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Lokales Der Dresdner Musiker Ansa bricht nach Wien auf
Dresden Lokales Der Dresdner Musiker Ansa bricht nach Wien auf
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10:01 23.11.2015
Ur-Dresdner mit Heimatkomplex: André Sauermann alias Ansa. Quelle: PR/Sandi Wermes
Dresden

Als Bewohner Dresdens gibt es verschiedene Möglichkeiten, seinem Protest gegen die islamkritische Bewegung Pegida Ausdruck zu verleihen. Man kann zu den montäglichen Gegen-Demonstrationen gehen. Man kann die Stadt mit "FCK PDGA"-Stickern verschönern. Oder aber man schreibt einen Song. Genau so hat es der Musiker Ansa gemacht - musikalischer Protest. Wir treffen den groß gewachsenen Mann an einem Montag auf der Herz-statt-Hetze-Kundgebung auf dem Postplatz. Er ist seit Jahren eine feste Instanz der Dresdner Musikerszene. Aber wie sich seine Stadt in den letzten Monaten verändert hat, gefällt ihm nicht.

Der Mann mit den langen, aschblonden Haaren, die er in einem unordentlichen Zopf versucht hat zu bändigen, sticht heraus aus der Menge von mit bunten Schildern bewaffneten Alten, Jungen und Jüngsten auf dem Platz vor dem Dresdner Schauspielhaus. Immer wieder schiebt sich der 26-Jährige mit typischer Geste die losgelösten Haarsträhnen aus dem jungenhaften Gesicht und zurück hinters Ohr. An der Außenfassade des Dresdner Schauspielhauses flattert auch an diesem Abend ein Banner im Herbstwind: "Refugees are welcome here".

Die Kulisse ist dieselbe wie in den vergangenen zwölf Monaten: Auf der einen Seite die Ewiggestrigen, Besorgten und Rassisten von Pegida, deren vermeintlich farbenfrohe schwarz-rot-goldene Verhüllung die Zweifel an einem bunten Dresden nur wachsen lassen. Ihnen unversöhnlich gegenüber steht das andere Gesicht Dresdens. "Say it loud, say it clear, refugees are welcome here!", hallt es aus hunderten Kehlen über den Platz in der Innenstadt in Richtung der Pegida-Kundgebung auf dem Theaterplatz. Wie oft Ansa diese Parole in den letzten Wochen mitgebrüllt hat, wie oft er gegen die Pegida-Masse angerannt ist, wie oft er etwas Farbe auf die Straße bringen wollte, das weiß er selbst nicht mehr. "Es ist traurig", sagt André Sauermann, sein eigentlicher Name. André ist Ur-Dresdner. Seit Pegida vor über einem Jahr startete, erkennt er seine Stadt nicht wieder.

"Der Vorhang ist gefallen. Dresden ist weder bunt noch weltoffen - dieser Illusion wurden wir alle schmerzlich beraubt", sagt er. Fast trotzig sieht es aus, wie er da in der dunklen Kälte steht und mit seinen behandschuhten Fingern an einer selbst gedrehten Zigarette zieht. Es blitzt eine Mischung aus Verletztheit und Wut in seinen Augen, wie er da so spricht. Diese Gefühle reflektiert auch der Text seines jüngsten Songs. In "Tal der Ahnungslosen" setzt sich Ansa mit den Entwicklungen des letzten Jahres auseinander und mit der Scham, die er inzwischen für seine eigentlich so geliebte Heimatstadt empfindet.

"Letztlich ist das Lied der Erklärungsnot geschuldet, in der ich mich befunden habe, wenn bei Konzerten die Frage aufkam, wo ich zu Hause bin. Es war mir irgendwann unangenehm zuzugeben, dass ich aus Dresden komme." Das Lied soll eine Gegenstimme sein, zeigen, dass nicht alle Bewohner der "verirrten Stadt mit zwei Gesichtern", wie Ansa sie nennt, so sind, wie Pegida es beschreibt. Ist das Lied auch ein Aufruf zum Protest? "Auf jeden Fall", sagt der musikalische Autodidakt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ansa mit seiner Heimatstadt ringt. Man könnte auch von einem Dresden-Komplex sprechen: "Ich habe manchmal das Gefühl, dass das Publikum hier besonders kritisch ist. In dieser Hinsicht ist Dresden echt ein hartes Pflaster", sagt der Musiker mit einem Augenzwinkern, von dem man nicht genau weiß, wie unernst es tatsächlich gemeint ist. Mittlerweile sind wir im Hotel Debotel in der Neustadt angekommen, eine Stammkneipe des Sängers. Ansa erzählt jetzt, dass er seine musikalische Karriere zunächst gegen den Willen seines Vaters am Schlagzeug begann. Während er immer wieder Schlucke aus seiner dunkelgrünen Flasche friesisch-herben Bieres nimmt, berichtet Ansa über die durchaus klischeebeladene Entstehungsgeschichte seiner jetzigen Band, die aus ihm als Sänger und musikalischem Kopf sowie Gitarristen Adi, Bassisten Voyé und Drummer Lukas besteht: Mehrere missglückte Studienversuche, die alle ohne Abschluss endeten - parallel dazu immer irgendein Musikprojekt am Laufen sowie ein Job am Bartresen, der ihn letztlich mit seinem ersten Musikproduzenten zusammenführte und aus dem Solomusiker Ansa vor drei Jahren eine komplette Band werden ließ.

Im Sommer 2014 feierten sie dann mit der ersten EP "Foto" das erste echte Release. Auf der Platte, aber auch in vielen anderen Stücken ist die Liebe eines der Hauptthemen. Nicht in Stillstand zu verharren, ist das zweite Thema der Band. Der Blick zurück wird dabei jedoch immer zugelassen. Eingebettet sind die deutschen Wortbauten in ein Klangbett, das Ansa selbst als bluesschwanger, rocklastig und popgetrieben bezeichnet. Dass Ansas musikalische Helden Bob Dylan oder Rio Reiser sind, hört man deutlich heraus.

Wie fast jeder Musiker, hofft auch Ansa auf den großen Durchbruch. Erfolg ist ihm wichtig, daraus macht er keinen Hehl. "Mein Traum ist es, dass ich davon irgendwann meine Miete bezahlen kann. Ich hatte nie einen Plan B, das wäre Hochverrat an Plan A." Da ist er wieder, der Trotz. Vielleicht ist er es, wegen dem ihm die erhoffte Unterstützung seiner Heimatstadt bisher verwehrt geblieben ist.

Aber er hat sich vorerst ausgezahlt: Mit Sony Music hat Ansa vor ein paar Wochen einen Künstlerexklusivvertrag über mindestens ein Album ausgehandelt. Bereits vergangene Woche haben die Aufnahmen in Wien begonnen, für die Ansa auch in die österreichische Hauptstadt gezogen ist. Produziert wird die Platte von Paul Gallister, der schon mit Größen wie den österreichischen Senkrechtstartern Wanda zusammengearbeitet hat. Der Zeitplan ist knackig, denn schon im März soll das Album, das bisher noch keinen Titel hat, erscheinen - für Januar ist eine erste Single-Auskopplung inklusive Video geplant.

Die Miete wird Ansa mit seiner Musik vorerst bezahlen können, diesen Traum hat er sich erfüllt. Seinem Zuhause Dresden hat er zu diesem Zweck fürs Erste den Rücken gekehrt. Aber vielleicht tut ja beiden der Abstand voneinander ganz gut.

www.ansa.introductionmotormusic.de

Miriam Harner

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