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Lokales Diebesjagd durch Dresden im Internet der Dinge
Dresden Lokales Diebesjagd durch Dresden im Internet der Dinge
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07:20 08.10.2018
Mit einer speziellen App lässt sich das IoT-Elektrofahrrad orten. Möglich macht dies eine spezielle Maschinen-SIM-Karte im eBike. Quelle: Vodafone
Dresden

Ein sonniger Donnerstag ist in Dresden angebrochen. Genau das richtige Radelwetter und – Yippie-ya-yeah! – ein großer Telekommunikations-Konzern hat mir ein Elektrofahrrad zum Testen gegeben. Das Besondere daran? Der Prototyp hat eine eingebaute SIM-Telefonkarte fürs „Internet der Dinge“. Wozu die im Drahtesel gut ist? Dazu später. Erstmal aufladen, das elendig schwere Teil die Treppen daheim runterwuchten – und der sonnige Ausflug durch den Großen Garten gen Stadtzentrum beginnt.

Neun Spätschichtstunden später ist es draußen duster und ich schleppe meinen Astralleib aus dem Büro. Der Schock vor der Tür macht mich hellwach: Ich gucke nach links, gucke nach rechts und was ist nicht da? Das E-Fahrrad. Wie soll ich das, bitteschön, den Leihgebern jetzt erklären? Ich spüre einen Krampf in Richtung Magen krabbeln. War vielleicht doch keine so gute Idee, das auffällig rot lackierte Vehikel mit einem Fahrradschloss an einem Fußgängergeländer anzuschließen und nur die Batterie auszubauen.

Ortungsapp spricht mit Maschinenkarte

Was der Dieb oder die Diebin allerdings nicht wissen: So einfach ist das Rumgeklaue im IoT-Zeitalter eben doch nicht mehr. Für eines ist so eine Maschinen-SIM-Karte zum Beispiel gut: Mit der richtigen Software und einem speziellen Zugang lässt sich das Teil orten – auf ein paar Meter genau. Und so zücke ich das Smartphone, das mir Vodafone geborgt hat. Sekunden später verrät mir die Ortungs-App, dass sich das eBike zuletzt vor vier Stunden vom „World Trade Center“ aus gemeldet hat.

Was nun? Mein Auto steht zu Hause. Und mein iPhone behauptet schon wieder, sein Akku wäre leer. Das stimmt zwar nicht, aber Apple-Produkte sind erfahrungsgemäß sehr rechthaberisch. Den Dieb mit der Nacht-Straßenbahn vom Külz-Ring aus verfolgen? Wohl eher nicht. Ich renne im Affentempo die vier Stockwerke wieder hoch, lade mein paranoides Smartphone um ein My auf und bettele einen Kollegen per SMS an, mit seinem Auto zum Einsatzort zurückzukehren. Die Antwort verrät mir mein iPhone zwar nicht mehr, weil es sich wieder schwarz ärgert.

Geierkreisen um den roten Punkt

Wenige Minuten später rasen der hilfsbereite Kollege und ich in seinem Automobil dem WTC entgegen. Dort angelangt, komme ich mir vor wie eine Sheriff-Patrouille aus US-Krimis, wie wir so im Schleichgang den roten Punkt auf der Ortungskarte umkreisen. Ein paar Teenies glotzen uns an, wir glotzen zurück. Das Fahrrad bleibt verschwunden. Oder waren das am Ende Profis, die den Prototypen in der Tiefgarage unterm WTC haben verschwinden lassen? Zwei vergebens abgefahrene Parkdecks später brechen wir auch diese Aktion ab, der Herr Kollege bringt mich nach Hause.

An Schlafen ist nicht zu denken. Manchmal lassen mir ungelöste Probleme einfach keine Ruhe, bis ich sie notfalls mit der metaphorischen Brechstange gelöst und abgehakt habe. Heute ist so ein Tag. Oder vielmehr: so eine Nacht. Wieder im Besitz eines Autos, rase ich zurück ins Zentrum. Im Revier Mitte dämpft der Polizist hinterm Glasfenster meinen adrenalingeschwängerten Tatendrang. „Ich will sie auf keinen Fall abwimmeln“, versichert er mir. „Aber im Moment ist richtig, richtig viel los. Sie müssten eine Stunde warten, bis ich einen Kollegen für die Anzeige frei habe.“ Ob ich nicht lieber die Online-Wache…? Ich bin zwar etwas enttäuscht, habe aber natürlich Verständnis für die oft so undankbare Arbeit unserer Freunde und Helfer.

