Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Uniklinik-Vorstand: „Das System ist ungerecht, aber für alle gleich“
Dresden Lokales Uniklinik-Vorstand: „Das System ist ungerecht, aber für alle gleich“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:43 15.09.2018
Ausgeklügelte Managementleistung: Professor Michael Albrecht. Quelle: Philip Benjamin
Dresden

Das Städtische Klinikum steckt in den roten Zahlen. Und das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus? Es hat im vergangenen Jahr einen Gewinn von 5,3 Millionen Euro erwirtschaftet. Professor Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums, erläutert gegenüber DNN, wieso sein Haus in den schwarzen Zahlen steht – obwohl es keine Konkurrenzvorteile gegenüber dem Städtischen Klinikum hat, wie Albrecht betont.

Frage: Der Vorwurf ist oft zu hören: Der Freistaat Sachsen fördert Investitionen in Krankenhäusern nur zu 80 Prozent, während die Universitätskliniken 100 Prozent ihrer Investitionskosten erstattet bekommen. Stimmt das?

Michael Albrecht: Genau das ist nicht so. Auch bei uns beträgt die Förderquote nicht 100 Prozent. Bei den anderen Krankenhäusern muss der Träger die Differenz zwischen Fördersumme und Investitionskosten tragen. Beim Städtischen Klinikum zahlt die Stadt die fehlenden Investitionsmittel als Zuschuss und gleicht das Defizit aus. Wir sind aber laut Gesetz kein Krankenhaus, sondern eine Lehr- und Forschungseinrichtung. Der Bund zahlt dem Freistaat eine jährliche Summe für die Finanzierung der Wissenschaftseinrichtungen. Wir stehen in einer Schlange mit den anderen Universitäten.

"Wir sehen keinen Vorteil auf unserer Seite."

Was bedeutet das für Ihre Investitionsvorhaben?

Ein Beispiel: Der Neubau der Psychiatrie hat uns in der Entwicklung elf Jahre Zeit gekostet. Wir brauchen das Gebäude seit über 15 Jahren. Die Kosten betragen 95 Millionen Euro, von Land und Bund erhalten wir aber nur 52 Millionen Euro. Das heißt, die Förderquote liegt bei 66 Prozent, das ist deutlich schlechter als die 80 Prozent. Die Differenz fördern wir aus dem eigenen Haushalt. Wir müssen uns an jedem Neubau mit Eigenmitteln beteiligen. Und wir müssen bei jedem Bau auch die Ansprüche an Forschung und Lehre erfüllen. Wir bauen nicht nur eine Psychiatrie, sondern schaffen auch Räume für die Forschung und richten ein Zentrum „Gesundes Altern“ ein. Das hat nicht direkt mit der Krankenversorgung zu tun.

Sie stehen bei der Förderkulisse schlechter da als andere Krankenhäuser?

Die Ungerechtigkeit liegt auf unserer Seite, weil wir ein Krankenhaus der Maximalversorgung sind, gleichzeitig aber nicht automatisch wie Krankenhäuser 80 Prozent der Investitionskosten erhalten. Wir müssen einen hohen Eigenbeitrag erwirtschaften. In den normalen Fall-Pauschalen, die wir von den Krankenkassen erhalten, ist aber kein Cent für Investitionen enthalten. Das Geld gibt es nur für den laufenden Betrieb. Früher war die Investitionsquote wenigstens an die erbrachten Leistungen gebunden und wir fordern seit langem, dass wir dazu zurückkehren.

Was bedeutet das für das Universitätsklinikum?

Wir haben einen größeren Investitionsstau als zum Beispiel das Städtische Klinikum. Wenn bei uns Geräte abgeschrieben sind, müssen wir sie mit hohen Eigenmittelanteilen ersetzen. Wir sehen keinen Vorteil auf unserer Seite.

Es ist aber häufig zu hören, dass Sie sich die Geschäftsfelder aussuchen und nur lukrative medizinische Disziplinen anbieten. Ist das korrekt?

Wer etwas von Krankenhausbedarfsplanung versteht, kann da nur den Kopf schütteln. Es gibt in Sachsen nur drei Krankenhäuser der Maximalversorgung: Leipzig, Chemnitz und Dresden. Die Rechtsaufsicht wacht darüber, welches Leistungsspektrum und welche Fallzahlen wir mit den Kostenträgern vereinbaren. Seit 2002 werden alle Krankenhäuser unabhängig von ihrem Status gleich bezahlt. Sie erhalten die sogenannten DRG-Pauschalen. Wir haben einen höheren Aufwand beim Erbringen der Leistungen, erhalten aber das gleiche Geld.

"Bei Einstellungen setzen wir auf eine langfristige Perspektive"

Sie können sich nicht aussuchen, welche Angebote Sie unterbreiten?

Wir können uns das Leistungsvolumen nicht aussuchen. Wenn wir es überschreiten, verlieren wir 50 Prozent der Vergütung. Das Uniklinikum beantragt beispielsweise seit Jahren eine Erhöhung der akutgeriatrischen Betten, bekommt sie aber nicht. Wenn ich etwas neu anbieten will, dann muss ich mit den Kostenträgern verhandeln. Wenn wir nur aufs Geld schauen würden, müssten wir Hüft-Operationen am Fließband machen. Aber wir haben als Maximalversorger den Auftrag, jeden Patienten zu behandeln. Hinter uns kommt nichts mehr.

Wie schaffen Sie es, schwarze Zahlen zu schreiben?

Dahinter steckt die ausgeklügelte Managementleistung, sich am Jahresanfang zu überlegen, was und wieviel angeboten werden soll und wie es sich mit hoher Effizienz umsetzen lässt.

