Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Das tragische Ende eines Fluchtversuchs aus Dresden
Dresden Lokales Das tragische Ende eines Fluchtversuchs aus Dresden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:13 01.11.2018
Das repressive Grenzregime der DDR veranlasste viele Menschen zu Fluchtversuchen, die immer wieder tragisch endeten. Quelle: Archiv/imago
Dresden

Es dürfte einer der tragischsten Fluchtversuche gewesen sein, die es zu DDR-Zeiten gegeben hat. Im September 1977 tritt der Dresdner Elektro-Ingenieur Wolfgang Schumann einen zweiwöchigen Urlaub an. Am 6. September verlässt er die gemeinsame Wohnung in Dresden-Dölzschen, die er mit seiner geschiedenen Frau und der kaum zwei Jahre alten Tochter bewohnt. Wohnungen sind knapp in der DDR. Die Familie wird ihn nie wieder sehen.

Schumann hatte sich zu einer Flucht nach Bayern entschieden. Der Historiker Jan Gülzau hat solche Versuche an der Grenze zwischen dem heutigen Sachsen und Tschechien sowie Bayern und Sachsen untersucht und seine Erkenntnisse jetzt bei einer Veranstaltung in der Dresdner Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) vorgestellt. Genaue Zahlen zu Fluchtversuchen gibt es wohl nicht, weder zum 41 Kilometer langen Grenzabschnitt nach Bayern noch zu den 454 Kilometern Grenze nach Tschechien.

Flucht über sozialistische Drittländer

Nach den Unterlagen der Staatssicherheit sollen zwischen 1975 und 1988 insgesamt 1617 Personen die Flucht über ein sozialistisches Drittland gelungen sein, gleichzeitig seien 17 918 Fluchtversuche verhindert worden.

„Was die ermittelten Opferzahlen betrifft, so kam ich in meiner Untersuchung auf insgesamt 21 Tote – 11 zur bayerischen Grenze und 10 zur tschechoslowakischen“, schildert Gülzau die Erkenntnisse aus seiner Studie am Hannah-Arendt-Institut (HAIT). Von den 21 Toten waren neun DDR-Bürger beziehungsweise Bewohner der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), welche bei dem Versuch, ihr Land zu verlassen, erschossen wurden, tödlich verunglückten, Minen auslösten oder sich angesichts ihres gescheiterten Vorhabens das Leben nahmen.

Regime-Opfer Wolfgang Schumann. Quelle: Jan Gülzau/Grenzopfer an der sächsisch-bayrischen und sächsisch-tschechoslowakischen Grenze/HAIT

Elf Menschen aus Ost und West (darunter drei BRD-Bürger und ein tschechoslowakischer Staatsangehöriger), wurden nach Gülzaus Erkenntnissen „wahrscheinlich oder nachweislich ohne jede Fluchtabsicht erschossen“ und ein Soldat der CSSR-Grenztruppen starb, weil er von einem fahnenflüchtigen Angehörigen der Nationalen Volksarmee erschossen wurde.

Scharfe Schüsse auf Grenzverletzer

Dazu muss man wissen, dass erst ab 1972 jeder DDR-Bürger mit Ausweis ins Nachbarland reisen durfte, nach dem die Visumspflicht abgeschafft worden war. Davor herrschte auch an der Grenze zur CSSR ein rigides Grenzregime, bei dem auf Grenzverletzer scharf geschossen wurde – Grenzsicherungsanlagen wie Kontrollstreifen und mehrgliedrige Stacheldrahtbefestigungen inklusive. Das sei vor allem vom sozialistischen Nachbarn ausgegangen, der damit versuchte, die Flucht seiner Landsleute über die DDR nach West-Berlin zu unterbinden, so lange das noch relativ einfach war.

Es mag an der Macht der Bilder liegen, vermutet Gülzau, dass Maueropfer aus Berlin im kollektiven Gedächtnis stärker verankert sind als Opfer an der tschechischen Grenze. Generell sei es die Absicht der Stasi gewesen, an allen Grenzen „Republikfluchten“ möglichst schon im Vorfeld zu unterbinden. Gülzau: „Jeder Grenztote, der im Westen bekannt wurde, war schlecht fürs Image, umso mehr seit den 1970er Jahren, als sich auch die DDR zumindest offiziell zum Prinzip der Reisefreiheit bekannte – so in der KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975.

Angehörige ließ die Stasi im Ungewissen

Geheimhaltung war die oberste Devise, es galt, dass möglichst wenige Menschen überhaupt Kenntnis von dem Toten erlangten. So wurden die wahren Todesumstände den Angehörigen oftmals nur unzureichend mitgeteilt. Außerdem wurden Angehörige im Anschluss oftmals intensiv überprüft und observiert, um etwaige Mitwisser und -täter aufzuspüren.

