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Lokales Der Friedensbeauftragte der Landeskirche sucht nach Alternativen zum Militär
Dresden Lokales Der Friedensbeauftragte der Landeskirche sucht nach Alternativen zum Militär
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07:01 11.02.2018
Michael Zimmermann, der neue Friedensbeauftragte der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens  Quelle: Foto: Steffen Giersch
Dresden

 Den ersten Soldaten, der gekämpft, womöglich auch getötet hatte, lernte Michael Zimmermann 1988 kennen, auf einer Reise in die Sowjetunion. „Ein Jugendlicher, der in Afghanistan war“, erinnert sich der 59-Jährige. „Schlagartig wurde mir bewusst: Krieg ist etwas ganz Reelles.“ Gegenwärtig sei das Thema hierzulande wieder brennend aktuell. Die Bundesrepublik sei Teil internationaler Verknüpfungen. Es sind nicht nur die von Kriegen betroffenen Flüchtlinge, die Schutz hier suchen, aus Syrien etwa. „Über die einheimische Rüstungsindustrie als Wirtschaftszweig hängt unser Land mit drin. Wir haben das Dilemma auf dem Tisch.“

Angesichts dessen hält er Friedensbildung unter Jugendlichen für eine wesentliche Aufgabe der evangelischen Kirche, im Religionsunterricht zum Beispiel. „Ich sehe gar nicht ein, warum nur Jugendoffiziere in die Schulen gehen. Das mögen nette Menschen sein. Aber sie werben natürlich für die Bundeswehr.“

Amtseinführung am Sonntag in der Frauenkirche

In dieser Hinsicht haben die Verantwortlichen in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens ähnlich gedacht wie Zimmermann. Sie haben den Sozialbetriebswirt, der zuletzt acht Jahre lang die Diakonische Akademie für Fort- und Weiterbildung in Moritzburg als Direktor geleitet hat, zum neuen Beauftragten für Friedens- und Versöhnungsarbeit ernannt. Am Sonntag, 18 Uhr, will ihn Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz, der zuständige Dezernent, während eines Gottesdienstes in der Frauenkirche ins Amt einführen.

Mehr als ein Jahr blieb die Stelle unbesetzt. Im September 2016 war Johannes Neudeck als Friedensreferent in die württembergische Landeskirche gewechselt. Zimmermanns Vater, im damaligen Karl-Marx-Stadt Pfarrer, war als Theologiestudent Soldat im Zweiten Weltkrieg, in Norwegen. Auch wenn er wenig erzählt habe, eins habe er seinen Kindern deutlich gemacht: „Die Perspektive des Krieges war keine Perspektive für ihn.“ Nach zehn Klassen Schule lernte Zimmermann zunächst Fahrzeugschlosser und arbeitete im Volkseigenen Betrieb (VEB) Handelstransport Karl-Marx-Stadt. Mitglied in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) war er nicht, lehnte die Jugendweihe ab, engagierte sich dafür in der Jungen Gemeinde. „Das hat mich in Glaubensfragen geprägt.“

Friedensbeauftragter und Initiativen

Aufgaben: friedenstheologische und friedensethische Themen zur Diskussion stellen; Meinungsbildung in der Landeskirche dazu unterstützen; Zusammenarbeit mit Kirchenbezirken, Kirchgemeinden, Netzwerken, politischen und gesellschaftlichen Akteuren

Ökumenisches Informationszentrum (ÖIZ): 1990 nach der Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (1988/89) entstanden; Stelle der Friedensreferentin wird im April neu besetzt; Weiterbildung und Trainings zu gewaltfreier Konfliktlösung

Frauenkirche Dresden: Pfarrer und Mitarbeiter wirken für Versöhnung und Frieden; Andachten, Gottesdienste, Vorträge zum Thema Frieden; internationale Peace Academy (Friedens-Akademie) für Jugendliche vom 18. bis 21. Mai (Pfingsten)

Nagelkreuzzentren: Diakonissenhauskirche, Kreuzkirche, Frauenkirche, Maria am Wasser in Dresden; St. Nikolai in Leipzig; bekamen Kreuz, gefügt aus Zimmermannsnägeln der 1940 von der deutschen Luftwaffe zerstörten Kathedrale in Coventry

Friedensgebete: seit Anfang der 1980er Jahre in mehreren Kirchen; am bekanntesten die am Montag, 17 Uhr, in der Dresdner Kreuzkirche und in der Leipziger Nikolaikirche

Christliches Friedensseminar: seit 1973 in der Jacobikirche in Königswalde bei Zwickau; jeweils im Frühjahr und im Herbst Vortrag, Diskussion, Ausstellung

So tief, dass er kirchliche Jugendarbeit zum Beruf machte. Er ging nach Moritzburg, um sich dort zum Gemeindediakon ausbilden zu lassen. „Dort habe ich mein theologisches Denken ausgeprägt und ganz praktisches Handwerkszeug bekommen, Wissen über Persönlichkeitsentwicklung zum Beispiel.“

Anfang der 1980er Jahre, er war Diakon in der Dresdner Erlöser-Andreas-Gemeinde, meldete sich das Wehrkreiskommando. „Den Dienst mit der Waffe konnte ich mir nicht vorstellen“, erzählt Zimmermann. Er ging zu den Bausoldaten. Dass die Armee heute Teil eines demokratischen Staates ist und im Auftrag eines Parlaments handelt – diese gänzlich veränderten Rahmenbedingungen sind ihm bewusst. Aber seine Erfahrung ist grundsätzlicher Natur: „Die Armee, egal welche, mit ihrer Kommandostruktur ist keine Einrichtung, die Menschsein und Persönlichkeit fördert.“

Es gibt keine einfachen Antworten

Im Stadtjugendpfarramt in Dresden, wo er wenig später als Jugendwart arbeitete, hatten sie ständig mit jungen Männern zu tun, welche die Wehrpflicht zwang, sich zwischen Waffendienst, Bausoldat oder Totalverweigerung zu entscheiden. Heute ist mit der Wehrpflicht der allgemeine Druck verschwunden. „Das hat das Thema Krieg und Frieden aus der Mitte der Gesellschaft an den Rand geschoben.“

Als Friedensbeauftragter will er eine Plattform für die Diskussion friedenstheologischer Fragen schaffen. „Was bedeutet es für uns als Christen, wenn wir konsequent vom Konzept des gerechten Friedens her denken?“ Er will mit Initiativen in der Landeskirche zusammenarbeiten, die konsequent Friedensethik vertreten, beteiligt sich an der Organisation der internationalen Peace Academy (Friedens-Akademie) zu Pfingsten in der Frauenkirche.

Dass es keine einfachen Antworten gibt, ist ihm bewusst. Man nehme nur Afghanistan: „Eine militärische Lösung sehe ich nicht. Aber die Afghanen bitten die Truppen, dort zu bleiben.“ Zivile Konfliktlösungsmethoden als Alternativen würde er gern ins Gespräch bringen. Deutsche Rüstungsexporte möchte er kritisch in Frage stellen.

Dass gleichzeitig Pfarrer der Landeskirche als Militärseelsorger in den Kasernen arbeiten, betrachtet er nicht als unüberwindlichen Gegensatz. Als beträchtlichen Unterschied schon. Dass jeder Christ, auch als Soldat, Anspruch auf geistliche Betreuung hat, erkennt er an. Wer da Betreuer sein müsse, lässt er bewusst offen. „Das sind Spannungen. Die auszuhalten – auch das ist eine meiner Aufgaben.“

Von Tomas Gärtner

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