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Lokales Der Dresdner Hip-Hopper Said sur la Place lebt für Musik und Schallplatten
Dresden Lokales Der Dresdner Hip-Hopper Said sur la Place lebt für Musik und Schallplatten
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10:06 23.11.2015
Ein Faible für Vinyl und Beats: Hip-Hopper Said sur la Place. "Hechtford Stuyvesant" heißt das neue Album, das er gemeinsam mit dem Dresdner Al aufnahm. Quelle: Johann Voigt
Dresden

In Ludwig Coburgers Neustädter WG-Zimmer türmen sich Schalplatten. Neben dem veralteten Computerbildschirm stehen ein Keyboard und eine analoge Drum-Machine, die heute nicht mehr hergestellt wird. In Ludwigs Zimmer, das gleichzeitig die kreative Basis seines Alter Egos Said Sur La Place darstellt, ist die Musik auch dann spürbar, wenn Stille herrscht. Momentan lebt Said von und vor allem für die Musik, seiner Leidenschaft.

Es ist früher Abend und Said, 25 Jahre, Brille und jungenhaftes Gesicht, wirkt gehetzt. Gerade kommt er von seiner Arbeitsstelle in einem Büro, in dem er zurzeit vor allem deswegen malocht, um sich neues Equipment für bessere Produktionen leisten zu können. Eigentlich finanziert er sich über Musik, über Platten, über organisierte Veranstaltungen und DJ-Sets. Während wir uns unterhalten, packt er schwarzes Vinyl zusammen. Später an diesem Abend wird er in der Bar Bon Voyage auflegen. Das Sammelsurium ist durchmischt. "Ich höre vieles: Jazz, Soul, Afro-Beat, Hip-Hop. Musik ist für mich alles, daraus habe ich alles gezogen und ich kann mir nichts daneben vorstellen", sagt er. Der Sound, der in seiner Höhle entsteht, lässt sich am ehesten mit Instrumental Hip-Hop beschreiben. Staubige Drums dümpeln unter den wiederbelebten Melodie-Schnipseln längst vergessener Stücke herum. Samplen nennt man das - die Neuverwertung und Zusammensetzung einzelner Klangfetzen. Nebenbei spielt Said Trompete, manchmal schreibt er Raptexte.

Gerade ist zusammen mit seinem Freund Al, der auch in der Dresdner Punkband Dufferpit spielt, das Rapalbum "Hechtford Stuyvesant" unter dem Namen Hecht Stuy entstanden. Kennengelernt haben sich die beiden auf einer Hochzeit. Jetzt versuchen sie, ihre gegensätzlichen Vorstellungen von Musik unter einen Hut zu bringen. Leicht ist das nicht, denn beide sind Perfektionisten. Said zum Beispiel veröffentlicht nach eigener Aussage nur zwei Prozent seiner Musik. Der Rest wird gelöscht, denn diese Tracks haben "den Zahn der Zeit nicht überlebt".

Philosophisch klingen die Denker-Texte der beiden und schweifen immer wieder ins Abstrakte ab. An Gedichte erinnernde Erzählungen, die man mehrmals hören muss, um folgen zu können. Said weiß das. "Ich kann Sachen schwer aus meinem Kopf heraustragen und sehe Rap als Chance, um verstanden zu werden und mit der Außenwelt besser klarzukommen." Außerdem, sagt er, habe Musik ihm schon immer dabei geholfen, die Welt zu entdecken. Mittlerweile passiert das auch durch Auftritte in ganz Deutschland. In diesem Jahr kamen die ersten Auslands-Gigs dazu. Vor allem aber entdeckt er die Welt durch seine Tätigkeit als Veranstalter in Dresden. Denn so kommen andere Kulturen zu ihm "nach Hause".

Seit fünf Jahren bucht Said Künstler und organisiert Partys. Gerade läuft im Club Ostpol regelmäßig seine "The Wreck Shop"-Reihe für Beatmaker. Außerdem holt er Gäste aus allen Ecken der Welt in die Scheune oder die Groove Station. Große Namen sind das selten. Eher Avantgarde Hip-Hop- und Funk-Acts, die Nerd-Herzen höher schlagen lassen. Bei seiner Tätigkeit als Veranstalter gibt es seit einem Jahr aber ein Problem: der schlechte Ruf von Dresden durch die islamkritische Bewegung Pegida. "Viele Künstler wollen aufgrund ihrer Hautfarbe nicht nach Dresden kommen", erzählt Said. "Sie fühlen sich einfach nicht sicher." Leute aus Chicago und Washington wären das zum Beispiel gewesen. Fünf Künstler hätten in diesem Jahr schon abgesagt, weil sie keinen Ärger mit gewalttätigen Rechten wollten, meint er ratlos. "Die Leute, die hier waren, haben sich aber zum Glück immer wohlgefühlt."

Auch Said fühlt sich mittlerweile wohl in Dresden. Nach Episoden in Berlin und Chemnitz ist es die Stadt, die ihn bisher am längsten in ihren Bann zog. "Es gibt hier so viel kreatives Potenzial", sagt er. "Nur leider wird das nicht immer ausgeschöpft." Said hofft, dass sich alle Aktiven verbünden, um Veranstaltungen zu schaffen, die eine Zukunft haben. Momentan konsumieren die Leute zu oft nur, anstatt selber Teil von etwas zu werden. "Das treibt die Subkultur nicht voran. Ich wünsche mir mehr aktive Leute und Konzepte, das Dave Festival war zum Beispiel ein guter Anfang", so der Musiker.

Ihm selbst kann man mangelnde Arbeitsbereitschaft nicht vorwerfen. Vier Platten kamen in den letzten drei Jahren und die nächsten sind in Arbeit. Doch warum überhaupt das Medium Schallplatte? "Für mich bedeutet Platte alles. Das ist meins. Es war nie was anderes und es wird nie was anderes sein", sagt Said. Jetzt muss er los, noch kurz zu einem Freund - Schallplatten abholen.

www.facebook.com/HechtStuy

Johann Voigt

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