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Die Kunst, zwischen den Zeilen zu lesen - Trauerrednerin Andrea Martin widmet einen großen Teil ihres Lebens dem Leid anderer Menschen

Die Kunst, zwischen den Zeilen zu lesen - Trauerrednerin Andrea Martin widmet einen großen Teil ihres Lebens dem Leid anderer Menschen

Die Trauerhalle des Trinitatisfriedhofes ist mit Menschen gefüllt. Kerzen hüllen den Raum in ein feierliches Licht. Stille herrscht, nicht einmal ein Schluchzen oder Seufzen ist zu hören.

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Seit fünf Jahren ist Andrea Martin Trauerrednerin. Mindestens zwei Tage nimmt sich die 56-Jährige für die Vorbereitung einer Trauerrede Zeit.

Quelle: Martin Förster

Von Jane Jannke

Es sind die Minuten vor einem endgültigen, einem späten Abschied. Denn der Mensch, dessen Asche nun in der blumenumsäumten Urne vor so vielen Trauernden ruht, war in seinen letzten Minuten wie auch auf weiten Strecken seines Lebens sehr allein. Niemand hielt die Hand des Kranken oder wählte den Notruf, als er im Sommer in seiner Dresdner Wohnung zusammenbrach, scheinbar niemand vermisste ihn. Erst zwei Monate später fand man ihn - weil sich Nachbarn beschwerten. "We had no time to say goodbye..." haucht das oh so traurige und doch so passende "Our Farewell" von Within Temptation aus dem Lautsprecher und führt den Angehörigen mit aller Brutalität vor Augen: Sie waren nicht da, als ihr Sohn, Vater und Kollege starb. Erlösende Tränen fließen.

Trauer, Schuld und Scham

Die Zeremonie an jenem tristen Novembertag zählt zu den schwierigsten Fällen von Trauerrednerin Andrea Martin. Todesfälle sind für Nahestehende niemals leicht. Doch kommt hier noch das schwer lastende Gefühl der eigenen Schuld und Scham zur Trauer hinzu. Als sie mit leiser, leicht bebender Stimme aus dem Leben des früheren Feuerwehrmannes erzählt - Begebenheiten mit den drei Kindern, die Zeit in New York vor dem 11. September, zwei Scheidungen - trägt auch Andrea Martins Stimme Trauer. Nicht nur, weil Mitgefühl ein Teil ihres Berufes ist, sondern weil ihr ihre Fälle durchaus nahe gehen, wie sie sagt. "Mich trifft solch ein einsamer Tod einfach", sagt die zierliche 56-Jährige. In ihrer Trauerrede zeichnet sie den Lebensweg des Verstorbenen nach, aus dem sie Erklärungen für die späteren Schwierigkeiten im Leben liest. "Man fragt sich: Warum blieb nichts wirklich bei ihm? Wie bei jedem Auftrag recherchiert man, und dann sieht man: Adoptivkind, Nachkriegsgeneration. Diese Generation ist voller Krieg, ohne dass sie ihn selbst erlebt hat."

Seit fünf Jahren ist Andrea Martin Trauerrednerin. Doch die Grundlagen wurden weitaus eher gelegt. Studium der Diplompädagogik und Sozialtherapie, lange Jahre ist sie als Sozialarbeiterin und Trauerbegleiterin unterwegs. "Da habe ich ganz harte Sachen gemacht, war im Suchtbereich tätig und hatte dabei auch mit Suiziden zu tun", erzählt die vierfache Mutter. Zum Trauerreden sei sie gekommen, weil diese Arbeit alle die Fähigkeiten in sich vereine, die sie in sich trage: "Eine Kombination aus Arbeit mit Sprache und den Menschen zuzuhören." Das Fortbildungsinstitut, in dem sie früher als Schulleiterin arbeitete, schließt irgendwann. Seither sind ihr Metier die schwersten Stunden im Leben anderer. "Meine Erfahrung hilft mir, gut zwischen 'meinem' und 'seinem' zu trennen", antwortet sie auf die Frage, ob all das Leid auf Dauer nicht depressiv mache. Und, so Martin, auf die richtige "Dosis" komme es an. "Ich habe nicht mehr als zwei bis drei Beerdigungen pro Woche. Mehr mache ich nicht."

Andrea Martin legt viel Wert auf Klasse statt auf Masse. Mindestens zwei Tage nimmt die Vorbereitung einer Trauerrede in Anspruch. Nichts geht dabei über Gespräche mit den Angehörigen, der wichtigsten Quelle zur Persönlichkeit des Menschen, an den sie später erinnern wird. "Ich arbeite viel mit Originalmaterialien der Verstorbenen. Das ist eine Form von Wahrheit, da geht nichts drüber." Denn viel kann hier auch schiefgehen. "Es gab mal den Fall einer Kollegin, da stand am Ende ein Angehöriger auf und hielt eine Gegenrede, weil er ihre Worte als unzutreffend empfand." Den Rednerbogen - ein vorgefertigtes Befragungsformular, das Bestattungsinstitute an Trauerredner ausgeben - würde sie nie benutzen: "Eine Feier zum Abschied eines Lebens ist doch kein Rentenantrag!"

Einfühlungsvermögen ist alles

Andrea Martin besucht ihre Kunden zu Hause. Dort versucht sie Vertrauen herzustellen. Nur so wird man ihr in solch kurzer Zeit derart intime Details aus dem eigenen Privatleben anvertrauen. Einfühlungsvermögen ist hier alles: "Aus Wortwahl und Tonfall lese ich, welche Bedeutung eine Begebenheit für die Angehörigen hatte." Zwischen den Zeilen zu lesen sei wesentlicher Bestandteil ihres Berufes. Auch die Kinder vergisst sie nicht. Oft bezieht sie sie in die Trauerfeier ein, ermutigt auch den Rest der Familie, einen Beitrag zu leisten: eine Rede, ein Brief, ein Gedicht... "Diese Feier ist für die Angehörigen. Sie müssen sich darin wiederfinden", sagt Andrea Martin.

Nicht jedes Leben ist wie im Märchen. Oft trüben Schatten das Gesamtbild. Andrea Martin hört und sieht vieles in ihrem Beruf. Sie hat über Menschen sprechen müssen, die ihre Frauen misshandelten oder die Familie mit Trunkenheit tyrannisierten. "In solchen Fällen ist es wichtig, das Scheitern offen anzusprechen, so weit mich die Familie lässt." Nicht minder wichtig sei es jedoch, die positiven Aspekte in der Tragik zu erkennen: "zum Beispiel die Leistung einer Ehefrau, die trotz der vielen Probleme bis zuletzt an der Seite ihres Mannes blieb, weil sie ihn liebte. Oder der Kampf eines Alkoholikers gegen seine zerstörerische Sucht."

Kraft schöpft Martin aus dem, was sie zurückbekommt. "Es gibt wenige Berufe, in denen Sie noch in derselben Stunde eine so ehrliche Rückmeldung bekommen." Wirklich zufrieden ist sie, wenn bei ihren Beerdigungen geweint wird. "So komisch das klingt, aber viele haben genau davor Angst. Angst, völlig die Beherrschung zu verlieren." Erst wenn Tränen flössen, seien die Trauernden völlig bei sich und ihrem Verlust. Wenn dann am Grab das Staunen über nie gekannte Züge oder biografische Stationen des Angehörigen, die Andrea Martin mit viel Feingefühl herausgearbeitet hat, fast die Trauer überwiegt, über den Verstorbenen gesprochen wird, weiß sie: Ihre Mission ist erfüllt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.11.2012

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