Volltextsuche über das Angebot:

-6 ° / -12 ° wolkig

Navigation:
Google+
Drei Geflüchtete berichten von ihrem Weg ins Arbeitsleben

Integration Drei Geflüchtete berichten von ihrem Weg ins Arbeitsleben

Ohne Sprachkenntnisse in einer komplett fremden Kultur eine Arbeit finden? Keine leichte Aufgabe. Die DNN stellen drei Geflüchtete vor, die von ihrem Weg ins Arbeitsleben und Erfahrungen aus dem neuen Arbeitsalltag in Dresden berichten.

Mohammed Dhamen hat vor seiner Flucht in Syrien Pharmazie studiert. Nun arbeitet er in der Schauburg-Apotheke in Dresden.
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Auf die Frage, ob er sich in Dresden schon heimisch fühlt, antwortet Mohammed lachend mit einem lockeren „nu, nu“. Wenn der 25-jährige Syrer in der Neustädter Schauburg-Apotheke in fast fehlerfreiem Deutsch seine Kunden bedient, wird der Eindruck geweckt, er hätte nie etwas anderes gemacht. Dabei waren die letzten Jahre für Mohammed nicht immer so leicht, wie es sein Dauerlächeln vermuten lässt.

Die größten Probleme

Sprachbarrieren

Zeugnisanerkennung

Geringe Schulbildung

Gleiches gilt für den studierten Arzt Ayman aus dem syrischen Rakka und den ehemaligen Kellner Shirzada aus dem Nordosten Afghanistans. Alle drei flüchteten in den Jahren 2014 und 2015 aus ihrer Heimat nach Deutschland und haben mittlerweile Arbeit gefunden.

 Leicht war das aber nicht. Deutsch lernen, Asylantrag bearbeiten, Behördengänge und immer wieder: Warten. „Es ist ein Zeitspiel. Ich verstehe, wenn die Deutschen denken, wir klauen ihr Geld“, sagt Mohammed. Bei dem Thema Arbeitserlaubnis und Aufenthaltstitel kommen die drei Neu-Dresdner schnell in einen Redefluss. Eine Arbeit zu finden war für alle drei das oberste Ziel. „Arbeit ist die Seife des Lebens“, zitiert Mohammed ein syrisches Sprichwort.

Ayman will wieder operieren

Steckbrief Ayman Alkhalaf

Der 32-jährige Ayman Alkhalaf hat vor seiner Flucht im syrischen Rakka gelebt. Die Stadt in der Mitte des Landes galt bis Herbst 2017 als „Hauptstadt des Islamischen Staats (IS).

Bevor 2011 der Bürgerkrieg ausbrach, studierte er von 2003 bis 2008 Medizin in Aleppo. Anschließend ging er nach Damaskus, um die Facharzt-Ausbildung im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie abzuschließen.

Die blutigen Aufstände gegen das Assad-Regime und der Bürgerkrieg durchkreuzten Aymans Pläne. 2014 floh er mit seiner Familie zunächst in die Türkei. Ein Kollege riet dem jungen Arzt nach Dresden zu gehen. Vor vier Jahren sei es noch einfacher gewesen, nach Deutschland einzureisen, berichtet Ayman. Bepackt mit 14 Koffern kam die Großfamilie 2014 mitten in der Nacht am Berliner Flughafen an. Nach dem sie die Nacht auf den Hauptstadt-Bahnhof verbrachten, kamen sie am nächsten Tag mit dem Zug in Dresden an.

Nach seiner Ankunft in Dresden, wohnte die Familie in einer Wohnung, die das Sozialamt zusammen mit der Deutschen Botschaft in Ankara organisiert hatte. Nun wohnt Ayman mit seiner Familie in Striesen. Momentan darf er nur unter Aufsicht praktizieren. Ein Freund vermittelte ihn an die Haema am Fetscherplatz. Dort übernimmt er die Routine-Checks der Blutspender vor der Blutentnahme.

Doch auch so ist er glücklich in „stabilen Verhältnissen“ leben zu können und wünscht sich in Dresden bleiben zu können.

Ohne Botschaft keine Zeugnisbeglaubigung

Als studierter Chirurg wartet der 32-jährige Familienvater Ayman immer noch auf die vollständige Anerkennung seines sechsjährigen Medizinstudiums in Aleppo und seine anschließende Facharztausbildung in Damaskus.

