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Lokales Die Jägerin und der Wald
Dresden Lokales Die Jägerin und der Wald
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15:00 06.09.2018
Jägerin Ilka auf der Jagd mit ihrem Hund Emma in der Heide in Dresden-Weixdorf. Quelle: Foto: Anja Schneider
Dresden

Es raschelt, dann laufen zwei Wildschweine wie schwarze Schatten durch die Dämmerung von den vertrockneten Resten eines Maisfelds in den Sauerbusch am Rand der Dresdner Heide. Konzentriert greift die Dresdner Jägerin Ilka zum Gewehr. Auch wenn ihr Herz klopft und Anspannung durch ihren ganzen Körper geht, muss sie sich ganz langsam bewegen, nichts darf Geräusche verursachen. Sie legt den Lauf des Gewehres auf dem Rand der Jagd-Kanzel ab, schließt ein Auge und fokussiert durch die Optik mit Vergrößerungsfunktion das Tier.

Bloß keine Bache treffen

Doch sie drückt nicht ab.„Es ist zu dunkel, um unterscheiden zu können, ob das Wildschwein männlich oder weiblich ist“, begründet sie. Dafür bräuchte sie eine lichtstärkere Optik zur Bildaufhellung. An diesem wolkenverhangenem Spätsommerabend, gegen 21 Uhr, ist ihr das Risiko zu hoch, womöglich eine Bache zu schießen, die ihre Frischlinge versorgen muss. Die Wildschweine verschwinden im Dunkel des Waldes.

Dass sie einmal auf Tiere zielen würde, hätte die 40-Jährige lange nicht für möglich gehalten. „Tierschutz ist mir schon seit meiner Jugend sehr wichtig“, sagt Ilka. Als Teenie lebte sie deswegen vegetarisch und engagierte sich gegen Tiertransporte. „Außerdem hatte ich Angst vor Waffen“, erklärt sie. Auf einer Party lernte sie einen Jäger kennen, der ihr anbot, mit auf die Jagd zu kommen. „Eine Gelegenheit, die eigenen Vorurteile gegen Jäger zu bestätigen“, dachte Ilka und sagte zu. Doch es kam anders.

Das Beobachten des Waldes und die „ehrliche Art der Nahrungsbeschaffung“ überzeugten sie. Hat sie ein Tier erlegt, isst Ilka nun wieder Fleisch. „Weil ich weiß, dass das Tier nicht gelitten hat“. Rund sechs Tiere erlegt die Jägerin pro Saison.

Kurz nachdem die zwei Wildschweine im Sauerbusch-Wald verschwunden sind, geht plötzlich ein Schuss durch die Luft, so laut , dass der eigene Körper kurz erzittert. Jäger André hat von einer rund 200 Meter entfernten Kanzel geschossen. Per WhatsApp sind die beiden in Kontakt. „Ein Wildschwein, kommt ihr rüber?“, ploppt es auf dem Display auf. Im Dunkeln stapft Ilka dem Lichtkegel entgegen.

Über 600 Schweine erlegt

In der vergangenen Jagdsaison zwischen April 2017 und März diesen Jahres haben Jäger in Dresden über 600 Wildschweine erlegt. Die Untere Jagdbehörde Dresden teilte mit, dass allein auf ihren Flächen über 100 Wildschweine mehr als in der vorigen Saison geschossen wurden.

André hat präzise gezielt. Die Kugel hat das Schulterblatt des rund 80-Kilo schweren Keilers durchbohrt und das Herz getroffen. „Das Tier war sofort tot“, erklärt sie. Mit einem Messer wird der Bauch geöffnet. Mit viel Kraft und den bloßen Händen müssen die Eingeweide aus dem Wildschwein entnommen werden. André und Ilka begutachten jedes Organ, untersuchen im Licht der Taschenlampen die Farbe und schauen nach einem eventuellem Wurmbefall. Eine Blutprobe wird eingeschickt, die im Labor auf Trichinen untersucht wird. Erst wenn das Tier für gesund erklärt wird, kann das Fleisch vom Jäger oder anderen Verwertern dem Forst abgekauft werden. Doch zunächst muss das Wildschwein ins Auto gehievt werden.

