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Lokales „Der Blackout ist unwahrscheinlich“
Dresden Lokales „Der Blackout ist unwahrscheinlich“
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08:38 07.10.2017
Keine Angst vor einem Blackout. Flauten lassen sich mit Gaskraftwerken abfedern, meint Gerd Lippold.  Quelle: dpa
Dresden

 Die Katastrophenschützer der Landeshauptstadt Dresden sollten sich auf wahrscheinliche Notfallszenarien vorbereiten. „Ein flächendeckender Stromausfall gehört seit jeher zu diesen Szenarien dazu. Doch er wird durch die Energiewende nicht wahrscheinlicher“, meint Gerd Lippold, studierter Physiker und Landtagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen. „Wir sollen sehenden Auges in Blackouts hineinlaufen? So verantwortungslos geht niemand an die Energieversorgung der viertgrößten Wirtschaftskraft der Welt heran.“

Lippold bezieht sich auf die Thesen des Dresdner Physikers Professor Sigismund Kobe, der vor einer einseitigen Schwerpunktsetzung auf Solarenergie und Windkraft warnte, weil diese volatil, also vom Wetter abhängig seien (DNN berichteten). „Ohne fossile Energieträger geht es noch nicht“, erklärte Kobe – eine Schlussfolgerung, die Lippold nicht stehenlassen will. „Es muss und wird ohne Kohle gehen“, postuliert der Wissenschaftler im politischen Amt. „Die Erkenntnis, dass nachts kein Solarstrom produziert wird oder dass es Flauten gibt, ist nicht neu. Es gibt Antworten darauf.“

Antworten, die der Interessent auch in Dresden besichtigen könne. Bei der Stadtentwässerung etwa, die in den „Rieseneiern“ an der Autobahn Faulgas erzeuge und mit dem Abfackeln einen hohen Prozentsatz ihres Energiebedarfs decke. Oder bei den Dresdner Stadtwerken in Reick, die einen riesigen Fernwärmespeicher errichten lassen. Lippold kann sich gut vorstellen, dass die Stadt angesichts der Dichte von Lehr- und Forschungseinrichtungen der geeignete Standort für ein Kompetenzzentrum wäre, das Systemdienstleistungen im Zuge der Energiewende anbietet.

Die Frage, wie die sogenannte „kalte Dunkelflaute“, sprich kühle Wintertage mit bedecktem Himmel und Windstille, überbrückt werden können, ist für Lippold vor allem eine politische. Wenn Windräder und Solardächer nichts produzieren, aber die Heizungen auf Hochtouren laufen, seien Gaskraftwerke gefragt. Diese könnten schnell und flexibel ans Netz gehen. Gas lasse sich außerdem speichern, egal ob Biogas, Faulgas oder Erdgas.

Kobe hatte eine Zwangskopplung von Windkraftanlagen und Gaskraftwerken gefordert, Lippold sieht das ähnlich. Nur das Wort „Zwang“ kommt ihm nicht über die Lippen. Er verwendet lieber den Begriff „Anreize“. Die Bundesregierung müsse Anreize schaffen für die Errichtung von Gaswerken, die nicht rund um die Uhr laufen würden, sondern nur bei Engpässen ans Netz gehen müssten. Kein lukratives Geschäftsmodell, solange es keine – richtig – Anreize gebe. „Wir brauchen sehr viele thermische Kraftwerke in einem System mit einem Anteil von 70 Prozent erneuerbarer Energien“, meint Lippold. Investitionen in Gaskraftwerke seien gesamtwirtschaftlich die günstigste Variante. Der Politikphysiker verweist auf eine Studie von Energy Brainpool, die genau zu dieser Schlussfolgerung komme.

Und was ist mit dem Strom, der im Sommer in der Mittagshitze von den Solardächern produziert, aber nicht benötigt wird? In diesem Fall müssten die regionalen Energieversorger die „Tauchsieder“ anwerfen und mit dem Strom Wärme erzeugen, die gespeichert werden könne. Das löse das Problem der Spitzen und könne Stabilität ins Netz bringen, meint der Grüne. Langfristig sei auch die Produktion von gut speicherbarem Wasserstoff denkbar, der im Bedarfsfall wieder in Strom umgewandelt werden könnte. „Hier müssen wir in naher Zukunft zu großindustriellen Umsetzungen kommen“, fordert der Politiker.

Eines sei dringlicher denn je, meint Lippold: Der Ausstieg aus der Kohleverstromung. Er beruft sich auf den Sachverständigenrat für Umweltfragen, der genau diesen Ausstieg in einem aktuellen Statement fordert und der Bundesregierung bis 2020 die Abschaltung der dreckigsten Kraftwerke empfiehlt. „Dazu gibt es keine Alternative“, meint der Grüne und fügt hinzu: „Wenn wir hochindustrialisierte Nation unsere Klimaschutzziele nicht erreichen und zum Vorreiter werden – wer soll es dann schaffen?“

„Wir brauchen eine Dekarbonisierung auf allen Gebieten einschließlich der Energiewirtschaft. Da stimme ich mit dem Anliegen der Grünen zu hundert Prozent überein“, erklärte Kobe. „Der Unterschied besteht in der Annahme, dieses Ziel könnte durch den Ausbau volatiler erneuerbarer Energiequellen erreicht werden.“ Die „Fauleier“ der Stadtentwässerung seien ja durchaus ein guter Ansatz. „Sie können einen großen Anteil des Energiebedarfs des Unternehmens decken. Aber können sie das auch für die ganze Stadt?“, fragt Kobe.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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