Dieb hat das fettere Schloss

Aber jetzt bin ich einmal im Zentrum und hellwach. Man hört ja immer soviel davon, dass zumindest beim Autodiebstahl die ersten Stunden entscheidend sind. Also zurück zum Tatort und erneut zum WTC. Diesmal schleiche ich zu Fuß durch den Innenhof und mir fällt auch das Videokamera-Symbol an der Einfahrt auf. Ich umkreise und umkreise immer wieder den Punkt auf der Smartphone-Karte, an dem sich das corpus delicti befinden sollte. Wahrscheinlich ist die Ortung doch nicht so genau, denke ich und will schon aufgeben. Da gehe ich um diese Büsche im Hof einmal herum. Ein Fahrradabstellplatz. Ein Elektrofahrrad. DAS Elektrofahrrad. Unverkennbar der Prototyp. Angeschlossen mit einem noch fetteren Schloss als das, mit dem ich das eBike gesichert hatte.

„Das ist ja ein Ding“, rutscht es dem Diensthabenden heraus, als ich sofort das Revier Mitte anrufe und von meinem Treffer berichte. „Ich schick gleich mal eine Streife.“ Und tatsächlich: Zehn, 15 Minuten später rückt ein Wagen an. Polizist und Polizistin steigen aus, zeigen sich angemessen beeindruckt, als ich mit meinen IoT-Ortungskünsten prahle. Als ich dann noch von der Kameraüberwachung erzähle, werden sie hellhörig. Wär ja ein Volltreffer, wenn der Dieb in der nächsten Minute hereinspaziert käme und mit den Videoaufnahmen überführt werden könnte. Der Beamte zückt sein Handy oder Funkgerät (bei der Dunkelheit kann ich das nicht unterscheiden) und erzählt, hört, nickt, erzählt, hört, macht „Hmmm“.

Das volle Programm von Foto bis DNS

Eine gefühlte Dreiviertelstunde später biegt ein antik anmutender Opel Kadett mit Pirnaer Kennzeichen* in den WTC-Hof. Die zwei Männer und die Frau in legeren Klamotten, die da aussteigen und lässig zu uns hinschlendern, hätte ich im Leben nicht für Polizisten gehalten – wenn sie nicht die dicken Wummen im Seitenholster ganz offen getragen hätten. „Polizeidauerdienst“, flüstert die Beamtin neben mir. „Sind sie jetzt wirklich aus Pirna angerückt“, frage ich verblüfft. „Alles Tarnung“, verrät mir einer der Beamten grinsend.

Seit ich das gestohlene Rad wieder vor Augen habe, ist mir ein Stein aus dem Magen gerollt und ich finde das alles nur noch faszinierend. Die Spurensicherer spulen das ganze Programm ab: Fotos, Fingerabdrücke, DNS-Proben. Auch ich soll so ein Wattestäbchen zum Vergleich vollsabbern. Sonst sieht man so was nur in Film und Fernsehen. Das hier ist live und in Farbe – wie aufregend!

Auf der Lauer

Dennoch schau ich nach einer Weile auf die Uhr: Fast 2. Die Müdigkeit schlägt langsam durch und das merken mir wohl auch die Kriminaldauerdienstler an. „Gehen Sie nach Hause, Sie können hier jetzt eh nichts mehr machen“, sagt der, den ich für den Chef des lässigen Trios halte. „Wir warten hier noch eine Weile, ob der Dieb hier hereinspaziert. Wenn nicht, knacken wir um 4 das Schloss. Das Fahrrad können sie sich dann morgen im Revier abholen.“

Und so kommt es auch: Nach allerlei Papierkram, Autogrammen und anderem Procedere händigt mir eine Uniformierte am nächsten Tag das eBike an der Schießgasse aus. Und der Leihgeber bekommt es wenige Stunden später auch zurück. Seufz.

Und, ach ja, PS: Einen Monat später klingelt mich ein Anruf vom Revier Mitte aus dem Bett: „Wir haben da einen Verdächtigen…“

* Angaben verfremdet

Von Heiko Weckbrodt

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