Am 07.11.1977 wird im bayerischen Kaufbeuren ein hydraulischer Spritzgussmaschine aus der DDR angeliefert. Bei der Inbetriebnahme entdecken Mitarbeiter die Leiche eines jungen Mannes. Ermittlungen ergeben, dass es sich um einen 28-jährigen Ingenieur aus Dresden handelt. Wolfgang Schumann hatte die auf dem Foto der Stasi dargestellten Dinge mit in sein Versteck genommen. Zum Schutz hatte er Lebensmittel und Werkzeug in Folie eingeschweißt. Quelle: BStU

So war es auch bei Wolfgang Schumann, der beim VEB Plast- und Elastverarbeitungsmaschinen-Kombinat Karl-Marx-Stadt, Betrieb Plastmaschinenwerk Freital arbeitete. Dem ausgeprägten Individualisten war nach Gülzaus Recherchen offenbar das Korsett des real existierenden Sozialismus aus eingeschränkter Reisefreiheit, mangelnden Entfaltungsmöglichkeiten privat und beruflich sowie der Unmöglichkeit, sich wirkungsvoll für Umweltfragen einzusetzen, zu eng geworden. Nach einem gescheiterten Ausreiseantrag wurde Schumann im Betrieb von der Forschungsabteilung in die Instandhaltung versetzt.

Dresdner kam aus Urlaub nicht zurück

Der begeisterte Höhlenkundler plante nun den illegalen Weg. Am 6. September 1977 verschwand er. Am 21. wäre sein Urlaub eigentlich zu Ende gewesen. Am 26. September meldete ihn seine Mutter bei der Polizei als vermisst.

Wann genau Schumann seinen Plan in die Tat umsetzte, wird wohl immer offen bleiben. Er hatte sich für seine Flucht eine Spritzgussmaschine (KuASY 800/250) ausgesucht, die sein Betrieb auch in den Westen exportierte. Das Gerät sollte einmal zur Herstellung von Kunststoffteilen dienen. Im 1,60 Meter mal 1,02 Meter mal 0,54 Meter großen Hydrauliköltank der Maschinen wollte Schumann in die Freiheit gelangen. Für einen Probebetrieb war der Tank zeitweise mit Öl gefüllt, was Schumann nach Gülzaus Vermutung möglicherweise unterschätzte, als er mit Proviant für einige Tage hineinkroch. Erst am 29. September ging die Maschine schließlich auf die Reise. Schon zu diesem Zeitpunkt wird Schumann nach menschlichem Ermessen tot gewesen sein, meint Gülzau: „Erstickt aufgrund der schlechten Sauerstoffzufuhr und an den verbliebenen Ölresten im Tank.“

Eine Leiche im Tank

Anfang November beginnt in Kaufbeuren der Aufbau der Maschine. Beim Transport und auch beim neuen Besitzer hatte es Verzögerungen gegeben. Und auch die Installation machte Probleme, die Maschine lief nicht richtig. Die Ursache wurde nicht so schnell gefunden, bis sich die Monteure, einer davon aus Freital, entschlossen, die Ölpumpe auseinanderzunehmen. Sie stießen auf Plastikbeutel, Kleidung, schließlich einen „weichen Widerstand“. So wurde erst am Abend des 7. November die Polizei in Kaufbeuren informiert: im Tank lag eine Leiche.

Zu vertuschen gab es für die Stasi nichts. Der Fall ging schnell durch die West-Presse. Doch auch bei der Suche nach Fluchthelfern in Schumanns Umfeld blieb der DDR-Geheimdienst in diesem Fall trotz aller Anstrengungen erfolglos.

Von Ingolf Pleil

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Laser, Bio-Brüter, Gas-Chromatographen – die jungen Experimentatoren des Schülerlabors „DeltaX“ im „Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf“ haben nun viel ausgefeiltere Gerätschaften, in die geheimnisvollen Welten der Naturwissenschaften einzudringen. Möglich macht dies ein Neubau auf dem HZDR-Campus.

01.11.2018

Der Stadtrat soll am Donnerstag über die Finanzierung von rund 550 000 Euro für die Jahre 2019 und 2020 für die Universitätsschule entscheiden. Die Verwaltung schlägt vor, dass die Stadt den zusätzlichen Finanzierungsbedarf der Schule trägt. Ein Vorschlag, der den CDU-Fraktionsvorsitzenden Jan Donhauser auf die Palme bringt.

01.11.2018

Im Entwurf für den städtischen Haushalt Doppelhaushalt 2019/2020 fehlen 75 Millionen Euro. Das hat die CDU-Fraktion berechnet. „Es handelt sich um Versäumnisse der Verwaltung“, erklärt der Vorsitzende Jan Donhauser.

01.11.2018