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Lokales Der Dresdner Martin Jäckel half im Irak beim Schulbau
Dresden Lokales Der Dresdner Martin Jäckel half im Irak beim Schulbau
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09:49 10.09.2017
Mit zwei weiteren Helfern der Grünhelme (vorne, links und 4. von rechts) war Jäckel (hinten, 3. von links) beim Schulbauprojekt im Shingal-Gebirge tätig.   Quelle: privat
Dresden

 Körperliche Arbeit bei bis zu 50 Grad, ohne fließendes Wasser und mit spärlicher Stromversorgung, in einem politisch instabilen Gebiet, wo selbst Bombenangriffe nicht unüblich sind. Was für die meisten Menschen nicht sehr verlockend klingen mag, war für Martin Jäckel aus Dresden Ehrensache. Er arbeitete drei Monate lang freiwillig für die Hilfsorganisation Grünhelme im Nordirak, wo er beim Bau einer Schule im kürzlich befreiten Shingal-Gebirge half. „Es waren körperlich und psychisch sehr anstrengende Wochen“, resümiert der gelernte Tischler, der erst am 31. August wieder in Deutschland gelandet ist. „Aber gleichzeitig war es auch ein echtes Abenteuer und eine wertvolle Erfahrung.“ Die Grünhelme gingen in die Regionen, die von den meisten „großen“ Hilfsorganisationen nicht frequentiert würden, weil sie politisch zu instabil oder schwer zugänglich seien. Gebaut werden von ihnen hauptsächlich Schulen und Krankenhäuser.

Pause muss sein: Beim traditionellen Tee zur Mittagszeit unterhält sich der Dresdner Martin Jäckel mit dem Dolmetscher. Quelle: privat

„Die Ideologie ist, mit den Leuten vor Ort auf Augenhöhe zu arbeiten“, berichtet Jäckel. „Organisieren muss man sich selbst, zum Beispiel Material besorgen oder die Kasse machen.“ Die Arbeitsbedingungen unterscheiden sich dabei erheblich von denen in Deutschland. „Es gab viel weniger Maschinen, was auch an der unregelmäßigen Stromversorgung lag. Beton haben wir mit der Schippe und Wasser aus dem Brunnen angerührt. Und wenn wir doch einmal Strom brauchten, musste gleich der Generator angeschmissen werden.“

An der Errichtung der Schule für rund 200 Kinder in dem jesidischen Dorf Gerge Hasare haben circa 20 Bauarbeiter mitgewirkt, davon drei Grünhelme. „Zu meinen Aufgaben gehörte auch, den Kollegen den Umgang mit verschiedenen Geräten wie beispielsweise der Stichsäge beizubringen.“ Gleichzeitig gab einen das Leben und Arbeiten mit den Leuten Gelegenheit zur Selbstreflektion. Auch das Klischee der deutschen Genauigkeit wurde einem hier vor Augen geführt, wie Jäckel schmunzelnd bemerkt. „Das ist wirklich so, aber ich habe gesehen, dass es auch anders geht. Ein Nivelliergerät zum Beispiel, mit dem wir auf dem Bau Höhenunterschiede festlegen und waagerecht Flächen herstellen, haben die dort noch nie gesehen.“

Neben den Bauarbeiten an sich gehört zum Aufgabenbereich der Grünhelme auch, die Bauarbeiter vor Ort mit der Arbeit an verschiedenen Geräten vertraut zu machen, in diesem Fall mit Kreis- und Stichsäge. Quelle: privat

Grünhelme verpflichten sich, für drei Monate an einem Projekt teilzunehmen. Eine Verlängerung auf sechs oder neun Monate ist auch möglich. Flug- und Fahrtkosten werden übernommen, eine Unterkunft gestellt, dazu gibt es ein monatliches Taschengeld von umgerechnet 100 Dollar. Finanziert wird der Verein durch Spenden und Zuwendungen von Stiftungen. Zurzeit ist die Organisation außerdem noch im Senegal, in Syrien, Nepal sowie in griechischen Flüchtlingscamps tätig. „Gefährlich“, meint Jäckel, „ist es mehr oder weniger überall, sonst wären die Grünhelme ja nicht da.“ Eine Arbeit in Afrika fände er als nächstes jedoch reizvoll.

Der Dresdner ist zum zweiten Mal nach 2014 bei einem Grünhelm-Projekt dabei gewesen. Damals war er ebenfalls im Shingal-Gebirge, das zu der Zeit noch vom Islamischen Staat (IS) besetzt war, und baute sanitäre Anlagen in Flüchtlingseinrichtungen. Mittlerweile ist der IS weitestgehend vertrieben, die Region befindet sich aber sowohl im Einflussgebiet der kurdischen Streitkräfte Peschmerga, als auch der Untergrundorganisation PKK, zwischen denen es immer wieder Konflikte gibt. „In circa zehn Kilometer Entfernung gab es einen Bombenangriff, aber wer dort wen attackiert hat, haben wir nie genau erfahren“, berichtet Jäckel. Derartige Ungewissheit mache einem schon zu schaffen. „Wenn man am Horizont Lichtblitze sieht oder Kampfjets hört, ist das ein sehr unangenehmes Gefühl.“ Auch bekäme man immer mal wieder von Familienstreitigkeiten zwischen Jesiden und Muslimen mit, die in Ehrenmorden enden. „Die Menschen sind dort sehr emotional und geladen. Es macht einen schon selbst betroffen, wenn man mit diesem Leuten über Monate zusammen lebt.“

Die Gastfreundschaft gegenüber den Hilfskräften habe Jäckel jedoch als phänomenal empfunden. „Manchmal wurden wir von den ansässigen Familien zum Essen eingeladen, mit den Kollegen gab es dann und wann auch mal ein Feierabendbier.“ Aber obwohl die offizielle Arbeitszeit gegen drei Uhr nachmittags vorbei war, war an Feierabend meist noch nicht zu denken. „Danach habe ich manchmal noch etwas in Ruhe weiter gearbeitet. Wenn es ganz genau werden musste, habe ich die Sache gern selbst in die Hand genommen.“ Selbst dann mussten aber noch Arbeitspläne für den nächsten Tag erstellt oder Buch geführt werden. Auch der einzig freie Tag in der Woche ging meist für Besorgungen, Wäsche waschen oder Behördengänge drauf. Die größte Einschränkung sah Jäckel jedoch in der Wasserversorgung. „Einfach den Hahn aufdrehen und genügend, auch noch trinkbares, Wasser zu haben und nicht zum Brunnen laufen zu müssen, das habe ich vermisst.“

Von Gerrit Menk

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