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Lokales Der Brückensturz von Dresden: Als Sachsens Kriegsminister gelyncht wurde
Dresden Lokales Der Brückensturz von Dresden: Als Sachsens Kriegsminister gelyncht wurde
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17:00 09.09.2017
Die historische Aufnahme zeigt in Dresden jene Stelle, an der Kriegsminister Gustav Neuring am 12. April 1919 von der Augustusbrücke in die Elbe gestoßen wurde (ein Kreuz). Im Hintergrund das damalige Kriegsministerium (zwei Kreuze). Quelle: Dresdner Salonblatt
Dresden

Gustav Neuring wird getreten, gestoßen, Fäuste hageln auf den Körper des hageren Mannes. Ein entfesselter Mob treibt den sächsischen Kriegsminister am 12. April 1919 vor sich her, vom Blockhaus am Neustädter Ufer in Dresden, seinem Amtssitz, auf die nur wenige Schritte entfernte Augustusbrücke, die als schönste Brücke Europas gilt. Dutzende Hände drücken den Minister zunächst an die Balustrade, zerren ihn schließlich hinauf. Neurings Hände klammern sich in den Sandstein – vergebens. Der gerade einmal 39-Jährige stürzt unter dem Jubel von 500 bis 600 Schaulustigen in die Elbe, schwimmt verletzt um sein Leben, versucht, sich ans Ufer zu retten. Doch von der Brücke wird auf ihn geschossen. Als Neuring zum Luftholen nur für Sekunden auftaucht, trifft ihn eine der Kugeln im Kopf. Erst vier Wochen später wird sein Leichnam am rund 20 Kilometer entfernten Kötitzer Fährhaus angespült.

Historischer wie spannender Stoff

Kriegsminister Gustav Neuring, der mit nur 39 Jahren am 12. April 1919 in Dresden ermordet wurde. Quelle: Dresdner Salonblatt

Der feige Mord ist der vorläufige Höhepunkt der Auseinandersetzungen nach dem Ersten Weltkrieg in Sachsen und mitentscheidend für den weiteren Verlauf der Geschichte. Henner Kotte, in Leipzig lebender Schriftsteller mit ausgeprägten Dresdner Wurzeln, hat sich jetzt des Themas angenommen – „weil der Fall in der Öffentlichkeit heute kaum noch bekannt ist und es darüber so gut wie nichts Gedrucktes gibt“. Kottes Metier ist eigentlich der Kriminalroman, daneben hat der 54-Jährige auch schon etliche Bände mit authentischen Kriminalfällen aus Sachsen vorgelegt. Seine tödlichen Abstecher führten ihn unter anderem ins Erzgebirge („Blutiges Erz“, „Russentod in Frauenstein“), in die Sächsische Schweiz („Blutige Felsen“), nach Leipzig („Die vermauerte Frau“) und Dresden („Bonnie & Clyde vom Sachsenplatz“).

Nun also abermals Dresden. Allerdings in Form einer Tatsachendokumentation, als Textcollage unter dem Titel „Ministermord unter der Augustusbrücke“, die sich so spannend wie ein Politthriller liest. „Der Fall Neuring hat einfach alles und ist außerdem geeignet, den Bogen in die Gegenwart zu spannen“, erklärt Kotte den gleichermaßen historischen wie spannenden Stoff. Tatsächlich beschränkt sich der Autor nicht allein auf das Nacherzählen von Polizei- und Gerichtsprotokollen, die immerhin fünf armdicke Aktenordner füllen, sondern bettet Neurings Fall in die deutsche und sächsische Nachkriegsgeschichte ein. Dazu zählen auch die Morde an Kurt Eisner, dem bayerischen Ministerpräsidenten, und an den linken Vordenkern Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Während Philipp Scheidemann in Berlin regiert und im gesamten Deutschen Reich Dutzende Aufstände lodern, versucht in Sachsen Georg Gradnauer von den Mehrheitssozialisten als neuer Ministerpräsident, die Unruhen zu zügeln. Im März 1919 ist gewählt worden und eben jene MSPD (Mehrheitssozialdemokra- tische Partei Deutschlands) gewinnt überraschend 42 der 96 Sitze. Da die Partei allerdings nach der Spaltung mit der USPD (Unabhängige Sozialdemokra- tische Partei Deutschlands) zerstritten ist, gibt es keinen gemeinsamen Weg. Auch andere verweigern sich. Erst viel später gibt es eine Einigung mit den Liberalen.