 In Dresden lernt er momentan für seine ärztliche Anerkennung, um in der Zukunft auch wieder als Chirurg arbeiten zu können – nach fast vier Jahren in Deutschland. Denn momentan darf er nur unter Aufsicht praktizieren.

 Doch er hatte Glück bei der Arbeitssuche: Durch den Tipp eines Freundes ist er auf den Haema Blutspendedienst aufmerksam geworden. Am Fetscherplatz kontrolliert er, ob potenzielle Blutspender geeignet sind.

„Vor Beginn des Krieges in Syrien und der Flucht Hunderttausender nach Europa ist die Anerkennung von syrischen Ärzten in Deutschland deutlich unkomplizierter gewesen“, berichtet Ayman. Das Hauptproblem: Es gibt keine Deutschen Botschaften in Syrien mehr, die Zeugnisse beglaubigen. Deutsche Behörden können also nur schwierig prüfen, ob die Abschlussurkunden echt oder gefälscht sind.

„Manche Kunden wollten sich nicht von mir bedienen lassen“

Steckbrief Mohammed Dhamen

Mohammed stammt aus der syrischen Stadt Deir ez-Zor, eine Hochburg der Extremisten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Der 25-Jährige studierte in Aleppo Pharmazie, um Apotheker zu werden.

Da seine Heimatstadt dafür bekannt ist gegen das Regime von Diktator Baschar al-Assad zu sein, wurde er auf Grund seiner Herkunft von Polizei und Geheimdienst bedroht und fürchtete weitere politische Verfolgung.

Nach Abschluss seines Studiums hätte Mohammed nach syrischen Regeln seinen Dienst in der Armee von Diktator Baschar al-Assad antreten müssen . Deshalb floh er einen Tag nach seinem Uni-Examen aus Syrien.

Im Oktober 2015 kam er nach seiner Flucht über den Landweg in Passau an. Sein Bruder lebte da bereits in Bautzen, doch Mohammed wurde in einen Zug nach Köln gesetzt. Nur drei Stunden verbrachte er in der Rheinmetropole, dann suchte er einen Bus, der ihn nach Sachsen in die Nähe seines Bruders bringt.

Während seinem ersten Tag in Dresden traf er unwissend auf eine Pegida-Demonstration. Polizisten rieten ihm, die Demonstration zu meiden. Die erste Zeit lebte er in der Asylunterkunft an der Hamburger Straße und in einem Heim im Erzgebirge.

Mohammed machte zunächst ein Praktikum bei der Schauburg-Apotheke. Danach begann er in der Igel-Apotheke in Leuben zu arbeiten. Seitdem im Herbst in der Neustädter Schauburg-Apotheke eine Stelle frei wurde, gehört er dort zum Team. Mittlerweile hat er eine WG in der Nähe gefunden.

Ohne uns wäre die AfD heute nicht im Bundstag“

Mohammed hat einen Tag vor seiner Flucht nach Deutschland noch die letzte Prüfung seines Uni-Examens zum Apotheker in Syrien bestanden. Sein Einberufungsbescheid in die Armee des syrischen Diktators Baschar al-Assad wurde ihm schon zugestellt – Die Flucht musste schnell erfolgen.

Nach dem er 2015 über Passau, Thalheim im Erzgebirge und Köln nach Dresden kam, dauerte es noch rund ein Jahr bis er eine Anstellung als Apotheker fand.

Zunächst arbeitete er in Leuben, wo er nicht nur gute Erfahrungen sammelte: „Manche Kunden wollten sich nicht von mir bedienen lassen. Einmal wurde mir, während ich einen älteren Mann bediente, gesagt, dass er die AfD wählt, damit Leute wie ich nicht in Deutschland bleiben dürfen. Ich habe geantwortet, dass er sich lieber bei uns Flüchtlingen bedanken sollte, denn nur wegen uns ist die AfD im Bundestag“.

Mohammed wundert sich über den Nasenspray-Konsum der Dresdner

Bei seiner neuen Arbeitsstelle in der Schauburg-Apotheke auf der anderen Elbseite gab es bislang noch keine Probleme dieser Art. „In Dresden gibt es immer Bedarf an Apothekern“, hat der 25-Jährige aus Erfahrung gelernt. Vielleicht liegt es daran, „dass hier alle dauernd Nasenspray kaufen“, lacht er. Etwas, das Mohammed in seiner Heimat nur äußerst selten über die Theke reichte. Genau wie Vitamin-D3 Tabletten. Das allerdings können alle drei gut verstehen, sie selbst leiden unter der fehlenden Sonne in Deutschland.

