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DNN-Gespräch mit Jesuitenpater Frido Pflüger zur Zuwanderung

„Gelassen und mit Übersicht auf die Dinge gucken“ DNN-Gespräch mit Jesuitenpater Frido Pflüger zur Zuwanderung

Am Mittwoch spricht Jesuitenpater Frido Pflüger im Sächsischen Landtag zum Thema „Was wir schaffen wollen – Beiträge zur Zuwanderung“. Pflüger weiß genau, wovon er spricht. Der ehemalige Leiter des Dresdner St. Benno-Gymnasiums hat von Kenia aus die Flüchtlingshilfe des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes für ganz Ostafrika koordiniert.

Pater Frido Pflüger war zehn Jahre lang Schulleiter des St. Benno-Gymnasiums. Später hat er von Kenia aus die Flüchtlingshilfe des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes für ganz Ostafrika koordiniert.
 

Quelle: Sebastian Kahnert/Archiv

Dresden.  Am 25. Januar hält Jesuitenpater Frido Pflüger im Plenarsaal des Sächsischen Landtags einen Vortrag zum Thema „Was wir schaffen wollen – Beiträge zur Zuwanderung“. Der heutige Leiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS) Deutschland war zehn Jahre lang Schulleiter des Dresdner St. Benno-Gymnasiums. Später hat Pater Pflüger von Kenia aus die Flüchtlingshilfe des JRS für ganz Ostafrika koordiniert. Er weiß also genau, wovon er spricht.

„Was wir schaffen wollen“ heißt Ihr Vortrag. Was wollen wir schaffen?

Es sind so viele Leute aus der Not heraus gekommen. Sie suchen Schutz bei uns. Ich denke mir, dass wir ihnen in einer anständigen Weise Hilfe gewähren müssen. Sie sollen bei uns gut leben können. Sie können mit ihrer eigenen Kultur unsere Gesellschaft bereichern.

Das Problem ist, dass immer Leute aufeinander treffen, die keine Ahnung voneinander haben, oder?

Genau deshalb haben wir Deutschen auch solche Angst vor den Flüchtlingen und sie vor uns. Wir wissen nicht, wie sie ticken und sie wissen es nicht von uns. Das lässt sich am besten bei Begegnungen, im Austausch herausfinden.

Deutschland hat 2015 für europäische Verhältnisse sehr viele Flüchtlinge aufgenommen...

Das ist richtig und gut. Vergessen wird hierzulande aber oft, dass Millionen Flüchtlinge mit einer großen Selbstverständlichkeit in afrikanischen Ländern aufgenommen werden. Fast 30 Prozent der Flüchtlinge weltweit leben in Afrika, im Nahen Osten und in Nordafrika sind es fast 40 Prozent und in Europa 6 Prozent.

Sie haben lange Jahre in Afrika gearbeitet. Entspricht das, was bei uns in Deutschland über die Medien ankommt, der Wirklichkeit in z.B. Uganda oder Kenia?

Nicht so ganz. In Uganda zum Beispiel gibt es inzwischen wieder Hunderttausende Flüchtlinge. Davon hören wir überhaupt nichts. Durch die Kriege im Nahen Osten bleibt nicht mehr viel Platz für das Elend in Afrika. Auch Spenden bleiben aus. Aber die Menschen dort leben in unwürdigen Situationen. Da müssen wir uns doch drum kümmern.

Zurück nach Deutschland. Wie kann Integration hier gelingen?

Der wichtigste Punkt ist, dass die Leute Deutsch lernen, dass sie unsere Kultur in den Integrationskursen kennenlernen und dass sie bald arbeiten können. Leider bekommen nicht alle Flüchtlinge diese Möglichkeit.

Kurse gibt es nur für Flüchtlinge, die gute Bleibeperspektiven haben. Ist das nicht in Ordnung?

Nein, denn die anderen – das sind oft die aus den sicheren Herkunftsländern – bleiben ja auch oft über Jahre hinweg hier. Das bedeutet, dass sie irgendwo mit großer Langeweile sinnlos dahocken, weil sie weder arbeiten noch die Kurse machen dürfen. Das ist gefährlich. Wenn diese Leute etwas lernen könnten, dann ist das doch keine verlorene Liebesmüh. Und sie verbringen ihre Zeit ordentlich.

Können Sie die Sorgen der Anhänger von Pegida nachvollziehen?

Ich kann sie zum Teil verstehen. Bei meinen Vorträgen treffe ich auch viele Leute, die sich Sorgen machen und Angst haben. Ich glaube, dass die Sorgen zum Teil berechtigt sind. Wir wissen noch nicht genau, was auf uns zukommt. Und wir dürfen uns auch nicht vormachen, dass wir das einfach so locker wegstecken werden. Bis jetzt klappt es zwar. Uns geht es wirtschaftlich gut im Moment, und wir haben eine niedrige Arbeitslosenquote.