Es heißt auch, Sie könnten großzügig mit Drittmitteln planen. Korrekt?

Forschungsaufträge müssen eingeworben werden. Da sind wir sehr erfolgreich, weil wir sehr innovativ sind. Wir werben 50 bis 60 Millionen Euro Drittmittel pro Jahr ein. Dieses Geld wird aber für Forschung gezahlt und nicht für die Behandlung von Patienten. Da gibt es keine Vermischung.

Das Universitätsklinikum könne mit übertariflichen Zulagen Personal von anderen Krankenhäusern abwerben, wird auch oft erklärt. Tun Sie das?

Die Rekrutierung von Personal ist Aufgabe eines guten Managements. Bei Einstellungen setzen wir auf eine langfristige Perspektive von zehn, 15 und teilweise 20 Jahren und überlegen, wie wir gute und wichtige Leute ansiedeln können, die in den Leistungsverbund passen. Wir sind tarifgebunden und zahlen den Tarif der Länder. Das ist nicht üppig. Auch wir haben Probleme damit, dass Fachärzte von anderen Häusern abgeworben werden. Wir haben die Möglichkeit, in bestimmten Bereichen eine außertarifliche, marktgerechte Vergütung zu vereinbaren. Aber das ist beispielsweise am Städtischen Klinikum nicht anders. Alle unsere Chefärzte sind gleichzeitig berufene Professoren. Da stehen wir in bundesweiter Konkurrenz. Und jetzt schauen wir uns bitte noch die Chefarztpositionen bei anderen Kliniken an: Da finden wir häufig Oberärzte des Universitätsklinikums, die bei uns ausgebildet worden sind. Ich will nicht falsch verstanden werden: Es ist unsere Aufgabe, Mediziner so auszubilden, dass sie in der Region arbeiten. Gerade erst hat uns ein Oberarzt verlassen und ist nach Riesa gegangen.

"Es ist nicht so, dass man als Verantwortlicher für 7000 Beschäftigte ruhig schlafen kann."

Wie sieht es beim Pflegepersonal aus?

Das ist unsere größte Baustelle. Das Berufsbild ist viele Jahre lang schlechtgeredet worden. Das spüren wir. Wir fahren seit Jahren Rekrutierungsprogramme, geben 7,8 Millionen Euro pro Jahr für Ausbildung aus. Wir bemühen uns intensiv um ein gutes Arbeitsklima und individuelle Arbeitsbedingungen – beispielsweise arbeiten 40 Prozent unserer Pflegekräfte in Teilzeit. Die Bezahlung ist besser geworden, die Perspektiven sind gut. Im Pflegebereich liegt der Altersdurchschnitt bei 39 Jahren. Allein für das neue Haus 32 gab es einen Bedarf von 145 neuen Pflegefachkräften. Deshalb haben wir lange daran gearbeitet, dieses Personal zu rekrutieren. Gutes Management muss diese Frage kontinuierlich auf dem Schirm haben. Der Konkurrenzkampf beim Pflegepersonal bleibt aber für alle hart. Da geht es nicht um ein paar Euro mehr oder weniger, sondern um Faktoren wie die Arbeitsbedingungen, Perspektiven und Spezialausbildungen.

Was machen Sie mit den Gewinnen?

Schwarze Zahlen machen auch unabhängig von politischen Konstellationen. Eigentlich müssen wir nur die schwarze Null halten. 5,3 Millionen Euro sind ein Prozent unseres Umsatzes. Es ist nicht so, dass man als Verantwortlicher für 7000 Beschäftigte ruhig schlafen kann. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, geht es auch bei uns ins Minus. Der Freistaat kompensiert den Verlust aber nicht automatisch wie das beispielsweise die Stadt beim Städtischen Klinikum macht. Die Investitionsmittel sind nicht auskömmlich, wir sind froh darüber, Eigenmittel zu erwirtschaften. Den Gewinn investieren wir. Damit schaffen wir Geräte an oder decken Dächer. Wir haben keine Gebäude, die vor sich hinrotten. Wir versuchen, uns Luft zu verschaffen, damit wir zusätzlich Dinge in Ordnung bringen können. Wenn das Uniklinikum über mehrere Jahre immer ein Minus erwirtschaften würde, müssten wir uns hinterfragen, was wir falsch machen. Das System ist ungerecht, aber für alle gleich. Ich bin seit 25 Jahren hier am Universitätsklinikum und weiß genau: Management- und Strategiefehler wirken sich nicht in einem Jahr aus, sondern nach zehn oder 15 Jahren. Ich bin stolz auf unser Haus und unsere Mitarbeiter, die schwer dafür arbeiten, dass es dem Klinikum auch wirtschaftlich gut geht.

Von Thomas Baumann-Hartwig

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Volkswagens Elektro-Bolide I.D.R ist in Dresden. Der Rennwagen hatte im Juni beim Pikes Peak-Rennen in Colorado Geschichte geschrieben. Nun ist er vom 15. bis zum 23. September in der Gläsernen Manufaktur Dresden zu bestaunen.

15.09.2018

Politikverdrossenheit und Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung aber auch lebhaften Diskussionen zur Zeitgeschichte prägen die Politikkultur Sachsens. Das Podium nimmt sich diesen Problemen an.

15.09.2018
Lokales Chinesischer Pavillon - Das Chinesische Mondfest

Der Vollmond steht im Reich der Mitte für Einheit und Harmonie, Besucher des Chinesischen Pavillons können diese Tradition nun kennen lernen.

14.09.2018