Jagen ist ein teures Hobby. Mehrere Tausend Euro hat Ilka in ihre Waffe und Ausrüstung gesteckt. Dazu kommen die Ausbildungskosten für ihre Hündin Emma, die sie zum Jagdhund geschult hat. „Vor drei Jahren habe ich den Jagdschein erworben“, berichtet sie. In Dresden gehen immer mehr Frauen zur Jagd. Mit 79 Jägerinnen beträgt der Anteil der weiblichen Jäger in der Landeshauptstadt aktuell rund zwölf Prozent, teilte die Untere Jagdbehörde mit. Und der Anteil wird voraussichtlich weiter steigen, schaut man auf den Nachwuchs. Zur diesjährigen Jägerprüfung bei der Stadt Dresden, die am 26. September beginnt, haben sich insgesamt 20 Männer und sieben Frauen angemeldet. „Um Jägerinnen hat sich eine neue Branche entwickelt“, sagt Ilka. Spezielle Gewehre wie ihre „Sauer 101 Artemis“ sind für die in der Regel etwas kleineren Frauen konzipiert, so dass Schaft und Lauf etwas verkürzt sind.

„Jagd ist aktiver Tierschutz“

„Jagd ist aktiver Tier- und Naturschutz“, erklärt Ilka. Das sehen nicht alle so. Zerstochene Autoreifen, wenn ein Auto als Jägerauto erkannt wird oder angesägte Kanzeln finden sich in der Landeshauptstadt und ganz Deutschland. „Im Alltag habe ich selbst noch keine schlechten Erfahrungen gemacht“, sagt sie. Dafür im Netz. In Facebook-Nachrichten wird sie als „Eiskalte Mörderin“ bezeichnet. „Es geht von Beleidigungen bis zu Drohungen, meinen Wohnort ausfindig zu machen“, berichtet Ilka, die als Internetreferentin in der sächsischen Staatskanzlei arbeitet. Deswegen will sie hier nur mit Vornamen genannt werden.

Auch sie schießt nicht jedes Tier. Rot- und Rehwild lässt sie an diesem Augustabend ziehen und fokussiert sich auf Wildschweine. Um eine Überpopulation zu vermeiden, müssen die Jäger vermehrt eingreifen. In der vergangenen Jagdsaison vom 1. April 2017 bis zum 31. März 2018 wurden im Freistaat 36 Prozent mehr Wildschweine geschossen als in der vorherigen Saison.

Dadurch solle auch das Risiko eines Eintrags der Afrikanischen Schweinepest verringert werden, sagt Frank Pfeil, Staatssekretär im sächsischen Umweltministerium. Wildschweine, die sich in Maisfeldern durchfressen, sind für die Jäger schwer vom Hochsitz zu erlegen. Im vergangenem Jahr hat das sächsische Umweltministerium deshalb beschlossen, Bejagungsschneisen in Maisfeldern, Fangjagden und künstliche Lichtquellen bei der Jagd zu genehmigen.

Traurige Momente

Dass Wild im Winter zugefüttert werde, damit die Jäger es im Frühjahr schießen können, sei ein Irrglaube, sagt Ilka. „Zugefüttert werde nur in großen Notzeiten, die amtlich festgesetzt werden müssen“. Ein Problem sei, dass die Dresdner Winter nicht mehr so hart sind wie früher. Dadurch kommen mehr Tiere durch die kalte Jahreszeit. Das führt auch zu erhöhten Wildunfällen auf Dresdens Straßen. Dann haben auch die sogenannten Nachsuchen-Gespanne mehr zu tun. Das sind Jäger, die nachts mit Hunden nach verletzten Tieren suchen. „Nach einem Unfall ein Reh mit gebrochenen Beinen in seinem eigenen Wundbett leiden zu sehen, das sind die traurigen Momente am Jägersein“, sagt Ilka.

Von Tomke Giedigkeit

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