Was sagen Sie den Leuten, um ihnen ihre Ängste zu nehmen?

Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder die Besorgnis treibt uns in eine totale Angst hinein, aus der dann der ganze Zorn und Hass erwächst, vor dem wiederum die Flüchtlinge Angst haben. Oder wir bleiben zuversichtlich und schauen dahin, wo die Integration klappt. Es gibt so viele Menschen, die sich zur Verfügung gestellt und geholfen haben – eine irrsinnig gute Erfahrung, die wir in Deutschland machen, finde ich. Das hätten wir doch gar nicht gedacht in den satten Jahren. Bei mir persönlich ist die Zuversicht gekoppelt mit meinen religiösen Überzeugungen. Das ist ja der hauptsächliche Sinn von Glauben. Wir haben im Übrigen in Deutschland in der Vergangenheit schon mehrfach bewiesen, dass eine Integration möglich ist. Denken Sie beispielsweise an die vielen Spätaussiedler, die nach 1993 hierher gezogen sind.

Es muss auch darum gehen, die Bevölkerung zu schützen, also Anschläge wie den in Berlin zu verhindern...

Die rechtlichen Bedingungen haben wir. Neuer Gesetze bedarf es nicht. Wir brauchen eine gute, eine besonnene Polizei. Und wir sollten das Gespräch suchen mit Menschen, die an der Grenze leben. Diese sogenannten Gefährder sind ja nicht Gefährder von Geburt an. Die Frage ist, warum sie so geworden sind, was sie in anderen Ländern oder bei uns vermisst haben. Das müssen wir trotz allem immer wieder versuchen. Einen anderen Weg gibt es nicht. Vor allem aber müssen wir die Flüchtlinge und uns selbst schützen vor dem ganzen Hass.

Wie weit sollte Integration gehen? Sollten Frauen in Deutschland voll verschleiert gehen dürfen oder nicht?

Da bin ich ein bisschen gespalten. Auf der einen Seite finde ich Vollverschleierung nicht gut. Das Gesicht zu zeigen, ist in unserer Kultur unheimlich wichtig. Man will sehen, mit wem man es zu tun hat. Die Frage ist nur, schränke ich wegen ein paar weniger Leute unter Umständen Grundwerte wie Religionsfreiheit ein? Die Gegenfrage ist: Kann ich verstehen, warum das für sie so wichtig ist? Wir müssen lernen, gelassen und mit Übersicht auf die Dinge zu gucken.

Sie leiten den Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland. Wo engagiert sich der JRS?

In 50 Ländern weltweit – ganz stark in Afrika und im Nahen Osten, also in Syrien, im Libanon, im Nordirak und in Jordanien. In Syrien haben wir 400 Mitarbeiter und Freiwillige. Sie verteilen Lebensmittel. Allein in Aleppo werden pro Tag 15 000 Mittagessen ausgegeben. Und die Freiwilligen schauen, dass sie für Kinder einen friedlichen Ort einrichten, so dass sie am Tag auch einmal spielen und ein bisschen Unterricht machen können.

Sie sind Flüchtlingsseelsorger in Berlin und Vertreter des Erzbistums in der Berliner Härtefallkommission. Mit welchen Problemen kommen die Menschen?

Es sind immer existenzielle Probleme. Die Leute sind von der Abschiebung bedroht, leben also in einer absolut unsicheren Situation – und das oft schon seit Jahren. Darunter sind viele Leute aus dem Balkan, auch aus Asien und Afghanistan, die schon ewig in Deutschland wohnen. Das sind mitunter so wirre Lebensläufe, dass man sich fragt, wie die Menschen das aushalten. Manche sind gesundheitlich so schlecht beieinander, dass sie eigentlich nirgendwo anders mehr hinkönnen. Wir sind ein Team von acht Leuten und haben jeden Mittwoch fünf Stunden lang Sprechstunde. Ich komme gerade aus der Sitzung der Kommission. Wir hören uns das an und gucken, ob das, was rechtens ist, auch gerecht ist. Denn das ist nicht unbedingt das Gleiche.

Wer entscheidet dann?

Die letzte Entscheidung liegt beim Innensenator. Der kann Gnade vor Recht ergehen lassen. Das macht er in der Hälfte der Fälle. Das ist manchmal frustrierend. Denn wir schauen uns ja vorher genau an, wen wir unterstützen. Wir führen lange Gespräche, wir argumentieren, wir suchen die ganzen Dokumente heraus, und am Ende bleibt es doch bei der Abschiebung.

Vortrag zur Zuwanderungsdebatte mit Pater Frido Pflüger, 25. Januar, 19 Uhr, Plenarsaal des Sächsischen Landtags, Bernhard-von-Lindenau-Platz 1, Anmeldung unter Ruf: 4 93 51 74

Von Katrin Richter

Dresden, Bernhard-von-Lindenau-Platz 1 51.05689 13.73226
Dresden, Bernhard-von-Lindenau-Platz 1
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