Ausbildung ohne Schulabschluss?

Ayman und Mohammed gehören zu den hochgebildeten Menschen mit Fluchthintergrund in der Landeshauptstadt. Nach Angaben des Vereins „Arbeit und Leben Sachsen“ sind das nur rund zehn Prozent.

80 Prozent der Geflüchteten in Dresden haben nur ein geringes Bildungsniveau und sind weniger als zehn Jahre zur Schule gegangen. Für sie ist es deutlich schwieriger eine Arbeitsstelle in zu finden. Dass es mit Engagement, Unterstützung und ein bisschen Glück trotzdem klappen kann, zeigt Shirzadas Weg ins Arbeitsleben.

Mit Mentoren-Programm zur Ausbildung

Steckbrief Shirzada Salurzai

Der 22-jährige Shirzada Salurzai stammt aus der afghanischen Provinz Kunar im Nordosten des Landes, an der Grenze zu Pakistan. In der Region finden immer wieder Anschläge statt. Das bergige und zerklüftete Gelände dient den Taliban als Versteck und Rückzugsort.

 Im Jahr 2015 verließ er seine Heimat und Familie und machte sich über den Landweg auf die Flucht nach Deutschland. Shirzada kam nach seiner Flucht über die Türkei und Bulgarien im November in München an.

Nach nur einem Tag Aufenthalt in der bayrischen Landeshauptstadt wurde er weiter nach Dresden geschickt, wo er knappe zwei Jahre in verschiedenen Asylunterkünften lebte. Unter anderem zwei Monate an der Hamburger Straße. Dort war es für ihn schwierig einen Deutschkurs zu besuchen, da über die Anerkennung von Afghanen im Einzelfall entschieden wird.

Nachdem er Deutschkurse und weitere Qualifizierungsmaßnahmen absolviert hatte, fand er mit Hilfe der Arbeitsmarktmentoren von „Arbeit und Leben“ einen Ausbildungsplatz zum Verkäufer bei Vorwerk Podemus.

Mittlerweile wohnt Shirzadai gemeinsam mit fünf Mitbewohnern in einer Wohngemeinschaft in Klotzsche und spielt in seiner Freizeit Rugby bei den „Dresden Hillbillies“.

Sein Asylantrag wurde in der ersten Instanz abgelehnt. Er hat Widerspruch eingelegt und hofft trotzdem auf eine sichere Zukunft und darauf seine Ausbildung abschließen zu können.

Nach fünf Schuljahren begann er zu Kellnern

Der 22-jährige Afghane besuchte in seiner  von der Taliban umkämpften Heimat nur bis zur fünften Klasse die Schule und begann anschließend zu Kellnern.

Bildungsstand der Geflüchteten

Rund 10 Prozent haben Abitur oder einen akademischen Abschluss

Rund 80 Prozent sind weniger als zehn Jahre zur Schule gegangen

Rund 10 Prozent haben eine andere Qualifikation

 Über den Landweg flüchtete Shirzada vor den Taliban zwei Monate lang alleine nach Deutschland. In Bulgarien wurde er vom Geheimdienst zwei Wochen festgehalten.

Mit Hilfe der Arbeitsmarktmentoren der Initiative „Arbeit und Leben Sachsen e.V.“ schaffte er es einen Ausbildungsplatz zum Einzelhandelskaufmann zu finden. Der überschwängliche Brotkonsum der Dresdner überrascht den jungen Verkäufer täglich bei seiner Arbeitsstelle im Vorwerk Podemus im Bahnhof Klotzsche: „In Afghanistan haben wir eigentlich nur eine Art von selbst gebackenem Fladenbrot“, schmunzelt Shirzada.

Er wohnt in einer Wohngemeinschaft mit anderen Auszubildenden in Klotzsche und spielt in seiner Freizeit Rugby in dem Verein „Dresden Hillbillies“.

Für Afghanen war es schwierig einen Sprachkurs zu besuchen

Probleme hatte er in seinen ersten Monaten aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse: „Nach nur vier Besuchen bei einem Sprachkurs wurde uns gesagt, dass die Kurse weiterhin nur für syrische Flüchtlinge angeboten werden“, erzählt er. Für ihn gab es weniger Angebote, bei Menschen aus Afghanistan der Einzelfall entscheidet.

