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Die „Fast-überall-vorbei-Linie“

DNN-Sommerserie: Wir bringen Sie auf Linie Die „Fast-überall-vorbei-Linie“

Wer sitzt eigentlich in Dresdens Straßenbahnen und auf welchen Linien kann die Stadt besonders gut erkundet werden? In unserer Sommerserie „Auf Linie“ stellen wir zweimal wöchentlich eine Straßenbahnlinie mit ihren Besonderheiten vor. Heute: Linie 11.

An der Räcknitzhöhe holt die Straßenbahn die Kurve. Von dort ist es noch eine Haltestelle und die Endstation in Zschertnitz ist erreicht.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Ist es Dresdens touristischste Straßenbahnlinie? Die Linie 11 führt zwischen Ullersdorfer Platz und dem Endhalt an der Münzmeisterstraße in Zschertnitz an fast allem vorbei, das in Dresden als sehenswert gilt, ob das nun die Elbschlösser, Pfunds Molkerei, der Albertplatz, die Yenidze, der Zwinger mit einem Seitenblick auf Schloss und Semperoper, die Prager Straße, das Rathaus, das Dynamo-Stadion oder der Zoo ist. Klar, zum Beispiel Goldener Reiter und Kulturkraftwerk Mitte fehlen – aber kann man mehr verlangen? Wir steigen an der Prager Straße in die „Fast-überall-vorbei-Linie“ ein und entscheiden uns zunächst für die weniger prätentiöse Richtung. Nachdem bei der Einfahrt in die Haltestelle über die Gleise huschende Fußgänger weggeklingelt werden mussten, rollt die Straßenbahn in Richtung Zschertnitz ab.

Mit der Linie 11 geht es zwischen Zschertnitz und Bühlau an allerhand Sehenswertem vorbei.

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Es ist heiß in Dresden, weshalb alle Klappfenster geöffnet sind. An den folgenden Haltestellen – Walpurgisstraße und Hauptbahnhof Nord – herrscht große Fluktuation. Wer Rollkoffer dabei hat, verlässt jetzt die Straßenbahn und hastet Richtung Hauptbahnhof. Es steigen fünf fröhliche Araber ein und platzieren sich auf die hintersten Plätze. Sonst sitzt in der mäßig gefüllten Bahn klassisches Sommernachmittagspublikum: einige Ferienkinder, einige Senioren. Es fehlt die mittlere Generation, die am Arbeitsplatz schwitzt. Einige Studenten schlendern am Zelleschen Weg aus der Bahn, deren Strecke dort an der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) vorbeiführt – noch so eine Dresdner Landmarke!

Fünf in der 11

Sie sitzen ganz hinten in der Straßenbahn, plaudern auf Arabisch, häufig durch Lachen unterbrochen. Wie ansprechen? Auf Deutsch? Auf Englisch? „Beides geht, aber deutsch ist besser“, sagt Ahmad Alssien (l.) und grinst. Wie die übrigen vier aus der Gruppe – Yassir Mohamed, Kaled Wael, Abdulrahman Alymuail und Hoger Hasan (v.l.) – lebt er seit etwa zwei Jahren in Deutschland. Kennengelernt haben sich die Fünf im Deutschkurs. Gemeinsam geht’s zum Sport nach Zschertnitz. „Das machen wir so einmal im Monat“, sagt Alssien. Sonst geht es gemeinsam an die Elbe. „Straßenbahn fahren wir häufiger, die ist gut.“

Auf dem Rückweg sieht man aus der Bibliothek kommende Studenten rennen. Und das obwohl die „11“ auch in der Ferienzeit alle zehn Minuten gen Bühlau rollt. Die Bahn füllt sich rasch, ab dem Hauptbahnhof Nord wird es voll und großstädtisch: Viele Kleidungsstile, unterschiedliche Altersschichten, verschiedene Sprachen prallen aufeinander. Dafür bleibt es jedoch sehr ruhig. Verstohlen schlüpft eine Mittvierzigerin aus ihren Schuhen, die sie durch die soeben im neudeutsch Sale genannten Schlussverkauf ergattert hat. Vorher zieht sie noch neue Söckchen über.

Steckbrief

Linienverlauf: Bühlau – Weißer Hirsch (Bergbahn) – Albertplatz – Bahnhof Neustadt – Postplatz (Zwinger) – Hauptbahnhof – Lennéplatz (Zoo) – Zschertnitz

Linienlänge: 15,8 Kilometer

Fahrzeit: 46 Minuten

Haltestellen: 30

Fahrgastzahlen: 38 100 Fahrgäste pro Werktag (2016)

Der ältere Herr ihr gegenüber hat es gar nicht bemerkt. Akribisch faltet er sein Stofftaschentuch und knetet es anschließend mit jedem zurückgelegten Streckenmeter wieder zur Stoffwurst. Die Bewegung seiner schwieligen Hände findet ihre Entsprechung in den flinken Fingerbewegungen der Jugend in der Bahn, die über ihre Smartphone-Displays wischen. Dass man dabei nicht einsam sein muss, zeigen zwei Jungs auf einem Zweiersitz an der Tür. Einer von ihnen vertreibt sich die Fahrzeit mit einem Handy-Spiel, der andere verfolgt’s mit großen Augen und kommentiert unentwegt das Geschehen.

Was sie so verpassen, ist der Blick auf den Zwinger, der allerdings durch rote Stadtführungsbusse verstellt ist. Am Bahnhof Neustadt und am Albertplatz, ein wenig auch an den darauffolgenden Neustadt-Halten, verlassen viele Fahrgäste im Studentenalter die Bahn. Auch ein paar Touristen haben sich unter die Fahrgäste gemischt und erleben die letzten Kilometer als dramatischen Wandel. Vom Trubel der Bautzner Straße in der Äußeren Neustadt geht es zu Dresdens zweitberühmtesten Blick auf die Altstadtsilhouette vom Waldschlößschenpavillon. An der Mordgrundbrücke verschluckt die Dresdner Heide die Bahn, die sich dann an villenartigen Häusern vorbei bis auf den Ullersdorfer Platz hocharbeitet. Dabei verbindet die Linie zwei der beliebtesten Wohngegenden der Stadt, die allerdings von einer sehr unterschiedlichen Klientel geschätzt werden: das Szeneviertel Neustadt und den Weißen Hirsch.

Endstation Ullersdorfer Platz, den erstaunlich viele Fahrgäste mit uns erreichen. Für manche geht es nun noch nach Weißig weiter. Wäre es Wochenende, würden viele von hier den Weg in die Heide einschlagen, im Winter hätten sie Langlaufski dabei. Für uns geht’s ins Tal zurück. Wir fahren nach wenigen Minuten mit der gleichen Straßenbahn zurück. Auf den Blick vom Waldschlößchenpavillon freuen wir uns am meisten.

Von Uwe Hofmann

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