„Wenn man sich die Auseinandersetzungen anschaut, fühlt man sich an heute erinnert. Protestierende Menschen, die letztlich sogar die Dresdner Volkszeitung stürmen. Dazu Parteien, die es gemeinsam hätten schaffen können, aber nicht miteinander konnten und wollten“, sagt Kotte, ehemals MDR-Literaturpreisträger, der neben Neurings Brückensturz auch jene explosive Lage im Sachsenland des Frühjahrs und Sommers 1919 detailreich aufleben lässt.
Gradnauer muss schließlich eine Minderheitsregierung bilden und versuchen, den neuen Freistaat nach dem Sturz der Monarchie zu etablieren und zu sichern. Zur Finanzierung wird unter anderem eine sogenannte Volksaktie, eine vierprozentige Staatsanleihe, ausgegeben. Daneben werden auch Teile des Tafelsilbers wie etwa die Sächsische Staatseisenbahn zu Geld gemacht. Doch alle Versuche bringen nichts. Auslöser der Dresdner Unruhen, die letztlich zum Ministermord führen, ist ein Diktat aus Berlin: Sachsen soll die umstrittene Anweisung umsetzen, den Sold für Kriegsversehrte und ehemalige Soldaten zu kürzen.

„Ministermord unter der Augustusbrücke. Der Tod von Gustav Neuring in Dresden“ von Henner Kotte, Verlag Bild und Heimat, 239 Seiten, 12,99 Euro. Quelle: Repro

Daraufhin versammeln sich Tausende Aufgebrachte auf dem Theaterplatz, zwischen Semperoper, Schloss und Elbe. Kriegsversehrte organisieren sich im April 1919 spontan zu einer neuen Dresdner Regionalgruppe. Wenig später marschieren Hunderte auf das Kriegsministerium – das zu DDR-Zeiten das Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft werden wird – und postieren gegenüber, am Goldenen Reiter, Maschinengewehre. Das Ende ist: Neuring, der immerhin bis Anfang 1919 der Leiter des sächsischen Fabrikarbeiterverbandes war und eigentlich mit den Soldaten sprechen will, wird – auch unter den Augen von zwei Kabinettskollegen, die eilig flüchten, ohne Hilfe zu organisieren – auf die Augustusbrücke gebracht und in die Elbe gestoßen. Die sächsische Regierung ruft kurz darauf den Belagerungszustand aus. Bei Straßenschlachten sterben weitere Menschen, es gibt Dutzende Verletzte.

Eher geringfügige Urteile

Von 70 Verhafteten, die nach der Neuring-Ermordung namentlich ermittelt werden, stehen am Ende elf als Angeklagte vor Gericht. Viele Verdächtige werden aussortiert, da sie als Spitzel aufständische Arbeiter und rebellierende Soldaten ausspioniert haben sollen. Letztlich kommt es nur zu sechs Verurteilungen – allerdings nicht wegen Mordens, sondern aufgrund von „Raufhandelns“, was ursprünglich als Umschreibung für eine Wirtshausschlägerei galt. Die eher geringfügigen Urteile reichen von anderthalb Jahren bis drei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren „Ehrverlust“.

Gustav Neurings Grab befindet sich auf dem Städtischen Friedhof und Urnenhain im Dresdner Stadtteil Tolkewitz.

Von Andreas Debski

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