Und auch das deutsche, duale Ausbildungssystem ist für den manchmal etwas schüchtern wirkenden Mann noch nicht ganz vertraut. Hier muss er für das Unterrichtsfach „Kommunikation“ pauken, in Afghanistan hingegen sei ein zwölfstündiger Arbeitstag Normalität.

Sprache, Arbeit, Integration – Ein Zeitspiel

Die drei Männer sind sich aber durchaus bewusst, dass nicht alle einerseits Glück und Geschick sowie andererseits Unterstützung bei der Suche nach einer Arbeitsstelle hatten.

 Laufen Mohammed und Ayman im Sommer durch den Alaunpark oder nachts am Scheunevorplatz vorbei, macht sich vor allem Unverständnis bei ihnen breit: „Ich sehe den Leuten genau an, ob sie Drogen verkaufen und andere illegale Sachen machen oder nicht“, sagt Mohammed.

Verärgert ist er über kriminelle Flüchtlinge, weil er auch darunter leidet, dass eine solche Minderheit der neu angekommenen Menschen in Dresden zum Teil das öffentliche Bild von Geflüchteten prägt. „Wegen diesen Idioten werden meine Taschen kontrolliert, wenn ich bei Rossmann einkaufen gehe“, berichtet er.

Für Geflüchtete, die schnellstmöglich beginnen wollen in Dresden zu arbeiten, sei es nicht immer einfach: „Ein Problem ist die deutsche Bürokratie – alles dauert unglaublich lange“, kritisiert Mohammed. Ayman sieht das genauso, wirft aber ein, dass für eine erfolgreiche Integration auch Zeit benötigt wird: „Erst kommt die Sprache und im nächsten Schritt die Arbeit. Das benötigt aber natürlich seine Zeit“

Statistik – Immer mehr Geflüchtete finden eine Arbeit

Die Bundesagentur für Arbeit teilt auf DNN Anfrage mit, dass sich im vergangenen Jahr 6 251 Flüchtlinge in Dresden als arbeitslos gemeldet haben. Der Großteil von ihnen befindet sich in verschiedenen Qualifizierungsmaßnahmen.

 552 Geflüchtete haben im vergangenen Jahr wie Ayman und Mohammed in der Landeshauptstadt eine Arbeitsstelle gefunden. Fast alle sind in einem Beschäftigungsverhältnis auf dem ersten Arbeitsmarkt. Neun haben einen Job auf dem sogenannten zweiten Arbeitsmarkt, der durch staatliche Mittel unterstützt wird.

Im Verlauf des letzten Jahres hat die Anzahl der Geflüchteten, die eine Arbeit gefunden haben nahezu stetig zugenommen – In der ersten Jahreshälfte fanden 181 Flüchtlinge eine Arbeit, im zweiten Halbjahr waren es mit 371 fast doppelt so viele.

Eine reguläre Berufsausbildung im Betrieb oder außerbetrieblich, wie Shirzada, nahmen im vergangenen Jahr 44 geflüchtete Menschen in Dresden auf.

Zukunft in Sicherheit?

Die Erzählungen vom totalitären Assad-Regime in Syrien hören sich an wie aus einem brutalen Action-Film. Der Geheimdienst verfolgt und schüchtert mögliche Regimegegner gewaltsam ein: Entführte Freunde, Waffenläufe am Kopf und die Besetzung der Heimatstadt durch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) lassen Gedanken an eine Rückkehr vorerst in weite Ferne wandern. Die drei sind froh, durch eine feste Arbeitsstelle einer Zukunft in Sicherheit ein wenig näher gekommen zu sein.

Doch auch nach dem längsten Tag heißt es irgendwann Feierabend. Und dann? „Nach der Arbeit liebe ich es im Sommer an der Elbe zu grillen“, sagt Ayman. „Meine Lieblingsorte sind die Neustadt und der beeindruckende Theaterplatz“, schwärmt Mohammed von seiner neuen Heimat. Nur eins versteht Ayman nach fast vier Jahren in Deutschland immer noch nicht: „Wieso muss man hier sogar nach Feierabend einen Termin vereinbaren, nur um einen Kaffee trinken zu gehen?“.

Von Aaron Wörz und Tomke Giedigkeit

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.