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Lokales Der Schüler Johann Geipel erarbeitet mit einem Rentnerehepaar deren Lebensgeschichte
Dresden Lokales Der Schüler Johann Geipel erarbeitet mit einem Rentnerehepaar deren Lebensgeschichte
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17:27 09.09.2015
Johann Geipel benötigt zum Teil sechs Stunden, um eine Stunde Gespräch für das "Buch meines Lebens" aufzuschreiben. Quelle: Dietrich Flechtner

Er weiß noch nicht, was nach dem Abitur kommt und wie seine Zukunft einmal aussehen wird. Sie blicken zurück auf ihr Leben. Die Jahre, die hinter ihnen liegen, sind zahlreicher als die, die noch kommen werden.

Ein Schulprojekt bringt sie zusammen: Den Schüler Johann Geipel und das Rentnerehepaar Baer. Jung trifft auf Alt und Alt auf Jung. Die Schüler der Montessorischule belegen in der neunten Klasse einen Neigungskurs. Wie der Name schon sagt, sollen sie sich überlegen, welche Aufgabe ihnen liegt, wofür sie sich begeistern können. Für Johann war das nicht zuerst die Biografiearbeit mit den Senioren, sondern eigentlich ein Fitnessprojekt mit einem Kumpel. Das klappte nicht und so musste er sich etwas anderes überlegen. Eine Mitschülerin hatte in ihrem Neigungskurs auch eine Biografie mit einem älteren Menschen geschrieben und Johann fand die Idee spannend. "Ich habe Interesse an Menschen und sozialen Themen und mittlerweile bin ich sehr froh, dass ich mich für dieses Projekt entschieden habe", erzählt er.

Das "Buch meines Lebens", wie die biografischen Porträts genannt werden, ist ein Projekt des Dresdner Vereins Sigus. Die Mitglieder und Helfer fördern soziale Innovationen unter anderem auch für alte Menschen. Die Biografiearbeit hilft den Senioren, sich zu erinnern und ihr Leben Schritt für Schritt zu reflektieren. Die älteren Menschen fühlen sich eingebunden und wertgeschätzt. Peter Müller, der Vereinschef, ist bei den Gesprächen zwischen Johann und dem Ehepaar immer dabei. Oft finden diese Treffen in Alten- und Pflegeheimen statt. Die Baers, wie Johann sie mittlerweile nennt, haben aber noch ihre eigene Wohnung in Gruna und sind sehr mobil. Für die Treffen fahren sie sogar noch in die Vereinsräume.

Aufgeregt war Johann vor dem Kennenlernen nicht: "Die beiden sind ungefähr so alt wie meine Großeltern und mit denen gehe ich ja auch ganz normal um", erklärt er. Außerdem steht in allen seinen Zeugnissen, die an der Montessorischule manchmal bis zu sechs Seiten lang sind, er habe eine offene Art und könnte gut mit Menschen umgehen.

"Die sind noch von der alten Schule", beschreibt Peter Müller das Ehepaar augenzwinkernd. Mittlerweile hat Johann die beiden schon mehrere Male getroffen und die Gespräche gehen langsam in die Endphase. Aller drei Wochen sitzen die vier zusammen, plaudern erst ein bisschen, essen Kekse, bevor die eigentliche Arbeit beginnt. Dann liegen die Diktiergeräte auf dem Tisch und Johann muss vor allem eines tun: zuhören. So hat er erfahren, dass Herr Baer einmal Bauingenieur war, als Student als Reiseführer gejobbt hat und Englisch, Französisch sowie Ungarisch spricht. Außerdem gab es, als er noch ein Junge war, richtige Jugendbanden, die sich gegenseitig das Leben schwer gemacht haben. Im Gedächtnis bleibt ihm, wie er sagt, vor allem eine Geschichte. Da wo jetzt Jugendliche - wie er - im Alaunpark sitzen, war damals nur ein großer Teerplatz mit einem Mosaik, das die Namen der gefallenen Dresdner Soldaten trug, hat er von Herr Baer erfahren.

In einigen Familien ist es üblich, dass dem Testament eine Autobiografie beigelegt wird. So soll vom Leben eine Spur übrig bleiben. Die Lebensgeschichte des Ehepaars Baer wird in einem kleinen Büchlein in A5-Format erscheinen. Auf der ersten Seite wird eine Zeichnung der Porträtierten von einer Dresdner Künstlerin zu sehen sein, die schon öfter für die Lebensbücher gezeichnet hat. Die meiste Arbeit macht für Johannes aber das Aufschreiben der Audiomitschnitte. "Wenn wir eine Stunde Gespräch aufzeichnen, sitze ich an die sechs Stunden am Laptop, um es in Textform zu bringen." Er selbst darf entscheiden, was er als wichtig oder als nebensächlich erachtet, was also in der Biografie landet und was nicht. Noch dazu sind die Baers selber fleißige Schreiber von Geschichten und somit auch die schärfsten Kritiker der Texte, die Johann aus ihrer Perspektive schreibt. Das ist allerdings auch nicht verwunderlich, schließlich geht es ja um ihre eigene Lebensgeschichte, die da geschrieben wird. Um die Spur ihres Lebens, die einmal übrig bleibt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.01.2015

Beate Erler

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