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Lokales Dresden-Kaditz: Idyll mit tausendjähriger Linde
Dresden Lokales Dresden-Kaditz: Idyll mit tausendjähriger Linde
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14:09 17.06.2018
Pfarrer Thomas Markert und die Laurentiusgemeinde in Kaditz wagen sich etwas: Sie bauen das Pfarrhaus in Kaditz für rund 1,25 Millionen Euro aus. Quelle: Tomas Gärtner
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Dresden

Noch ist das alte Pfarrhaus in Dresden-Kaditz Baustelle, aber dessen neue Türen will die evangelisch-lutherische Laurentius-Gemeinde an diesem Sonntag bei einem Sommerfest zum ersten Mal öffnen.
Als architektonischer Höhepunkt am nordwestlichen Ende von Altkaditz gelegen, dem historischen Dorfkern mit seinen Bauern- und Handwerkerhäusern, bildet das weit über 300 Jahre alte Gebäude zusammen mit der Emmauskirche ein malerisches Ensemble. Ein Blickfang ist die Linde darin mit ihrem gewaltigen knorrigen Stamm, die alle die „tausendjährige“ nennen. Experten schätzen ihr tatsächliches Alter auf mindestens 850 Jahre.

Doch als Ensemble hat, wer drin stand, es nie richtig wahrnehmen können, wie Gemeindepfarrer Thomas Markert erzählt. Der 47-jährige geborene Zwickauer beschreibt mit den Händen den Umweg: „Wer aus dem Portal an der Südseite der Kirche trat und ins Pfarrhaus nebenan wollte, musste erst raus auf die Straße, um das Gebäude herum und dann hinten hinein.“ Künftig gibt es den kurzen, direkten Weg, der beide enger miteinander verbindet.

Er führt über den Kirchhof zu einer Glastür, die einen neuen Durchbruch in das Pfarrhaus verschließt. Durch sie betritt man den neuen Gemeinderaum. Er bietet reichlich 30 Personen Platz. Schließt man eine Schiebetür in der Mitte, bekommt man zwei kleinere Räume. Licht fällt vom Pfarrhof hinter dem Haus mit der großen Magnolie durch die zweite zusätzliche Tür an der gegenüberliegenden Seite und macht ihn zu einem Durchgangsraum. Nebenan entsteht das Pfarrbüro.

Ausgebaut für Veranstaltungen wird auch das Tonnengewölbe im Keller. Drei Wohnungen entstehen in dem Gebäude. In die große zieht im August der Pfarrer. Für die beiden Zwei-Raum-Wohnungen, die kleinere im Erdgeschoss und die größere im Obergeschoss, suchen sie noch Mieter.

Damit bleibt Kaditz lebendig, wie Pfarrer Markert sagt. Es hätte anders kommen können. Das Pfarrhaus war marode. „Wir mussten entscheiden: Entweder verkaufen wir es oder sanieren – dann aber
gründlich.“ Das löste eine lange, kontroverse Diskussion aus. Meinungsverschiedenheiten blieben, manche bis heute. Schon wegen der Bausumme: Etwa 1,25 Millionen Euro sind kein Pappenstiel für
eine Kirchgemeinde, auch wenn sie 6000 Mitglieder hat wie Laurentius. Die alte Kirchschule auf der anderen Straßenseite, in der sich Wohnungen befinden, haben sie dafür verkauft; die sächsische Landeskirche hat einen großzügigen Zuschuss gewährt. Doch 90 000 Euro müssen sie selbst aus Spenden aufbringen. „Dafür sammeln wir jetzt fleißig“, sagt Pfarrer Markert. Spender können Paten für einzelne Räume werden, auf Wunsch werden ihre Namen auf kleinen Tafeln in der Emmauskirche verewigt.

Dieser Sakralbau hat eine lange Geschichte, deren Anfänge im Dunkel des Mittelalters liegen, weil darüber bis jetzt nichts Schriftliches gefunden wurde. Begonnen hat sie mit einer Kapelle, dem Heiligen Laurentius geweiht, der stets mit einem Rost dargestellt wird, auf dem er vom Römischen Kaiser über offenem Feuer zu Tode gemartert worden sein soll.

Ein Porträtrelief des Märtyrers findet man im Schlussstein des gotischen Kreuzgewölbes im Sockelgeschoss des Turmes. Das muss aus dem 14. oder 15. Jahrhundert stammen, vermuten Denkmalpfleger.
1273 wird in einer Urkunde die slawische Siedlung „Kytitz“ erwähnt – mit Kirche.

Mit der Reformation im 16. Jahrhundert ist sie Mutterkirche für die umliegenden Dörfer geworden. Im Dreißigjährigen Krieg zerstört, hat man sie danach wiedererrichtet, später umgestaltet. Turm und Äußeres erhielten ihre heutige, neugotische Form 1869, 1888 auch im Inneren. Durch das rapide Bevölkerungswachstum während der Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert wuchsen die umliegenden Orte zu Stadtteilen, in denen eigene Kirchen und Gemeinden entstanden. Bis auf Radebeul sind sie alle 2006 bei der Vereinigung zur großen Laurentiusgemeinde wieder zurückgekehrt. Deren Name war frei geworden, nachdem man St. Laurentius 1904 in Emmauskirche umbenannt hatte.

Ein Prinzip heutiger Zusammenarbeit mehrerer Gemeinden im Verbund lautet: Jede davon gebe sich ein besonderes Profil. Die Weinbergskirche in Trachenberge zum Beispiel ist inzwischen Kulturkirche. Emmaus in Altkaditz gehört für Pfarrer Markert zu einem „Dorf in der Großstadt“. „Ein Zipfel Idylle“, fügt er hinzu. Also ist ihr Profil das der „Sommerkirche“.

Dort gibt es Konzerte, zum Beispiel mit dem Gospelchor, oder die Reihe „Orgel plus“. Im Pfarrgarten, über dessen Bruchsteinmauern man auf die Elbwiesen blickt, stehen Nussbaum, Apfel, Kirsche, auch eine kleine Linde. Auf dem Rasen dazwischen ist viel Platz für Gemeindefeste. Bislang hatten Gemeindemitglieder nur eine Wahl: entweder Kirche oder Feiern unter freiem Himmel. Nun haben sie neue Räume im umgebauten Pfarrhaus bekommen. Dort können sie künftig alles vorbereiten und die Technik platzieren. Und sollte es regnen, können alle unter ein festes Dach flüchten.

Tomas Gärtner

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