Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Damit Glückshormone eine Chance haben
Dresden Lokales Damit Glückshormone eine Chance haben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:14 07.08.2018
Man ist zwar nicht völlig losgelöst von der Erde, wenn man in der Schwebebahn sitzt, aber ein erhebendes Gefühl stellt sich schon ein. Quelle: Repro aus „Glücksorte in Dresden“
Anzeige
Dresden

Wie sehr genießen Sie Ihr Leben? Es gibt nicht viele Staaten, die ihren Bürgern solche Fragen stellen. Die Deutschen, bekanntlich Weltmeister im Jammern, ob nun Ossi oder Wessi, werden sich diese Frage verbitten, in Bhutan ist sie gang und gebe. Mit einem dicken Fragebogen misst das Himalaya-Königreichs schon mal sein „Bruttonationalglück“, das seit dem Jahr 2008 als Ziel in der Verfassung verankert ist. Den Begriff hat in den siebziger Jahren der damalige König Jigme Singye Wangchuck geprägt - als Alternative zum Bruttoinlandsprodukt, seitdem orientieren sich die Entwicklungspläne und auch die Politik des Landes in Richtung individuelles Glück der Menschen. Klare Regeln für Wirtschaft, Gesundheit, Förderung für Umweltschutz, Historisches und Bildung wurden verfasst, denn der Kernaussage eines Liedes der Gruppe Geier Sturzflug, nämlich „Ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt / Wir steigern das Bruttosozialprodukt “, kann der Bhutaner aber auch rein gar nichts abgewinnen.

„Dresden macht glücklich“ ist nun auf der letzten Seite eines Buches abgedruckt, das verspricht, zu „Glücksorten in Dresden“ zu führen, die dafür sorgen, dass im Körper Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, Endorphine, Phenethylamin und Oxytocin produziert wird, also das, was landläufig unter „Glückshormone“ verbucht wird. Alles in allem sind es 80 solche Glückshormone freisetzende Örtlichkeiten, die Christine Fischer auserkoren hat. Einige dieser Glücksorte sind traditionsreich, viele versteckte Geheimtipps, manche manche ganz persönliche Empfehlungen, die einer näheren Überprüfung der Tat wert sein könnten.

Zum Carolasee im Großen Garten pilgern die Dresdner nun schon seit über 120 Jahren. Das Carolaschlösschen wurde 1945 zerstört, entstand aber bis 1999 neu. Quelle: buch dresden DNN

Die Begeisterung der Autorin, Jahrgang 1951, spiegelt sich jedenfalls auf jeder Seite wider: Sie lädt nicht nur in diverse Theater, Kirchen, Parks und Museen, die üblichen verdächtigen Sehenswürdigkeiten also, sondern auch in die Pieschener Lindenallee, zum Heiligen Born in Leubnitz-Neuostra oder auf die Pferderennbahn in Seidnitz. Immer wieder zeigt sich, dass manchmal ein kleiner Perspektivwechsel genügt, und im Nu ist das Glück gefunden: zwischen Kamelien, Kometen und einer uralten Eiche, auf dem Teller bei Eierschecke, Christstollen oder sächsischem Sauerbraten, in originellen Geschäften mit Farbtöpfen und Milchseife. Ganz ehrlich, welcher Reiseführer lotst einen schon zur Kaditzer Emmauskirche mit der mit farbiger Schablonenmalerei versehenen Kassettendecken in Saal und Chor? Ein wirklich guter Tipp – und es finden sich mehrere dieser Art in dem Buch.

So manche Touristen erreichen Dresden auch auf dem Elberadweg. Quelle: buch dresden DNN

Aber leider finden sich auch diverse ungenaue Formulierungen, hier und da sogar eindeutige Fehler. Wenn Christine Fischer schreibt, dass alle neun Dampfer der Sächsischen Dampfschifffahrt original erhalten sind, so wäre eigentlich zu ergänzen, dass diese neun halt nun der Rest dessen bilden, was der Zweite Weltkrieg übrig gelassen hat. Oder da wäre die Aussage, dass Dresden ohne Sempers Opernhaus um einen bedeutenden Glücksort ärmer wäre. Naja, die Semperoper ist in der Tat hinreißend schön, aber ohne Opernhaus wäre die Stadt schon nicht geblieben, es wäre nur halt ein anderer Bauherr zum Zuge gekommen. Ähnlich schludrig die Aussage, mit der Eröffnung des Kraftwerks Mitte sei die Qual der Wahl in puncto abendlicher Freizeitgestaltung „durch eine weitere Spielstätte positiv erschwert“ worden. De facto hat das Kraftwerk Mitte „nur“ die alten Spielstätten von Staatsoperette, Theater Junge Generation und Puppentheater ersetzt, so bescheiden deren Dasein am Rande der Stadt zugegebenermaßen war. Unpassend auch, dass Fischer in ihren Ausführungen zum Dresdner Malkasten in der Neustadt die Altstadt u.a. als Ort von Schickimicki-Hotels und noblen Boutiquen ausmacht. Ganz ehrlich, sind denn die Boutiquen in der Königsstraße, also in der Inneren Neustadt, nicht ausgesprochen nobel?

So manche Touristen erreichen Dresden auch auf dem Elberadweg. Quelle: buch dresden DNN

Oder da wären die Ausführungen zu Friederike Neuber und dem Denkmal, mit dem die „Mutter der deutschen Schauspielkunst“ in Laubegast geehrt wird. Es mag ja sein, dass „die Neuberin“ um „niveauvolle, dichterisch künstlerische Stücke“ verdient machte, aber man könnte natürlich auch spöttisch fragen, ob da nicht jemand ziemlich selbstherrlich und anmaßend war, als sie den beim von ihr zwangsbeglückten Volk beliebten Hanswurst von der Bühne verbannte? Richtig falsch ist die Aussage im Kapitel zum Glücksort Panometer, die Preußen hätten Dresden im Sommer 1760 besetzt. Nein, sie haben die Stadt belagert, beschossen und schwer zerstört, aber letztlich blieb die Belagerung erfolglos. Nicht richtig ist auch die Mitteilung, unter der imposanten Kuppel der Yenidze würden am Wochenende für Kinder und wochentags für Erwachsene Märchen vorgetragen. Natürlich wird am Wochenende für Erwachsene gespielt, abends. Und dass der Unternehmer der Orientalischen Tabak- und Zigarettenfabrik Yenidze (also wohl Hugo Zietz, den Fischer allerdings nicht namentlich nennt) in der Kuppel aus farbigem Glas einen „Frauenruheraum“ einrichten ließ, habe ich noch nie gehört. Aber gut, lassen wir das als Behauptung einfach mal im Raum stehen.

Christine Fischer: Glücksorte in Dresden. Fahr hin und werd glücklich. Droste Verlag, 168 S., 14,99 Euro. Quelle: buch dresden DNN

Von Christian Ruf

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Nirgendwo werden Raser derzeit so oft erwischt wie an der Bergstraße. Dort wartet man auch nach einem halben Jahr vergeblich auf den eigentlich erwünschten Gewöhnungseffekt an die Geschwindigkeitskontrolle. Das Ordnungsamt will nun vier weitere neue Blitzer in Dresden installieren.

08.08.2018

Sonnenliebhaber können sich den ersten November rot im Kalender markieren: Mit dem Winterflugplan wird eine neue direkte Flugverbindung vom Airport Dresden nach Agadir in Marokko angeboten.

07.08.2018

Im Finanzamt Dresden-Süd laufen die Telefone heiß: Das vor drei Jahren gestartete Angebot bearbeitet Monat für Monat Tausende Anrufe.

07.08.2018
Anzeige