Auch über die Waldschlößchenbrücke wurde in Dresden erbittert gestritten. Quelle: dpa

Es hat viele Versuche gegeben, die Stadtgesellschaft zu einen. Ist das überhaupt möglich?

Nein. Die Dresdner sollten die Kurve bekommen und selbstbewusst sagen: Wir sind zur Kulturhauptstadt der Streitkultur in Deutschland geworden: Nicht alle, aber wichtige Debatten in Deutschland und Europa haben inzwischen in Dresden ihren Anfang genommen.

Nächstes Thema: Ein "Bilderstreit"

Warum wird dann immer mit dem Finger auf Dresden gezeigt?

Man kann das Dresden der letzten 25 Jahre als eine Avantgarde der civil society bezeichnen – hier gab und gibt es offensichtlich Bürger mit dem Mut, neuartige Probleme anzusprechen und sich nicht mit alternativlosen Zuständen abzufinden. Jede Avantgarde löst Neid und Misstrauen aus. Neuartige Debatten sind unbequem.

Gibt es eigentlich schon ein neues Dresdner Debattenthema?

Die von Paul Kaiser 2017 initiierte Debatte über das unausgewogene Zeigen der Kunstbestände des 20. Jahrhunderts in den Dresdner „Neuen Meistern“ gewinnt eventuell über andere Museumsstädte wie Potsdam und Leipzig deutschlandweite Ausstrahlung. Es geht um die neue Präsentation von Bildender Kunst der DDR, aber nicht nur. Auch westdeutsche Museen haben in ihren Depots große realistische Bestände, die sie aufgrund des proklamierten Sieges der Abstrakten Kunst nicht zeigen. Vom mexikanischen Muralismus bis zum sozialistischen Realismus gibt es im 20. Jahrhundert aber eine bedeutende moderne gegenständliche Kunst, die der Wiederentdeckung harrt. Der sogenannte ‚Bilderstreit‘ hat das Zeug zu einer Debatte, die den Ruf von Dresden als Avantgardestadt der Debattenkultur festigt.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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